"Wer, um alles in der Welt, wählt so ein lebensfremdes Neutrum zum Bürgermeister???"

"Nur Scheiße im Hirn, nichts Sinnvolles."

In Wirklichkeit war die Geschichte komplizierter, dafür aber sehr viel weniger dramatisch, als man es sich in Nordrhein-Westfalen vorstellte. Folgendes war passiert: Das Bezirksamt kümmert sich nicht nur um öffentliche Klos, sondern ist auch im Besitz von 32 Werbeflächen. Die Vermarktung übernimmt die Firma Ströer. Mit Ströer gibt es aufgrund eines Beschlusses der Bezirksverordnetenversammlung folgende Absprache: Wenn die Werbung sexistisch ist, soll sie nicht auf einer der bezirkseigenen Flächen gezeigt werden. Die Kriterien, was sexistisch ist und was nicht, entsprechen weitgehend denen des Deutschen Werberats. Das heißt: keine Darstellung von Nacktheit ohne inhaltlichen Zusammenhang, keine Verharmlosung von sexueller Gewalt und so weiter. Zeigt also die Werbung eines Rohrreinigungsunternehmers einen unbekleideten Frauenhintern und macht dazu einen naheliegenden Witz, wird das Motiv nicht auf einer der Werbeflächen hängen, die dem Bezirk gehören. Auf allen anderen der Zehntausenden Flächen in Berlin darf der Hintern hängen, solange sich niemand beim Werberat beschwert. Ein Bezirksamt kann keine Werbung verbieten. Es kann nur jene Kunden ablehnen, mit denen es nicht zusammenarbeiten will. So wird es zum Beispiel in Ulm und Bremen seit 15 Jahren gehandhabt.

Am Telefon sagt der Sprecher des Bezirksamts: Er würde sich freuen, wenn es ähnliche Aufmerksamkeit für andere Initiativen gäbe, etwa für das neue Videoangebot in Gebärdensprache für Hörbehinderte.

Doch warum sollte das den Hassenden interessieren? Es geht ihm ja nicht um Berliner Stadtpolitik: Es geht ihm um sein eigenes großes Gefühl, und große Gefühle brauchen keine Argumente. Wer Sorge hat, dass in Deutschland der Sexismus ausstirbt, könnte sich auch vor Augen halten, dass Flatrate-Puffs immer noch legal sind. Aber die Wirklichkeit ist dem Hass egal – auch darin ist er der Liebe verwandt. Um das berühmte Liebesgedicht von Erich Fried abzuwandeln: Es ist Unsinn, sagt die Vernunft. Es ist, was es ist, sagt der Hass.

Wenn der Hass aber so wenig mit der Realität zu tun hat, wie entsteht er dann? Warum verwendet jemand freiwillig so viel Energie darauf, andere zu verabscheuen, wo es doch viel Schöneres auf der Welt zu erleben gibt?

Im Hassenden muss etwas wirken, das noch mächtiger ist als der Wunsch, in Frieden zu leben. Es ist seine eigene Verletzlichkeit.

Der Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz hat ein Buch mit dem Titel Die narzisstische Gesellschaft geschrieben. Seine These lautet sinngemäß so: Die Menschen seien schon immer narzisstisch gewesen, das gehöre zu ihrem Wesen. Doch heute werde Narzissmus nicht nur toleriert, sondern belohnt. Ein Narzisst ist jemand, dessen Selbstliebe von der Bestätigung anderer abhängt. Er sucht also nicht nach Liebe und Nähe, die immer Schmerz und Streit mit sich bringen – der Narzisst sucht nach Bewunderung. Und damit wird heute großzügig umgegangen: Wer bewundert werden will, findet ganz sicher ein Publikum, und wenn es nur die 1000 Menschen sind, die einem auf Instagram folgen und Komplimente zum neuen Schuhwerk machen. Man überlässt es heute nicht mehr den Profis, sich in Szene zu setzen. Welche meiner Witze kommen gut an? Welches Reiseziel lässt mich weltläufig erscheinen? Wie muss ich auf Fotos gucken, damit man mein Doppelkinn nicht sieht? Mit diesen Fragen setzt man sich heute wie selbstverständlich auch dann auseinander, wenn man keine Person des öffentlichen Lebens ist, sondern nur einen Facebook-Account hat.

Wer ein narzisstisches Defizit hat, ist wahrscheinlich gut darin, die richtigen Antworten auf diese Doppelkinn-Fragen zu finden – besser jedenfalls als der, dem es nicht ganz so wichtig ist, welches Bild er abgibt. Als Narzisst kann man es heute also weit bringen. Die Achillesferse des Narzissten aber ist seine Kränkbarkeit.

Denn er ist nicht nur auf den Applaus anderer aus, er verliert auch die Orientierung, wenn der Applaus ausbleibt. Wir erinnern uns an die Mythologie: Narziss wollte immer nur sich selbst sehen. Ein Narzisst muss sich spiegeln in seinen Mitmenschen, um sich zu spüren, und kann es nicht fassen, wenn jemand etwas anderes denkt und fühlt als er selbst.

Ein Stück Stoff, das eine Frau sich als Ausdruck ihres Glaubens an Gott um den Kopf bindet, kann dann als Provokation empfunden werden. Umgekehrt funktioniert es natürlich auch: Dann besteht die Brüskierung darin, dass eine Frau ihr Haar nicht bedeckt.

Die bayerischen Touristen, die im Jüdischen Museum die Aufseher beschimpfen, die deutschen Palästinenser, die die Juden hassen, die Steine werfenden Linksextremisten und die brandstiftenden Fremdenhasser: Sie ertragen ihr Gegenüber nicht, weil sie sich darin beim besten Willen nicht wiedererkennen.

"Kein Mensch", schreibt Hans-Joachim Maaz, "hätte Interesse, andere zu verfolgen und schlechtzumachen, wenn er nicht selbst auf narzisstischer Kränkungswut wie auf einem Pulverfass sitzen würde."

Wenn man sich bedroht fühlt, fällt das Hassen leicht. Es ist gut möglich, dass es sich dann wirklich so anfühlt, als suche man Schutz. Nicolaus Fest, Journalist und Sohn des verstorbenen FAZ- Herausgebers Joachim Fest, ausgestattet mit allen Privilegien, die dieses Land zu bieten hat, sagte neulich in einem Interview mit der rechtsradikalen Zeitung Junge Freiheit, er mache sich wegen der vielen Flüchtlinge so große Sorgen um Deutschland, dass er seinen Kindern geraten habe, später mal das Land zu verlassen. Nachdem er seinen Posten in der Chefredaktion der Bild- Zeitung wegen eines diskriminierenden Kommentars aufgeben musste, schreibt Fest inzwischen ein Blog, fast für sich allein. Manchmal bekommt er ein paar Kommentare. Über viele Zeilen ist von Kopfabschneidern und Vergewaltigern die Rede: Es ist die Stimme eines Mannes, der mit dem Rücken zur Wand steht.

57 Prozent der Deutschen fühlen sich inzwischen vom Islam bedroht, unabhängig vom Bildungsniveau. Das hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung festgestellt. Man glaubt, man könne den Islam besser ertragen, wenn man ihn nicht vor Augen hat: Keine Minarette sollen zu sehen sein, das Schächten ist verboten. Andersherum klappt es mit der Anpassung noch nicht so gut: Jedes Jahr verbringen 100.000 Deutsche ihren Urlaub auf den Malediven, in einem streng islamischen Land, wo sie sich knapp bekleidet an den Strand legen und sich einen bunten Cocktail genehmigen.