Die Geschichte der Hohenzollern wiederholt sich nicht. Doch sie wird immer besser. Die Wiedervereinigung war noch kein Jahr alt, als der Sarg Friedrichs des Großen aus dem Exil auf Schloss Hechingen – dem alten Stammsitz des Hauses in Württemberg – nach Potsdam überführt und an der Terrasse von Schloss Sanssouci beigesetzt wurde, gleich neben Friedrichs geliebten Windhunden. 2002 beschloss der Bundestag den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses: außen Barock, innen Beton und mit Humboldt gefüllt. 2010 brachte das "Luisenjahr" zum 200. Todestag der Königin einen Strom erfolgreicher Biografien sowie den Parks und Schlössern Brandenburgs und Berlins 2,3 Millionen Besucher. In Hechingen wurden Sommerabende unter dem Motto "Chillen mit Friedrich" zum Erfolg. Christopher Clarks hervorragende Bücher über Preußen als Iron Kingdom, den von Schlafwandlern ausgelösten Ersten Weltkrieg und Kaiser Wilhelm II. als faszinierend schillernde Figur erreichten Bestsellerhöhen.

Zeitgleich ist der antipreußische Alarmismus, der etwa noch während der Ära Kohl zu vernehmen war, verstummt. Ehemalige Bedenkenträger sind konvertiert, im Ruhestand oder verstorben. Mit guten Argumenten wurde Preußen allmählich aus dem Gemisch liberaler, katholischer, demokratischer, süddeutscher, westalliierter und kommunistischer Preußenkritik befreit, das sich hier und da zu schwarzen Legenden verklebt hatte.

In diese Linie der Normalisierung schien sich zu fügen, dass die Hohenzollern für eine Reihe von Enteignungen unter sowjetischer Besatzung entschädigt würden, welche die Familie unmittelbar nach Kriegsende 1945 getroffen hatten. Der Antrag auf Entschädigung stammt aus dem Jahr 1991, das, worum juristisch gerungen wird, ist unterdessen auf die fast schon symbolische Summe von 1,2 Millionen Euro geschrumpft; allerdings hängen am Verfahren weitere Forderungen in anderen Bundesländern.

Der Staat hat die Gewährung von Entschädigungen mit einem historisch begründeten Widerhaken versehen, der es erschwert, solche Zahlungen an Land zu ziehen. So formuliert das 1994 ausgefertigte Ausgleichsleistungsgesetz in Paragraf 1 den Ausschluss von Entschädigungsleistungen für Fälle, in denen der Berechtigte oder seine Erben "dem nationalsozialistischen oder dem kommunistischen System in der sowjetisch besetzten Zone oder in der Deutschen Demokratischen Republik erheblichen Vorschub geleistet" haben. Zwar stellt das Gesetz "Drittes Reich" und DDR ungewöhnlich schwungvoll gleich, doch bot sich wenig Anlass, unter den Hohenzollern nach Unterstützern kommunistischer Regime zu fahnden.

Juristisch geprüft hingegen wird seit einigen Jahren, ob der zum Zeitpunkt der Enteignung amtierende Familienchef – Wilhelm Prinz von Preußen (1882 bis 1951), Kronprinz und ältester Sohn Kaiser Wilhelms II. – dem Nationalsozialismus "erheblichen Vorschub geleistet hat". Für die Hohenzollern geht es erstens um Geld, das aus den Steuerkassen zu begleichen und an Georg Friedrich Prinz von Preußen, den derzeitigen Chef des Hauses, zu überweisen wäre. Zweitens um das Renommee, weil Gesetz und Juristen explizit die Rolle der deutschen Herrscherfamilie bei der Installierung des "Dritten Reiches" hinterfragen. Der Prinz kämpft um Erbe und Ehre!, titelte die Bunte im März 2015. Darüber hinaus stellt sich die von Konservativen seit jeher nicht gern diskutierte Frage, was sich über das Verhältnis der alten Eliten zum Nationalsozialismus sagen lässt. Und schließlich fasziniert die Verzahnung von Zeitgeschichte und Rechtsprechung.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

In allen Verfahren, die den genannten Paragrafen berühren, sind Juristen gehalten, komplexe Fragen der deutschen Vergangenheit zu beurteilen. In Kanzleien und Ministerien haben dokumentarischer Fleiß und juristische Künste ein kleines Paralleluniversum der Geschichtsforschung erschaffen, das von materiellen Interessen und historischen Dilettanten beherrscht wird. Relativ spät im Verfahren muss jemandem aufgefallen sein, dass es eine Wissenschaft gibt, die sich damit beschäftigt, und dass über die Zeit vor 1945 eine Reihe von Kenntnissen vorliegt, sodass man Fachhistoriker um ihre Einschätzung bitten könnte.