Takato Murase ist es leid. Wenn er nicht so ein höflicher und zurückhaltender Mann wäre, müsste man es wahrscheinlich sogar so sagen: Takato Murase könnte kotzen. Über die ewig gleichen Witze, die dummen Sprüche. Den Spott. Takato Murase weiß: An diesem Wochenende geht die Spott-Saison für ihn wieder los. Die Bundesligasaison.

Er ist Fan, Fußballfan, und für seinen Verein hatten seine Freunde in den vergangenen Monaten nur Häme übrig. "Wann gewinnt ihr eigentlich mal?", fragten ihn die Dortmund-Fans, die dem japanischen Mittelfeldstar Shinji Kagawa zujubeln. "Was macht ihr nur mit all eurem Geld?", fragen ihn die Fans von Hannover 96, wo gleich zwei Japaner spielen. "Wie kann es sein, dass wir Mainzer mehr Fans haben als ihr?", fragen ihn seine Freunde, die für einen Verein schwärmen, dessen Stadt sie gar nicht kannten, bis Shinji Okazaki in dieser Stadt Tor um Tor schoss.

Ja, wie kann das sein?

Das kann sein, weil Takato Murase, 24 Jahre alt, Einwohner von Kawasaki, am Südrand Tokios, HSV-Fan ist. Ihm ging es damit in den vergangenen Jahren mindestens so schlecht wie all den Menschen aus Barmbek und Norderstedt, die das Trikot mit der Raute im Schrank hängen haben und am Wochenende nichts lieber tun, als es anzuziehen, um es im Volksparkstadion zu tragen.

Aber Takato Murase lebt eben nicht in Barmbek oder Norderstedt. Sondern 9000 Kilometer vom Volksparkstadion entfernt – Luftlinie. Mit dem Flugzeug sind es gut 14 Stunden. Seine Liebe hält das aus.

Seine Geschichte könnte dem Verein Hoffnung geben: Es gibt Menschen, die werden immer zu ihm halten – und sei es nur, weil es so kurios ist, Fan des Hamburger Sport-Vereins zu sein. Kurushimu heißt "Leiden" auf Japanisch. Aidentiti heißt "Identität". Takato Murase wird diese beiden Wörter in den nächsten Stunden oft benutzen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Er sitzt in einem Café im Zentrum von Kawasaki, neben laut piepsenden Ticketautomaten, im weißen Heimtrikot der vergangenen Saison. "Wir mussten viel durchmachen", sagt er gleich zu Beginn. Sein Blick ist der eines Mannes, der viel gelitten hat.

Seit zehn Jahren ist Takato Murase glühender HSV-Fan. Wenn man sich überlegt, wie viele Deutsche es wohl gibt, die mitten in der Nacht aufstehen würden, um einem angeschlagenen japanischen Sumo-Ringer beim Kämpfen gegen den Untergang zuzujubeln, ist das eine erstaunliche Angelegenheit. Allerdings ist Takato Murase – wie schon ein Blick auf seinen Freundeskreis zeigt – bei Weitem nicht der einzige Japaner, der der Fußballbundesliga verfallen ist. Die Bundesliga boomt in Japan. Bei fast jedem Erstligisten ist ein japanischer Spieler unter Vertrag, und so gibt es Fans deutscher Clubs in Tokio, Osaka und Sapporo. Die offizielle Website der Bundesliga, Bundesliga.de, gibt es auf Deutsch, Englisch, Polnisch – und auf Japanisch.

In großen Städten werben die Gesichter japanischer Stars für das Merchandising ihrer deutschen Vereine. Denn anders als sonst wo im Ausland kennen die Japaner nicht nur Bayern München, Bayern München und Bayern München. Sie wollen auch Spiele von Hertha BSC Berlin und dem 1. FC Nürnberg sehen.

Früher wollten viele auch Spiele des HSV sehen. Früher. Heute ist Takato Murase zum Sonderling geworden.

Und weil er eh nicht mehr zurückkann, ist er irgendwann nach vorn geflohen. Nach Hamburg-Tonndorf. Dazu später.