Kanzlerin Angela Merkel und IWF-Chefin Christine Lagarde im Juni 2012 in Berlin © Jesco Denzel/Bundespresseamt/Getty Images

Manchmal verdichtet sich Geschichte in einem Bild. So wie auf jenem Foto, das den früheren indonesischen Präsidenten Suharto zeigt, wie er in gebückter Haltung einen Kreditvertrag unterzeichnet. Der damalige Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF) steht mit verschränkten Armen daneben und blickt auf den Staatsmann herab. Das Foto wurde am 15. Januar 1998 aufgenommen, Indonesien stand vor der Pleite und war auf Hilfe angewiesen.

Angela Merkel hatte womöglich eine solche Situation im Sinn, als sie vor fünf Jahren durchsetzte, den IWF an der Rettung Griechenlands zu beteiligen – gegen den Willen Frankreichs. Für die Bundeskanzlerin war der Währungsfonds eine Art verlängerter Arm der deutschen Bundesregierung. Der IWF sollte den Griechen Haushaltsdisziplin beibringen, so wie er seit seiner Gründung vor mehr als einem halben Jahrhundert Krisenländern rund um den Erdball Disziplin beigebracht hatte.

Doch nun vergeht kaum ein Tag, an dem IWF-Chefin Christine Lagarde sich nicht mit neuen Forderungen in die Rettungspolitik einmischt – und fast alle sind in Angela Merkels großer Koalition unpopulär: Lagarde will einen Schuldenerlass für Griechenland, sie will, dass die Bundesregierung mehr investiert, und sie will, dass die Europäische Zentralbank die Zinsen niedrig hält. Der Wunschpartner – er wird immer mehr zum Angstgegner.

In der kommenden Woche soll der Bundestag über ein drittes Rettungspaket für Griechenland entscheiden. Die Zustimmung fällt vielen Unionsabgeordneten schwer, die Sparvorgaben für Griechenland wurden wegen des dramatischen Einbruchs der Wirtschaft aufgeweicht. Umso wichtiger ist es für die Unionsfraktion, dass wenigstens der IWF die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt. Auch deshalb ist die Entfremdung zwischen Berlin und Washington politisch so brisant.

Die Geschichte dieser Entfremdung beginnt in den späten neunziger Jahren. Damals arbeitet ein aufstrebender deutscher Volkswirt in der Washingtoner Zentrale des IWF. Sein Name: Jens Weidmann. Weidmann – heute Präsident der Bundesbank. Es ist die Zeit, in der der Währungsfonds als eine Hochburg des Neoliberalismus gilt. In Afrika, Asien und Lateinamerika setzt er Sparprogramme und freie Märkte durch – oft allerdings ohne Rücksicht auf die sozialen Folgen. Später ist Weidmann als Merkels oberster Wirtschaftsberater maßgeblich an der Einbindung des IWF beteiligt.

In Washington rennen die Deutschen offene Türen ein. Es sind schlechte Zeiten für die globalen Finanzwächter. Niemand will ihren Rat hören – und wegen der strengen Sparauflagen finden sie auch kaum Abnehmer für ihre Kredite. Der einst mächtigen Institution droht die Bedeutungslosigkeit. Für die mehr als tausend meist gut bezahlten Ökonomen des Fonds geht es um die Existenz. Der IWF finanziert den laufenden Betrieb – allein die Personal- und Reisekosten summieren sich auf rund eine Milliarde Dollar im Jahr – vor allem über Kreditgebühren. Wenn die Kredite ausbleiben, dann gibt es auch weniger Gebühren. Die Beteiligung an der milliardenschweren Griechenlandrettung ist aus Sicht des IWF deshalb auch das: ein Bombengeschäft.

Der Währungsfonds ist nicht mehr die Vorhut neoliberaler Invasoren

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Nur mit der Rollenverteilung ist man in Washington nicht einverstanden. Die Ökonomen haben längst damit begonnen, Lehren aus den teilweise verheerenden Folgen der klassischen Reformprogramme zu ziehen. So steht heute beispielsweise in den internen Richtlinien des Fonds, dass bei der Ausarbeitung von Reformauflagen auf deren "Auswirkungen auf die Einkommensverteilung" zu achten sei, damit diese nicht die Ärmsten der Armen treffen. Die Anpassungsprogramme seien "nicht mehr so hart wie früher", sagt Marco Annunziata, Chefökonom der italienischen Großbank UniCredit. Schon als 2010 das erste Rettungspaket mit den Griechen ausgehandelt wird, plädieren die Experten des Fonds dafür, dem Land einen Teil seiner Schulden zu erlassen. Sie können sich indes gegen die Bundesregierung nicht durchsetzen, ohne Gefahr zu laufen, den Großauftrag zu verlieren.

Vorangetrieben hat diese Wende vor allem ein Mann: Olivier Blanchard. Der Franzose leitet die mächtige Forschungsabteilung des IWF. Im Jahr 2013 veröffentlicht er eine Studie, aus der hervorgeht, dass ehrgeizige Sparprogramme schädlich für die Wirtschaft sein können. Für den konservativen Währungsfonds kommt das einer Revolution gleich.