Hörner im Jazz, das sind zuvörderst Trompete und Saxofon. Der Posaune, in New Orleans einst gestartet als Rhythmusinstrument an der Seite der Tuba, fehlt das letzte Strahlen, die ultimative Beweglichkeit. Sie ist, wenn man so will, ein B-Instrument.

Interessanterweise hat die B-Republik Deutschland, die den Jazz nach dem Krieg aus Amerika importierte, den bisher wohl bedeutendsten Posaunisten hervorgebracht, Albert Mangelsdorff (1928 bis 2005). Anfang der siebziger Jahre erfand er das mehrstimmige Spiel auf dem eintönigen Instrument, indem er, während er blies, durch das Mundstück sang und auf diese Weise eigentümlich schwebende Harmonien erzeugte.

Hört man das neue, vierte Album des Joe Fiedler Trios, denkt man bei den ersten Tönen: Ist das Albert? Und in der Tat hat der 1965 in Pittsburgh geborene und seit 1993 in New York lebende Amerikaner Fiedler den Deutschen Mangelsdorff zum Vorbild. Der Jazz aus Deutschland strahlt in sein Ursprungsland zurück und hallt nach. Wie schön ist das.

Fiedler hat aber noch andere Helden, und beim Hören fällt uns auf, dass es doch schon etliche tolle Posaunisten gegeben hat. Der schmissige Ray Anderson klingt an, der süffige Chris Barber, der herzerfrischende Al Grey, und während wir Stück um Stück in den Sog dieses Albums geraten, fallen uns noch ein paar mehr Namen ein: vom Oldtime-Beschleuniger Trombone Shorty bis zum ostdeutschen Freigeist Conny Bauer, vom Swing des Tommy Dorsey bis zum Funk des Joseph Bowie. Und dann ist da ja noch Nils Wogram aus Braunschweig, der nicht nur virtuos spielt, sondern auch Komponist und Bandleader ist – wie Fiedler.

Die Aufzählung mag einen Eindruck von der Universalität Fiedlers geben. Er liebt die Posaune und ihre vielfältigen Möglichkeiten, die aus ihren Handicaps erwachsen. Das Trio mit Rob Jost am Bass und Michael Sarin am Schlagzeug ist perfekt eingespielt, ohne je routiniert zu wirken. Die Posaune kombiniert ihre rhythmisierten Melodien mit dem mal gestrichenen, mal pointiert gezupften Bass, der sich wiederum mit dem Schlagzeug verfugt, auf dem fast nur getrommelt wird. Die Becken halten sich zurück.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

So ergibt sich ein dichtes, im Kern enggeführtes Klanggeschehen, in dem Genres verschiedener Jahrzehnte aufschimmern. Das Album I’m In taucht ein in Blues und Latin, Swing und Free. Es hat Schwung und Druck und setzt Akzente auf allen Ebenen. Zudem ist es perfekt aufgenommen. Man hört jedes Detail.

Erstaunlich ist die Balance zwischen Populärem und Experimentellem, die sich auch in Fiedlers Biografie zeigt. Sein Weg führte ihn vom punktgenauen Glenn Miller Orchestra bis hin zum irrlichternden Cecil Taylor. Fiedler spielte für Wyclef Jean von den Fugees, für Jennifer Lopez und Celia Cruz. Nebenher und vor allem ist er aber der musikalische Direktor der Sesamstraße. Sogar das hat er also mit dem idealtypischen Posaunisten gemein: Sinn für Humor.