Ist dieses Bild "national wertvoll"? Ein Besucher betrachtet Bilder des Malers Georg Baselitz im Albertinum in Dresden. © ROBERT MICHAEL/AFP/Getty Images

Noch immer wallt der Pulverdampf über das Schlachtfeld. Als die Pläne zur Verschärfung des Kulturgutschutzgesetzes vor einigen Wochen bekannt wurden, ließen ihre Gegner unverzüglich schwerste Geschütze an der Erregungsfront auffahren. Aus allen Rohren feuerten sie auf die noch unbefestigten Stellungen der Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters. Ende des freien Handels! Kalte Enteignung der Sammler! Martialische Einzelkämpfer wie Georg Baselitz stürzten sich kopfüber ins Gefecht, nun sichern in der zweiten Kolonne gewiefte Strategen wie der Sammler Hasso Plattner die Flanken.

Doch worüber wird da im Kern eigentlich gestritten? So überlaut waren die Drohungen und Wehklagen, dass eine Debatte über die wichtigsten Fragen bislang ausblieb. Was soll das eigentlich sein: "Kulturschutz"? Was ist unter "national wertvoll" zu verstehen? Und warum soll für diese Nationalgüter künftig viel strenger geprüft werden, ob sie außer Landes verkauft werden dürfen?

Herkömmlichen Lesarten zufolge entstand Kultur, um Menschen vor der Grausamkeit der Natur zu schützen. Architektur, um unabhängig zu werden von den klimatischen Verhältnissen. Bilder, um symbolische Herrschaft über Dinge und Lebewesen zu erlangen. Kunst, um eine ästhetische Pufferzone zwischen unerbittlicher Natur und unerbittlichen Gesetzen zu schaffen. Mittlerweile sind es aber paradoxerweise wir, die die Kultur schützen. Wovor? Vor nichts Geringerem als uns selbst, besser gesagt: vor unserer selbst gemachten, erneut grausamen Natur 2.0 – dem Markt.

So zumindest argumentiert man im Ministerium: Man müsse sich gegen die Marktkräfte wappnen. Schon Nietzsche erkannte, "dass jede siegende zweite Natur zu einer ersten wird". Offenbar ist der Markt für die Kultur nun das, was einst die Natur für uns war, und Kulturschutz mithin die Fortsetzung des Naturschutzes in postnaturalen Zeiten. Kultur darf sich damit der gleichen Wertschätzung wie seltene Molcharten und moribunde Singvögel erfreuen.

Naturschutz und Kulturschutz kommen meist dann ins Spiel, wenn Natur und Kultur in ihren palliativen Zustand eingetreten sind. Die Tatsache, dass sich Staaten genötigt sehen, Artefakte auf Listen bedrohter Arten zu setzen, heißt im Klartext, dass sich niemand sonst für ihren Schutz zuständig fühlt. Gelebte Kultur ist verankert im Sozialen. Untote Kultur muss durch Paragrafenpfählung arretiert werden. Man stelle sich, ein wenig idealisierend, eine tiefreligiöse Gemeinde vor. Diese würde ihre wundertätige Marienfigur wohl mit Leib und Leben vor der Freisetzung auf den ketzerischen Märkten bewahren. Wer aber würde dieses oder jenes Werk Georg Baselitzens mit Leib und Leben verteidigen? Wer würde sich schützend vor einen Gerhard Richter werfen, wenn kapitalistische Häscher anrücken?

Was an Kunst und Kultur in den Museen lagert, hat meist keine größere Bedeutung für jene, die angeblich Träger der "nationalen" Kultur sind, sprich, das deutsche Volk (was immer das sein soll). Umgekehrt kann dessen Gleichgültigkeit oder Missgunst gegenüber Kunst und Kultur sogar ein Hinweis auf ihre Wichtigkeit sein. In der "Multioptionsgesellschaft" (Peter Gross) sind Kollektivsingulare wie "national wertvoll" oder, wie es im Gesetz so ulkig heißt, "gemeindeutsches Interesse" jedenfalls gerade mit Blick auf Kunst und Kultur reine Schimären. Das ist gut so – wo es keinen komfortablen Kanon gibt, muss man Übereinkunft erarbeiten, muss man irgendwie begründen können, warum es neben Helene Fischer vielleicht doch noch eine Schutzmantelmadonna von Holbein braucht.