Bruton. Ein kleines Dorf 200 Kilometer südwestlich von London, irgendwo zwischen Glastonbury und Stonehenge. Was zuerst ins Auge fällt, ist die ausnehmend elegante Schlichtheit der Szenerie. Bescheiden und doch sehr vornehm, fügen sich die kleinen historischen Kapellen, Cottages, Antikläden und Gärtchen des Ortes in die immergrüne Hügellandschaft der Grafschaft Somerset ein. Nur in England kann der Luxus mit so viel Understatement daherkommen.

Hauser & Wirth Somerset, das Kunstzentrum der Schweizer Galeristen Iwan und Manuela Wirth, verstärkt diesen Eindruck des Bukolischen noch. Es befindet sich auf der Durslade Farm, einem Bauerngehöft aus dem 18. Jahrhundert, das vom Pariser Architekten Luis Laplace mit großer Zurückhaltung instand gesetzt wurde. Der Komplex aus Kunsthalle, Restaurant, Museumsshop und Boutiquewohnungen für Künstler und Gäste wirkt understated und sehr teuer zugleich. Die historischen Steingebäude wurden so weit wie möglich im Originalzustand belassen, und die modernen Erweiterungsgebäude fügen sich nahtlos in die Farb- und Materialpalette des Landstrichs ein. Zwischendrin ein paar überlebensgroße Freilandskulpturen: eine Spinne von Louise Bourgeois, eine begehbare Plexiglas-Kurve von Dan Graham, eine Plastik von Alexander Calder und der prähistorisch anmutende Pavillon von Smiljan Radic, der im vergangenen Jahr noch vor der Londoner Serpentine Gallery stand. Der niederländische Gartenarchitekt Piet Oudolf hat eine Anlage aus Staudenbeeten mit verschiedenen Schafgarben-, Sonnenhut- und Distelsorten beigesteuert, die in weitläufigen Wellen aus Violett-, Rot- und Orangetönen in die Landschaft ausläuft.

Jenny Holzer schaut sich forschend unter den Eröffnungsgästen um. Mit ihrer schwarzen Jeans, dem schwarzen Baumwollhemd und ihren ergrauenden, langen Haaren sieht die 65-jährige New Yorkerin ein bisschen aus wie ein alternder Rockstar. Softer Targets, die Sommerausstellung bei Hauser & Wirth Somerset, ist eine Mischung aus Retrospektive und groß angelegter Verkaufsschau. Mit der Unterstützung des britischen Kunstsammlers Anthony d’Offay und des Teams der Galerie hat sie die Schau selbst kuratiert.

Vom Dachgiebel der Threshing Barn, einer Feldsteinscheune, wo einmal Korn gedroschen wurde, hängt Move, eine neue LED-Arbeit. Der zweieinhalb Meter große Leuchtschrift-Stalaktit spielt in allen Farben des Regenbogens den Text eines zensierten Untersuchungsberichts der US-Armee über den Tod des afghanischen Kriegsgefangenen Jamal Naseer ab und reagiert dabei in Intensität und Rhythmus unheimlicherweise auf die Bewegungen der Betrachter. Im Innenhof sind einige von Holzers bekannten Granitbänken arrangiert, in die Gedichte, lakonische Beobachtungen oder politische Aufrufe gemeißelt sind. An den Wänden hängen neue Gemälde, die sich mit Zensur oder dem euphemistischen Jargon geheimer US-Kriegsdokumente auseinandersetzen. Holzers Lustmord Table, ein Arrangement menschlicher Knochen, das auf die sexuelle Gewalt in Kriegen aufmerksam macht, hat einen eigenen Raum bekommen. Es ist eine beeindruckende Ausstellung. Die Preise reichen von 50.000 US-Dollar für kleine Blaupausen aus der frühen Truism-Serie bis zu 1.500.000 US-Dollar für eine große LED-Arbeit. Viele Stücke sind schon vor dem Eröffnungstag an britische Museen und internationale Privatsammlungen verkauft.

Mit drei anderen Mega-Galerien teilt sich Hauser & Wirth den Weltmarkt auf

Dass große Galerien Ausstellungen präsentieren, die in Ausmaß und Qualität Museumsschauen den Rang ablaufen, ist in den vergangenen Jahren fast schon normal geworden. Hauser & Wirth jedoch ist die erste Galerie, die sich selbst eine Art Museum errichtet hat. Seit das Kunstzentrum in Somerset im Sommer vergangenen Jahres eröffnet wurde, sind fast 130.000 Besucher und über 100 Schulklassen gekommen, um sich große Pompon-Skulpturen der Britin Phyllida Barlow anzuschauen, abstrahierte Naturbilder des Chinesen Zhang Enli oder die eigenwilligen Video-Environments der Schweizerin Pipilotti Rist, die zudem auch noch ziemlich charmante Wäscheleinen mit beleuchteten Baumwollunterhosen auf dem Gelände aufhängte. Der Eintritt ist frei, und jede Ausstellung wird von einem ambitionierten Bildungsprogramm flankiert. Selbst erklärtes Ziel ist es, neue Zuschauerschichten für zeitgenössische Kunst zu begeistern.

Iwan Wirth spricht viel vom "Zurückgeben", wenn er von Somerset redet. Zusammen mit Künstlern, Mitarbeitern und Freunden sitzt der bärtige 45-Jährige auf Strohballen vor dem Radic-Pavillon. Es gibt sehr gut gemachte Burger und saisonales Biogemüse von den ausgedehnten Ländereien der Familie. Für ihn sei Somerset ein mythischer Landstrich, sagt er. Er interessiert sich für Landwirtschaft und geht zusammen mit seinen Söhnen und einigen befreundeten Kunstsammlern gerne in der Gegend jagen. Er betont, dass er Hauser & Wirth Somerset vor allem als ein philanthropisches Projekt verstehe: "Kommerzielle Gründe haben uns nicht motiviert, 300 Jahre alte morsche Gebäude zu restaurieren, der Gemeinde einen Schrebergarten zu stiften, den Oudolf-Garten zu realisieren, den Serpentine-Pavillon hier zu installieren oder eben Kunstvermittlung auf höchstem Niveau anzubieten. Es war die Leidenschaft für die Kunst, die Künstler und die Menschen hier."