Nichts deutete darauf hin, dass dieser Song Geschichte schreiben würde. Otis Redding habe Respect nicht einmal selbst singen wollen, erinnert sich sein Tourmanager Earl Simms. Am Ende landete das Stück dann doch auf der legendären Otis Blue-LP, die Redding an einem heißen Sommertag und in einer heißen Sommernacht des Jahres 1965 in nur 24 Stunden einspielte.

Das Album galt schon bei seinem Erscheinen vor 50 Jahren als Meisterwerk; Redding war längst ein Star. Um Respect allerdings – das zweite Stück auf der A-Seite – blieb es vergleichsweise still. Es war nichts weiter als die Klage eines verheirateten Mannes, der von seiner Frau anständig behandelt werden möchte, wenn er nach Hause kommt, wo er ihr, seinem "honey", doch all sein "money" gebe: "All I’m asking is for a little respect when I come home." Niemand hätte gedacht, dass dieses Lied einmal zu einer Hymne der Bürgerrechtsbewegung werden würde.

Doch genau das geschah. Als sein Schöpfer es knapp zwei Jahre später hörte, vorgetragen von einer 25-jährigen Gospelsängerin, musste er eingestehen: "Ich habe meinen Song verloren. Dieses Mädchen hat ihn mir weggenommen." Dieses Mädchen war Aretha Franklin. Sie stellte das Lied in jeder Hinsicht auf den Kopf. Sie machte aus Reddings herausgebellter Ehe-Posse ein politisches Statement und einen Welthit.

Warum ihr gelang, was Redding nicht schaffte, ist mehr als eine pophistorische Frage. Denn die Geschichte von Respect ist nicht nur die des wohl berühmtesten Soulsongs aller Zeiten, sie handelt auch von den inneren Konflikten Amerikas während der sechziger Jahre, jenes großen Jahrzehnts des Kampfs um die Bürgerrechte.

1965, als Redding das Lied schrieb, schaffte es der Voting Rights Act durch den Kongress; endlich konnte den schwarzen Bürgern in den Südstaaten das Wahlrecht nicht mehr durch schikanöse Gesetze vorenthalten werden. Ein Jahr zuvor hatte Martin Luther King zu Füßen des Lincoln Memorial in Washington vor Hunderttausenden von seinem "Traum" gesprochen; das Bürgerrechtsgesetz wurde verabschiedet. Vor dem Hintergrund dieser Erfolge mutet es verwunderlich an, dass zwei Jahre danach ausgerechnet die gesungene Minimalforderung nach "ein wenig Respekt" dem Freiheitsdrang der Afroamerikaner Ausdruck verlieh – immerhin hatten sich 1967 Teile der Bewegung längst radikalisiert und wollten nichts Geringeres als Black Power und eine Revolution.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

Doch so bescheiden, wie man meinen könnte, ist der Liedtext keineswegs. Im Gegenteil – handelt er doch in seinem Kern vom Geld und von der Erfahrung, dass es nicht reicht. Ja, in gewisser Weise berührte der Song schon die Frage, an der die Bürgerrechtsbewegung schließlich scheiterte und die bis heute ungelöst ist: die Frage nach der sozialen und ökonomischen Gleichheit.

Ums Geld – mindestens so sehr wie um die Kunst – drehte sich auch das schwarze Showbusiness. Unter besonders heiklen Bedingungen hatten sich dabei Musiker wie Otis Redding zu behaupten, die Protagonisten des Southern Soul aus den Südstaaten der USA, wo Schwarze und Weiße bis in die sechziger Jahre hinein auf getrennten Parkbänken und Bussitzen Platz nehmen mussten. Trotzdem entstanden gerade hier, im rassistischen Süden, Musik und Schallplatten in enger schwarz-weißer Zusammenarbeit. Bei Firmen wie dem stilprägenden Stax-Label in Memphis stiegen Afroamerikaner sogar ins Management auf, während in den Studios "Nigger" und "Whiteys" gemeinsam den schwarzen Rhythm and Blues mit weißen Country-Einflüssen zu einem neuen Sound verschmolzen.

Was Aretha Franklin Otis Redding voraus hatte

Kaum ein anderer verkörperte diesen Sound – erdig, bluesig, rau – so eindrucksvoll wie Otis Redding. Und wie etliche seiner Kollegen begnügte er sich nicht mit der Rolle des "singenden Negers". Er gründete sein eigenes Label, förderte andere Künstler. Schwarze wie weiße Kollegen schätzten Redding als einen Mann, der "sich 100-prozentig ums Geschäft kümmerte", schreibt der amerikanische Musikkritiker Peter Guralnick in seinem 1986 erschienenen Standardwerk Sweet Soul Music. Reddings Manager Phil Walden zufolge war Redding so anerkannt, dass ihn sogar der örtliche Ku-Klux-Klan respektierte.

Es nach ganz oben schaffen, Geld machen, einen Cadillac fahren: Aufgewachsen in einem Sozialwohnungskomplex in Macon mit einem tuberkulosekranken Vater, der die Familie mehr schlecht als recht ernähren konnte, strebte der 1941 geborene Redding von Anfang an nach dem großen Erfolg. Von seinen ersten Gigs brachte er 25 Dollar die Woche nach Hause – eine Menge Geld für die Familie. Mitte der Sechziger stiegen seine Konzertgagen auf fünfstellige Summen, und sein Management prahlte, Redding besitze 200 Anzüge und 400 Paar Schuhe. Er hatte sich seinen Respekt verdient.

Um den gleichnamigen Song zu dem zu machen, was er wurde, aber reichten Ehrgeiz und musikalisches Genie nicht aus. Gewiss: Redding war mit jeder Faser seines Körpers Musiker ("Ich esse die Musik und schlafe mit der Musik"), doch es gab etwas, was ihm fehlte. Die junge Aretha Franklin brachte es mit.

Sie verkörperte eine andere Facette des Soul, seinen Ursprung in der Kirche. Zwar hatte auch Redding als Junge in einem Gospelchor gesungen, seine Musik aber wurzelte sehr viel tiefer im Blues, in den Gesängen der baumwollpflückenden Sklaven und der chain gangs in Ketten gelegter schwarzer Häftlinge. Aretha Franklin hingegen, Tochter des Prediger-Superstars Reverend C. L. Franklin, hatte eine lupenreine Gospelstimme.

Soul als musikalisches Genre war entstanden, als Gospelsänger es wagten, von weltlichen Dingen im Gewand der geistlichen Musik zu erzählen: als mit "love" nicht mehr die Liebe zu Gott, sondern die zu einer Frau, zu einem Mann gemeint war, als die religiöse Ekstase in eine erotische umschlug und sich die Kirchenmusik mit weltlichen Stilen wie Rhythm and Blues, Jazz und Country vermischte. Umgekehrt entwickelten, von einem gospelgeschulten Soulsänger interpretiert, selbst vordergründig banale Text einen metaphysischen Überschuss, ein Mehr an Bedeutung. Und dieses "Mehr" musste nicht unbedingt zurück ins Sakrale, sondern konnte auch in die Sphäre des Politischen verweisen – wobei die Kirche in den afroamerikanischen Gemeinden oft beides war: spiritueller Mittelpunkt und Keimzelle des Widerstands.

Just dieses "Mehr" nun verlieh Aretha Franklin Reddings Komposition, als sie im Februar 1967 in New York die Aufnahmen für ihr erstes Album auf Atlantic Records einspielte. Titel und Cover der LP lassen deren Sprengkraft nicht im Entferntesten erahnen. Wir sehen Aretha in nachdenklicher Pose, glamourös in Szene gesetzt von Modefotograf Jerry Schatzberg. Daneben steht in schwungvollen Lettern: I Never Loved A Man The Way I Love You. Doch gleich das erste Stück zeigte, worum es Aretha wirklich ging: um Respect. Und darum, ihrer Karriere eine entscheidende Wendung zu geben.

Die Platte war in jeder Hinsicht ein Befreiungsschlag. Sieben Jahre zuvor hatte die gefeierte Gospelkünstlerin, gerade 18 Jahre alt, einen Vertrag bei Columbia unterzeichnet und dort mehrere Alben mit braven Popsongs und Musicalmelodien veröffentlicht. Sie war aus der Kirche sozusagen direkt auf den Broadway gegangen. Mitte der Sechziger nun steckte sie, zum dritten Mal Mutter geworden, in einer tiefen Schaffenskrise. In diesem Moment bot Atlantic-Mitbetreiber Jerry Wexler ihr einen Vertrag an. Er holte sie vom Broadway zurück in die Kirche. Und es gab, wie Peter Guralnick sich erinnert, "eine Explosion".

In der Tat übertraf Franklins Respect Reddings Original um Längen. Die Aufnahme wurzelte zwar im selben Südstaatensound. Arethas Stimme aber, unterstützt von einem Gospel-Backgroundchor, katapultierte den erdverhafteten Rhythm and Blues Reddings in spirituelle Höhen.

Entscheidend dafür, dass der Song zum Protestlied wurde, war indes noch etwas anderes: dass sie die Perspektive umkehrte. Dass hier eine Frau sang. Dass hier eine Frau Respekt verlangte von ihrem Mann. Sosehr Emanzipation und Gleichberechtigung Schlagwörter der Bürgerrechtsbewegung waren: Mit der Gleichstellung der Geschlechter war es oft auch unter den afroamerikanischen Aktivisten nicht weit her. Im Soul und Rhythm and Blues galt Gewalt in der Ehe nicht selten als Kavaliersdelikt; aus weiblicher Perspektive wurde sie viel beklagt und viel besungen.

Redding forderte Respekt aus der Position des Mächtigeren. Aretha Franklin sprach aus der Position der Benachteiligten. Erst durch diese Umkehrung eignete sich das Lied dazu, Verhältnisse jenseits der eigenen vier Wände mit anzuprangern.

Am 4. April 1968 war der Traum ausgeträumt

Am Ende, in einer hinzugedichteten Strophe, buchstabierte Aretha Franklin die Quintessenz des Songs noch einmal aus: "R-E-S-P-E-C-T / Find out what it means to me / R-E-S-P-E-C-T / Take care, T. C. B." Das Kürzel T. C. B. steht für take care of business , "nimm die Sache in die Hand" – eine in der afroamerikanischen Community viel gebrauchte Wendung und hier, wenn man so will, der verschlüsselte Aufruf zur Revolte. Respect von Otis Redding war ein veritabler Lovesong; Respect von Aretha Franklin hatte alles: Es war ein Lovesong, ein Protestlied, ein Schrei nach Anerkennung, ein Akt der Selbstermächtigung, ein Hit.

Zwei Jahre nach den großen Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung traf das Lied in der schwarzen Community auch deshalb einen Nerv, weil man zu spüren begann, dass Gesetze zwar vieles verbessern, aber eines eben nicht vorschreiben können: einen respektvollen Umgang miteinander. Wie Otis Redding träumten die Afroamerikaner schlicht von einem guten Leben, davon, Erfolg zu haben und ein eigenes Business "to take care of". Die Realität in den Ghettos war eine andere. Und wie nah mangelnder Respekt und tödliche Gewalt beieinanderliegen, machten spätestens die Ereignisse ein Jahr nach Erscheinen von Aretha Franklins Album bitter deutlich: Am 4. April 1968 wurde Martin Luther King in Memphis ermordet. Der Traum war aus.

Otis Redding erlebte nicht mehr, wie der Aufbruch der Schwarzen in Gewalt versank. Er starb am 10. Dezember 1967 beim Absturz seines Privatjets auf dem Weg zu einem Auftritt. Er hatte ihn trotz schlechten Wetters nicht absagen wollen; er war eben ein Geschäftsmann, stets verlässlich, und flog allen Warnungen zum Trotz.

Aretha Franklin, die der Bürgerrechtsbewegung immer wieder ihre Stimme lieh, nahm bis ins hohe Alter Platten auf. In den vergangenen Jahren musste sie mitansehen, dass ihr Appell von 1967 nichts von seiner Aktualität verloren hat. Seit 2005 sind in den USA mehrere Tausend Schwarze von Polizisten erschossen worden. Vor einem Jahr begannen die Unruhen in Ferguson. Zuletzt, am 7. August, traf es den Studenten Christian Taylor in Arlington, Texas, und im Juli wurde in Ohio Samuel DuBose von einem weißen Polizeibeamten durch einen Schuss in den Kopf getötet. Auslöser: ein fehlendes Nummernschild. "All I’m asking is for a little respect when I come home". Ein bisschen Respekt hätte ihm, wie so vielen, vielleicht das Leben gerettet, zu Hause in Amerika .