Um wie viel Uhr küsste der Matrose die Krankenschwester? Klicken Sie auf das Bild, um es in voller Größe zu sehen. Finden Sie den entscheidenden Hinweis auf die Uhrzeit? © Alfred Eisenstaedt/The LIFE Picture Collection/Getty Images

Am 14. August 1945 fotografierte der Fotoreporter Alfred Eisenstaedt auf dem Times Square einen Kuss zwischen einem Marinesoldaten und einer Dame in Weiß. Heute ist das Bild weltberühmt – und birgt noch immer Geheimnisse: Wer war die Krankenschwester? Wer war der Matrose? Der amerikanische Physiker Donald Olson weiß es nicht. Dafür kann er die wohl einzige Frage beantworten, die sich bislang niemand zu dem Foto gestellt hat: Um wie viel Uhr wurde es aufgenommen?

DIE ZEIT: Herr Olson, Ihre Fachkollegen erforschen den Ursprung des Universums oder suchen auf fernen Planeten nach Leben. Sie widmen Ihre physikalischen Kenntnisse der Feststellung einer Uhrzeit – ist das nicht trivial?

Donald Olson: Ich habe eine Schwäche für Rätsel. Und dieses war alles andere als trivial, es war ausgesprochen knifflig! Auf Alfred Eisenstaedts Foto ist zwar eine Uhr zu sehen – sie ist das "O" auf dem Schriftzug des Bond-Kaufhauses rechts hinten im Bild –, aber man kann nur den Minutenzeiger erkennen. Wir wussten also, dass es zehn vor irgendwas war. Bloß vor was?

ZEIT: Und?

Olson: Sechs, am Abend!

ZEIT: Wie sind Sie darauf gekommen?

Olson: Es begann mit einem Artikel in der Onlineausgabe der New York Times, in dem es um die üblichen Munkeleien ging, also wer auf dem Foto zu sehen ist, wie es zu dem Kuss kam und so weiter. Einer der Leser aber hatte sich die Gebäude im Hintergrund angeschaut – und auf einem davon einen Schlagschatten entdeckt. Er schrieb: "Wer sich ernsthaft damit beschäftigt und sich mit der Architektur in New York auskennt, könnte anhand dieses Schattens den Sonnenwinkel bestimmen. Auf diese Weise bräuchte man nur wenige Minuten, um die Uhrzeit zu ermitteln."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015.

ZEIT: Wie lange haben Sie gebraucht?

Olson: Fünf Jahre.

ZEIT: Was war die Herausforderung? Hätten Sie sich nicht einfach an einem sonnigen Tag auf den Times Square setzen und das Gebäude so lange beobachten können, bis der Schatten dieselbe Position einnimmt wie im Bild?

Olson: Nein, der Times Square hat sich seit damals komplett verändert. Die Häuser aus den 1940ern gibt es heute größtenteils nicht mehr, da stehen jetzt Wolkenkratzer. Wir mussten uns an historischen Karten und Fotos orientieren, um das alte Manhattan zu rekonstruieren – allein das Sammeln hat Jahre gedauert.

ZEIT: Wozu die genaue Rekonstruktion?

Olson: Ich brauchte die genauen Abmessungen der Gebäude, um die Abmessung des Schattens zu berechnen. Nur so konnte ich ermitteln, welches der Gebäude den Schatten geworfen hat. Leider stellte sich heraus: Die Häuser selbst waren allesamt zu breit, ihre Geometrie passte nicht zum Schatten. Dann entdeckte ich auf einer der Aufnahmen ein Werbeschild auf dem Dach des Astor-Hotels, ein Schild in der Form eines umgedrehten "L" – und tatsächlich: Seine Maße passten zum Schatten.

ZEIT: Und wie kamen Sie dann auf die Uhrzeit?

Olson: Ich kalkulierte die Distanz zwischen Schatten und Schild, also den horizontalen und den vertikalen Abstand, sowie die Himmelsrichtung, aus der das Foto aufgenommen wurde. So konnte ich die Koordinaten einer Gerade bestimmen, die von der Oberkante des Schildes bis zur oberen Schattenkante verläuft.

ZEIT: Wozu das?

Olson: Die imaginäre Gerade steht gewissermaßen für die Sonnenstrahlen, die über das Schild hinweg auf das Gebäude trafen. Sie zeigt also direkt in Richtung Sonne. Daher konnte ich anhand der Positionsdaten der Geraden, also des Horizontalwinkels und der Himmelsrichtung, berechnen, wo die Sonne gestanden haben muss: genau im Westen, mit einem Höhenwinkel von 22,7 Grad. Diese Daten gab ich in eine Software ein, die mir ausrechnete, zu welcher Uhrzeit die Sonne am 14. August 1945 ebendiese Position hatte. Das Ergebnis: 17.51 Uhr.