Das griechische Städtchen hat seinen Reiz, aber die Sonne sticht vom Himmel. Das Bier ist hier billiger als im Hotel, also erst einmal Pause. Gaby und Walter P. lassen sich im Straßencafé nieder und beobachten die Touristen, die sich durch die Gässchen im Zentrum von Kos-Stadt auf der gleichnamigen ägäischen Insel wälzen. "Schön ist es hier", seufzt die Kärntnerin und wischt sich den Schweiß von der Stirn, "und von der Krise merkt man gar nichts." Nur zwei Dinge, sagt Gaby P., würden das Bild trüben. Das Essen im All-inclusive-Hotel "könnte griechischer sein". Dann sind da noch die Flüchtlinge in der Stadt, die das Ferienglück beeinträchtigen: "Das ist schon bedrückend."

In der ersten Augustwoche erreichten 3.700 Bootsflüchtlinge nach einer nächtlichen Überfahrt von der fünf Kilometer entfernten türkischen Halbinsel Bodrum einen der Strände von Kos. Etwa doppelt so viele Urlauber landen an einem typischen Augusttag auf der Insel. Die Feriengäste entfliehen dem Büroalltag in Klagenfurt und Linz, die Flüchtlinge dem Tod in Kobane und Aleppo. Die Touristen wollen im Meer baden, die Bootsflüchtlinge sind ihm gerade noch entkommen. Die einen bezahlen dafür, einfach nur im Süden zu sein – die anderen geben ein Vielfaches davon aus, um in den Norden zu gelangen.

Ankommende Flüchtlinge gehen erst einmal zur Polizei. Die fragt nach Name und Herkunft und sagt, sie sollen in ein paar Tagen wieder vorbeikommen, um eine vorläufige Aufenthaltsgenehmigung abzuholen. Zwar will hier niemand bleiben, doch ohne das Papier lässt keine Fähre die Flüchtlinge an Bord gehen. Also sitzen sie fest – und das bis zu drei Wochen. Im Flüchtlingshotspot Lesbos dauert es nur drei Tage, doch hier, auf Kos, fehlt es an Polizisten, die den Andrang bewältigen können. In den Tagen, Wochen des Wartens "bleiben die Menschen völlig sich selbst überlassen", sagt Constance Theisen. Ihre Organisation verteilt Medikamente gegen Beschwerden, die es nicht gäbe, wären diese Flüchtlinge menschenwürdig untergebracht: Hautausschläge, Durchfall, Krätze.

Am Mittwochmorgen eskalierte die Situation: Mit Schlagstöcken und Feuerlöschern trieben Polizisten Menschen auseinander, nachdem es unter den Flüchtlingen zu Ausschreitungen gekommen war. 1500 Menschen, die in einem Stadion untergebracht sind, wollten mit einem Sitzstreik erreichen, dass sie schneller registriert und mit Nahrung versorgt werden. Die Situation sei außer Kontrolle, sagte der Bürgermeister der Hauptstadt, Giorgos Kiritsis.

Man kann einander meiden

Touristen und Flüchtlinge teilen sich diese Insel – Auf den ersten Blick haben die beiden Gruppen wenig gemein. Sie haben auch wenig miteinander zu tun. Nach der Landung lassen sich die Urlauber von einem Transferbus in einem der Tourismuszentren absetzen und pendeln zwischen Hotel, Strand und Bar hin und her. Die Flüchtlinge versammeln sich in einigen Ecken des Ballungszentrums Kos-Stadt. Kurz: Man kann einander meiden, wenn man möchte.

Das funktioniert aber nicht immer. Es ist Sonntagnachmittag. Firas S. liegt in der flirrenden Hitze auf seinem Pappkarton am Rande jenes Platzes, in dessen Zentrum die berühmte Platane des Hippokrates steht. Der 38-Jährige hat sich ein schwarzes Käppi übers Gesicht gezogen, es soll seinen Augen die Nacht vortäuschen, um die ihn eine Kompanie grölender Touristen, die mit Whiskeyflaschen bewaffnet waren, gebracht hat. Er versucht zu schlafen. Plötzlich landen zwei Füße neben seinem Kopf. Sie sind weiß und stecken in Wandersandalen, aus ihnen ragt eine junge Frau im gestreiftem Kleid hervor. Sie hat ihm den Rücken zugewandt und presst ihre Augen an den Sucher ihrer Kamera. Firas zuckt zurück. Die Frau macht noch einen kleinen Schritt nach hinten, weg von ihrem Mann, den sie in voller Pracht ins Bild setzen will. Erst als sie Firas Kartonpolster betritt, macht die Frau Halt, drückt den Auslöser und geht weg.

"Meine halbe Großfamilie wurde vom IS umgebracht", erzählt Firas, "die andere Hälfte von Assad." Nur er, seine Frau und die drei Kinder schafften die Flucht von Kobane. Nun sitzt er hier, mit Blick auf die alte Platane, unter deren mächtiger Krone der Arzt Hippokrates seinen Schülern das Wesen der menschlichen Körpersäfte auseinandergesetzt haben soll. Das T-Shirt von Firas war einmal orange. Vier Tage ohne Schatten, ohne Dusche, Toilette, richtige Mahlzeit. Er zeigt auf das Baby, das neben ihm auf dem fleckigen Karton schlummert. "Es braucht dringend Milch", sagt er. "Es gibt hier niemanden, der uns Wasser und Essen bringt."

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 33 vom 13.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Täglich spazieren Touristen mitten durch die Pappkartonsiedlung, um die Platane zu fotografieren. "Sie haben diesen seltsamen Blick, wenn sie an uns vorbeigehen", sagt Osama H. Den 63-jährigen Syrer mit weißem Schnauzbart, rahmenloser Brille und Polohemd könnte man selbst für einen Touristen aus Deutschland halten, Deutschland ist auch sein Reiseziel. Der Glasfasertechniker aus Homs kennt München, dort hat er Schulungen besucht, dort will er wieder hin. "Ich weiß nicht ob ich auf der Reise sterben werde", sagt der Diabetiker lakonisch. Im selben Moment spaziert ein Pärchen vorbei, beide Mitte 40, blond und konzentriert. Ihre Augen starren auf die Steine unter ihren Füßen, die Flüchtlinge zu ihrer Linken haben sie in einen toten Winkel verbannt.

Touristen schwimmen, Flüchtlinge waschen im Meer

Auch am Hafen und am Strand von Kos-Stadt prägt das Nebeneinander von Flüchtlingen und Urlaubern das Bild. Touristen schwimmen im Meer neben Flüchtlingen, die ihre wenigen Kleidungsstücke in der Ägäis waschen. Man blendet einander aus. Urlauber suchen Sorglosigkeit, das verträgt sich nicht mit Elend. Zu bedrückend ist der Anblick, also meidet man ihn. Die Polizei steht den Urlaubern bei – und vertreibt die Flüchtlinge regelmäßig aus ihren notdürftigen Siedlungen. Am nächsten Tag sind sie wieder dort.

Anfang August schlug das UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR Alarm. Der Umgang Griechenlands mit den Flüchtlingen sei "der EU unwürdig", kritisierte dessen Europa-Direktor Vincent Cochetel. Ja, der Dreck, die Kakerlaken, die Polizisten, die morgens auch mal hintreten, wenn Flüchtlinge ihre Schlafstatt nicht sofort räumen, das alles sei schlimm, sagt Firas, "aber immer noch besser als im Camp." Gemeint ist das leer stehende Hotel Elias – neben dem Stadion die einzige Antwort, die dem griechischen Staat auf die Flüchtlingsnot von Kos einfällt. Das Gebäude am Stadtrand ist zum Bersten voll. Trotzdem werden Neuankömmlinge hierhergeschickt. Sie drehen wieder um oder siedeln auf den Brachflächen rund um das Gebäude. Ein kleines Zeltlager hat sich dort schon gebildet, Tipis aus Zweigen und kaputten Luftmatratzen. Zwischen den Zelten drehen Kinder auf reifenlosen Fahrrädern ihre scheppernd ihre Runden. Er habe in Flüchtlingslagern im Jemen, in Malawi, Angola gearbeitet, sagt Stathis Kyroussis von Ärzte ohne Grenzen, aber Zustände wie hier habe er noch nie gesehen.