Vom Restaurant am Ufer des Ischims lässt sich die neue Stadt am besten überblicken, drüben auf der anderen Flussseite. Dort, wo noch vor ein paar Jahren die Federgräser sich im Winde bogen, wo die Saryarka-Steppe keinen Anfang und kein Ende kannte, steht jetzt: Astana, die junge Hauptstadt des jungen Landes Kasachstan. Im Osten, wo der Ischim einen Bogen macht, als hätte jemand das Berliner Regierungsviertel nachgezeichnet, sitzt stämmig der schneeweiße Präsidentenpalast mit der viel zu großen blauen Kuppel, darauf eine goldene Spitze, noch einmal höher als die Kuppel, darauf wiederum eine goldene Kugel, die einst ein Hubschrauber dort aufsetzte. Hinter dem Palast, die Präsidentenherrlichkeit noch überragend, erhebt sich die Pyramide des Friedens und der Eintracht, entworfen vom Architekten Norman Foster. So entrückt ist das, so erhaben und irrwitzig, dass man gar nicht anders kann, als diese Stadt wunderbar und großartig zu finden. Hier in der Steppe, am Rande Europas gelegen, entsteht die Zukunft, unbeschwert und frei.

Der Westen hat ein Problem mit seinen Städten, heißt es. Sie sind zu voll, zu teuer, zu alt, zu wenig grün, zu langweilig: Ausfallstraße, Einfallstraße, Ikea, Autohaus, Waschanlage, Kreisverkehr. Aber wo findet man eine neue Stadt, wo ist sie, die große, ideale Alternative? Meist dort, wo der Architekt Philipp Meuser gerade ist.

Meuser, Experte für sowjetische und postsowjetische Architektur, Kosmopolit, freundlicher kluger Mann mit Rollkoffer, Strato-Küche und grau meliertem Haar, hat so ungefähr jede obskure Stadt an den entlegensten Orten der Welt studiert und einen Architekturführer über sie geschrieben. Selbst zu Pjöngjang in Nordkorea. Wenn Meuser sagt, dass hier in Kasachstan, am Ufer des Ischims ein neuer Typus Stadt entstehe, dann glaubt man ihm das. Und wenn wir etwas für unsere langweiligen verbauten Euro-Städte lernen können, dann vielleicht wirklich hier in der Steppe.

Was in den letzten zwanzig Jahren in Astana passiert ist, seit Kasachstan beschloss, sich eine neue Hauptstadt zu bauen, ist enorm. "Hier entsteht alles parallel: staatliche Einrichtungen, Sozialbauten, repräsentative Hochhäuser der Eisenbahngesellschaft", sagt Meuser. Und das in einem Land, dessen Nomadengeschichte nicht viele Traditionen hervorgebracht hat, auf die man sich als Architekt oder Stadtplaner berufen könnte; ein Land, das seine Weltstadt, die es sich so wünscht, aus dem Nichts erfinden muss.

Das war eine der Lieblingsideen der Moderne: auf freier Fläche ganz von vorn zu beginnen, endliche Städte bauen zu dürfen, befreit von dem ganzen Ballast, den die sonst so mit sich herumschleppen – historische Entwicklung, gewachsene Strukturen, Traditionen, all das. Die ganzen normativen Kräfte des Faktischen, die einem diktieren, dass da jetzt nun mal ein Parkplatz sein muss und drüben ein Schwimmbad, weil woanders kein Platz ist. Die Ergebnisse dieser Experimente waren eher durchwachsen, zu verkopft, zu starr. Der japanische Architekt Kisho Kurokawa, der 1997 den Masterplan für Astana entwarf, wollte deswegen hier kein neues Brasília oder Canberra errichten, keine dieser ausgedachten Hauptstädte des vergangenen Jahrhunderts. Er gab Astana genug Freiheit, damit sich die Stadt von selbst zusammenfüge.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Und das hat sie getan, allerdings ein wenig anders, als Kurokawa es erwartet hatte. Astana sieht auf den ersten Blick noch seltsamer aus als jedes strenge Brasília und Canberra. Hier wechselt sich die Weitläufigkeit, in der man jeden Halt verliert, mit gedrungenen Hochhausschluchten ab, ohne dass man vorgewarnt würde. Oder dass es einen Grund gäbe. "Ein 20-stöckiges Wohnhochhaus steht plötzlich mitten in der Steppe", sagt Meuser. "So etwas baut man doch sonst am Rande einer Millionenmetropole, die ein Platzproblem hat und die am Stadtrand einen kleinen Steifen frei geschaufelt hat, um den so dicht wie möglich zu bebauen." Hier aber in der Steppe, die sich der Gelbe Rücken nennt, gibt es keine Platzprobleme. Man dreht sich einmal um und blickt bei Dämmerung in die Ferne, um sich davon zu überzeugen: Gleich hinter dem Khan Shatyr, dem zeltförmigen Einkaufszentrum, auch von Foster entworfen, beginnt schon wieder das große Meer der Gräser, ein Nirgendwo, in dem nur noch eine Tankstelle warm leuchtet.

"Man baut heute schon eine Stadt für drei oder vier Millionen Menschen, die in 50 oder 100 Jahren hier wohnen könnten – obwohl Astana momentan vielleicht 800.000 Einwohner hat." Meuser hat vor Kurzem seinen Architekturführer über Astana veröffentlicht, wie damals bei Pjöngjang der erste, den es gibt. Deswegen ist er jetzt wieder hingefahren, er tourt mit seinem Buch, überreicht es dem freundlich-schüchternen Stadtplaner, dem Kette rauchenden, röhrend lachenden Vorsitzenden des Architektenverbands und auch sonst jedem, der hier eine Rolle spielt. Meuser hat eine kleine Mission: dass man über Astana spricht, dass man über die Stadt diskutiert. Aber es geht ihm nicht um die Art von Aufmerksamkeit, auf die man es in Kasachstan gewöhnlich abgesehen hat. Sondern um einen waschechten westlichen Architekturdiskurs.