DIE ZEIT: Herr Peuckert, Herr Martenstein, Ihnen ist etwas gelungen, an dem die SED gescheitert ist: Sie haben eine DDR entworfen, aus der niemand weglaufen will.

Harald Martenstein: Wir haben das Fluchtproblem gelöst.

ZEIT: Wäre Ihre DDR ein lebenswerter Ort?

Martenstein: Unsere DDR ist reich, unsagbar reich. Aber Wohlstand macht die Leute nicht unbedingt angenehmer. Ein Land, dessen Bürger alle reichlich Geld haben, hat etwas Albtraumhaftes.

ZEIT: Ihr Roman Schwarzes Gold aus Warnemünde beginnt mit einer Szene, die am 9. November 1989 spielt: Günter Schabowski verkündet in einer Pressekonferenz, an der Ostseeküste sei Öl gefunden worden, die weltgrößte Lagerstätte. Die DDR also existiert weiter, bis heute. In welcher Stimmung waren Sie, als Sie diese Fantasie entwickelten?

Tom Peuckert: Ich lag im Bett. Ich dachte darüber nach, warum die DDR, in der ich aufgewachsen bin, nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich gescheitert ist. Sie war ja pleite. Und das nicht allein, weil die Planwirtschaft uneffektiv war. Sondern auch, weil das Öl in den achtziger Jahren immer teurer geworden ist. Was wäre geschehen, wenn es im Boden der DDR Öl gegeben hätte? Mit der Idee ging ich zu Harald.

Martenstein: Mich hat der Gedanke gleich fasziniert – wir zaubern die Geldprobleme des Sozialismus einfach weg und fragen uns: Wie hätten die DDR-Bürger und der Sozialismus sich verändert? Natürlich hat uns das komödiantische Potenzial gereizt, das die DDR ja immer auch hatte. Und wir haben es genossen, Geschichte umzuschreiben. Da kann man als Autor seine Allmacht genießen.

ZEIT: Und wie ist sie, Ihre DDR?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT-im-Osten Ausgabe Nr. 34 vom 20.08.2015.

Martenstein: Die Fassade bleibt gewahrt. Die Sprüche sind die gleichen wie vor 1989, die Fahnen auch, ebenso die alten Blockparteien – neu sind nur die Grünen der DDR. Es wird aber alles noch tausendmal inhaltsleerer als bereits 1989. Andersdenkende werden immer noch verfolgt und bestraft.

ZEIT: Im Buch erzählen Sie aus der Perspektive zweier abgehalfterter Investigativreporter aus Ost und West, Peuckert und Martenstein, die von ihren Recherche-Erlebnissen berichten.

Martenstein: Ich bin eine sehr opportunistische Figur. Tom ist derjenige im Buch, der noch Überzeugungen zu haben scheint.

ZEIT: Sie, Herr Peuckert, schreiben über Herrn Martenstein: "Du bist immer ein besserer DDR-Bürger gewesen als ich." Wie meinen Sie das?

Peuckert: In unserer fiktiven DDR genießen die Bürger ein dekadentes Leben voller Genüsse und Annehmlichkeiten. Urlaub im Ausland, auf den Bahamas zum Beispiel. Zumindest für DDR-Bürger ist die Grenze offen, es kommen ja ohnehin alle zurück in dieses reiche Land. Weil Harald ein Faible für Genüsse hat, meine ich, er hätte das in der DDR gut ausleben können, also in unserer Luxus-DDR.

ZEIT: In Ihrem Buch verdingen sich die Westdeutschen als Gastarbeiter in der DDR. Lehrer aus Böblingen schlagen sich als Taxifahrer durch. Sie selbst, Herr Martenstein, werden "Erster Broilerbrater" auf Hiddensee. Kurzum: Die Wessis erleben, was nach 1990 viele Ossis erfuhren. Hatte es für Sie etwas Kathartisches, den Spieß einmal umzudrehen?

Peuckert: Das war vor allem Haralds Leidenschaft.