Am Anfang ziehen die Männer ihre Schuhe aus, klar, denn normalerweise sitzen in diesem Raum nicht 15 Kerle im Stuhlkreis. Normalerweise gibt es hier Yoga für Schwangere und Stillkurse. Also: Sockenparade, es muffelt ein wenig, aber die Fenster sind offen. Dann hocken sie da, 15 werdende Väter, erst einmal schweigend. "Bei den Frauen ist bestimmt mehr los", sagt einer. Jeder zweite trägt Vollbart. Zwei haben tätowierte Arme. Ein paar Wochen noch, dann werden sie darin winzige Neugeborene wiegen. Deshalb sind sie hier: zum Geburtsvorbereitungskurs für Männer. Organisiert von einem Mann.

Erst sind sie hoch motiviert. Dann erstaunt. Dann irritiert. Alles ist anders, als die neuen Väter dachten.

Den Chefarzt erkennt man sofort, in Weiß bis zu den Socken tritt Wolf Lütje ein, 58 Jahre alt. Er kommt direkt vom Dienst nebenan in der Geburtsklinik des Evangelischen Amalie-Sieveking-Krankenhauses in Volksdorf. Fast hätte er diesen Kurs verschieben müssen, sagt er, gerade noch rechtzeitig hat er einen neuen Hamburger auf die Welt geholt, per Saugglocke. Es ging um die Frage: Kaiserschnitt oder nicht? Es war knapp, es war aufregend, es war also eine typische Geburt. "Geburt ist immer ein Stück weit Krise", sagt Lütje. Unvorhersehbar und manchmal traumatisierend. Zwei Stunden lang bereitet er die Männer auf diese Krise vor.

Ist das wirklich nötig? Vor zehn Jahren bot Lütje seinen Kurs schon einmal an, damals arbeitete er in München. Keiner kam. In Hamburg sind seine Abende bis Dezember ausgebucht. 23.011 Kinder wurden vergangenes Jahr in der Stadt geboren, ein kleiner Babyboom, so viele wie seit vielen Jahren nicht, Tendenz: weiter steigend. Und weil sich die Zeit gewandelt hat, weil die neuen Väter total engagiert sind, Vätermonate nehmen, sich voll einbringen, kamen auch so viele Männer mit in die Kreißsäle wie noch nie zuvor. Nicht immer war das gut.

Über Jahrhunderte war die Geburt für Männer tabu. Manche Urvölker schicken werdende Väter bis heute auf die Jagd, sobald bei ihrer Frau die Wehen einsetzen. In Deutschland begann der Wandel in den siebziger Jahren, als die ersten Frauen ihre Männer mitbrachten, damit die sich emotional auf ihre neue Rolle einstellen. Heute, sagt Lütje, sind die Männer fast zwangsverpflichtet. Wer seine Frau bei der Geburt alleinlässt, gilt als lieblos, feige, altmodisch. Wer will das schon sein?

Sich hilflos fühlen? Ein ungewohntes Gefühl

Die Männer im Stuhlkreis natürlich nicht. "Ich hoffe, man kriegt hier ein paar handfeste Tipps", sagt einer. "Ich hoffe, dass ich meiner Freundin nachher einiges erzählen kann", sagt ein anderer. "Ihre Freundin wird sich wundern", antwortet Lütje. Die Männer lachen. Noch.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Was Lütje jetzt sagen wird, passt nicht zu dem, was die werdenden Väter bisher gehört haben in den Vorbereitungskursen der Hebammen, was sie gelesen haben in all den Ratgebern. Dort heißt es: Männer sind ganz wichtig bei der Geburt. Sie müssen mitarbeiten. Müssen kalte Waschlappen reichen, Lieblingsmusik auflegen, Proviant servieren, als Haltestange dienen und am besten mithecheln und mittönen. Manche stöhnen inzwischen bei der Geburt lauter als ihre Frau und reisen in den Kreißsaal an wie zu einer Wellnessreise: mit einer prall gepackten Tasche, ausgestattet mit allerlei Massageölen, Räucherstäbchen und besten Absichten.

Und dann kommt alles ganz anders.

"Sie können Ihr Werkzeugköfferchen wegstellen", sagt Lütje. "Sie brauchen davon so gut wie gar nichts." Denn, so lautet seine erste Botschaft: Es gibt für Männer während der Geburt nichts zu tun. Nur so viel: Sie sollen nicht im Weg rumstehen.

Zum Glück sind jetzt keine Hebammen im Raum.