Einen Hacker stellt man sich als einen Typen vor, der den Durchblick hat in der vernetzten Welt. Einen, der technische Systeme verstehen und Computerprogramme überlisten kann, und der hinter den Bildschirmen erstaunliche Wahrheiten zutage fördert. So hohe Erwartungen hat man sonst höchstens an die Wahrhaftigkeit von Künstlern. Kein Zufall also, dass Hacker, die der abstrakten Technik auch noch charismatische Bilder abzuringen vermögen, gerade wahnsinnig gefragt sind in Museen, bei Kuratoren und Galeristen. Ihre technische Intuition wirkt so relevant, ihre Themen so neu: Mehr Gegenwart kann sich der Kunstbetrieb nicht träumen lassen.

James Bridle, dessen erste Soloausstellung in Deutschland jetzt die Galerie Nome in Berlin zeigt, hat zum Beispiel seine Rainbow Planes im Netz aufgestöbert, auf den Satellitenbildern von Google Maps: Man sieht da die Umrisse eines Flugzeugs über einer Landschaft. Es schwebt gespenstisch körperlos, in drei leicht versetzte Schatten zersplittert, rot, blau und grün. Darüber fliegt eine leere Hülle den Farben davon. Das Bild entspringe einer Panne der Satellitenfotografie, erklärt Bridle. Technisch gesprochen, nimmt die keine kohärenten Bilder auf, sondern speichert nach und nach Daten der verschiedenen Spektren des von der Erdoberfläche reflektierenden Sonnenlichts. Nur ist ein Flugzeug zu schnell, es fliegt unter den Datensätzen einfach weg, könnte man sagen. Also löst es sich im Bild auf, in zarte, bunte Schemen dessen, was auf Erden ein schweres, Abgase verbreitendes Verkehrsmittel ist.

Diese Bilder gäben eine Ahnung davon, sagt Bridle, dass technische Apparate, Satelliten zum Beispiel, die Welt ganz anders sehen als wir. Eine unheimliche Beobachtung. Denn werden wir nicht selbst jeden Tag gesehen, aus tausend nicht menschlichen Augen, deren Blick wir höchstens ahnen? Überwachungskameras und Algorithmen, die Muster in unseren Kreditkartendaten erkennen, Satelliten, die Bewegungsprofile unserer Handys ausmachen. Welches Bild mögen sich die Maschinen dabei von uns machen? Können wir es beeinflussen und mit den Maschinen sprechen?

Bridle versucht es und sendet die Rainbow Planes zurück in den Orbit: Er malt Bilder davon in der Größe eines realen Flugzeugs auf öffentliche Plätze. Wahrscheinlich kann man die farbigen Schatten sogar aus dem Weltall erkennen. Ein kleiner Gruß an die Satelliten in ihrer eigenen Sprache. Ein anspielungsreicher zumal, wenn er wie in Kiew das Modell eines Businessjets verwendet, der gewöhnlich von Oligarchen und Bossen geflogen wird, aber auch für Auslieferungen nach Guantánamo verwendet worden ist. Ein Flugzeug also, das man im zivilen Leben selten sieht.

Die Hacker wollen ihre Taktiken vorerst keiner Vernunft unterwerfen

Die Kunst der Hacker beschäftigt sich sehr viel mit Geheimnissen, die Staatsapparate und Mächtige für sich bewahren, während sie andererseits gierig die Daten der Bürger flöhen. Die Nachrichten, die es in den letzten Jahren über Massenüberwachung und Big Data gab, lassen diese Themen glühen vor Zeitgenossenschaft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

In der Kunst ist man bereit, sie tief ernst zu nehmen. Obwohl, oder vielleicht gerade weil sie den Alltag weniger verändert haben, als man annehmen sollte. Als sei dieses Wissen zu abstrakt für den praktischen Verstand. Deshalb lässt man Rechercheure und Programmierer als Künstler ans Werk, die zeigen können, dass auch die vermeintlich unsichtbare Technik der virtuellen Netze materiell in der Welt vorhanden ist, besichtigt und manipuliert werden kann.

Bridle kennt als Informatiker die Welt der Computer. Es mangele dafür nur sehr an populären Metaphern, klagt er. Warum aber sollten die ausgerechnet von Hackern in der Kunst gefunden werden?

In einem Essay vergleicht Bridle seine eigenen Bilder und Filme mit denen von Timo Arnall, Suzanne Treister oder Trevor Paglen und nennt ihre Kunstwerke "Hacks im besten Sinne des Wortes. Man nutzt wohlbekannte Mittel – Fotografie, Street Art, Interventionen –, um Prozesse zu kapern, sie zu durchleuchten und einem Bewusstsein für komplexe Systeme zugänglich zu machen." Hacken hieße in diesem weiten Sinne eher simpel: schwierige Zusammenhänge in klare Bilder zu übersetzen.