Europa ist in diesen Tagen ein Kontinent der Abschottung. Es werden Zäune errichtet, um andere abzuwehren. Dahinter steckt die Angst vor dem Fremden. Und die macht empfänglich für nationalistische Parolen. Auch und gerade die Jungen. Sie verlieren zunehmend das Vertrauen in die Europäische Union, wie eine Studie des renommierten PEW Research Centers zeigt.

Was also tun, um diese Ängste und Vorurteile abzubauen? Reisen! Jeder EU-Bürger sollte deshalb zu seinem 18. Geburtstag kostenlos einen Monats-Interrail-Pass erhalten, damit er Europa wirklich kennenlernen kann.

Wir sind im vergangenen Jahr mit Interrail durch 14 europäische Länder gereist. Das technische Gebilde EU, zusammengehalten von Finanzministern und Normeinheiten, ist für uns so zu einem Treffpunkt mit jungen Menschen geworden, die ganz ähnliche Ziele und Vorstellungen wie wir haben. Durch das Reisen haben wir die theoretische Idee von Europa praktisch erlebt.

Interrail ist so etwas wie Erasmus für alle. Kaum ein anderes EU-Projekt hat wohl so viel zur europäischen Integration und Identität beigetragen wie dieses Austauschprogramm für Studierende. Seit 1987 hat Erasmus Millionen junger Menschen über die eigenen Grenzen hinausblicken lassen. Andere Kulturen wurden entdeckt, Freundschaften geschlossen, und auch so manches Liebespaar hat sich gefunden. Die Generation Erasmus ist die erste Generation junger Europäer und Europäerinnen gewesen, die im Austausch untereinander wirklich international aufgewachsen ist.

Leider ist Erasmus nicht für alle jungen Menschen eine Option, sondern nur für Studierende und Auszubildende. Das ist zu klein gedacht. Europa sollte für alle Jungen erfahrbar werden – unabhängig von ihrem Bildungsgrad und ihren finanziellen Möglichkeiten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Eine ebenso einfache wie effektive Möglichkeit, dies anzugehen, bietet das Interrail-Programm. 1972 etabliert, ist das EU-weit gültige Zugticket für junge Menschen die Chance, ein paar Wochen die heimischen Gefilde zu verlassen und den Kontinent zu entdecken. Viele Interrailer erzählen noch Jahre später von den Bekannt- und Freundschaften, die an Bahnhöfen, in Jugendherbergen oder im Supermarkt begonnen haben.

Wie Erasmus hat auch Interrail das Potenzial, Mauern einzureißen, Vorurteile abzubauen und vor allem fremde Menschen zu Freunden werden zu lassen. Eben aus dem europäischen Neben- und manchmal auch Durcheinander ein Miteinander zu machen. Allerdings hat die Sache bisher einen Haken: Gerade einmal 170.000 Personen nehmen jährlich das Interrail-Angebot in Anspruch – und das bei fast 200 Millionen jungen Menschen unter 35 Jahren, die in der EU leben. Das liegt wohl auch daran, dass viele sich die 400 Euro für einen Monatspass nicht leisten können.

Die Nutzer des Erasmus- und des Interrail-Programms haben eines gemeinsam: Sie stammen in der Regel aus Familien, in denen Bildung, Reisen und Wissbegierde ohnehin gefördert werden. Kurzum: Familien, die es sich finanziell leisten können, ihren Kindern die Welt zu zeigen. Dass allzu oft die Herkunft darüber entscheidet, wie nah ein junger Mensch Europa kommen kann, findet auch der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans, bedenklich. Ihm haben wir auf einem Forum in Berlin von unserer Idee eines kostenlosen Interrail-Passes erzählt. Timmermans sagt, es gebe in der Europäischen Union tatsächlich zwei junge Generationen: diejenigen, die von Haus aus das Reisen kennen und sich problemlos international bewegen würden, und diejenigen, die keinerlei Verbindung zum Ausland, zur EU und zu Integration hätten.