Sly müsste man sein! Der Zehnjährige wächst auf Helgoland auf, und jetzt in den Sommerferien verbringt er ganze Tage mit den anderen Inselkindern auf der vorgelagerten Düne. Nur ab und zu bekommt sie ein Erwachsener zu Gesicht. Die Kinder bauen Hütten, spielen am Strand, gehen schwimmen. "Wenn die Kegelrobben kommen, gehe ich aber lieber aus dem Wasser", erzählt Sly. "Die können echt gefährlich werden." Kegelrobben sind die größten in Deutschland lebenden Raubtiere, die meisten Eltern verfielen wohl in Schockstarre beim Gedanken, so ein Dreizentnerviech könnte neben ihrem Kind auftauchen. Auf Helgoland gehören die Tiere zum Alltag, genauso wie die herumstromernden Kinder. Als Sly aber einmal aufs Festland reiste, fragte er: "Mama, gibt’s hier gar keine Kinder? Ich sehe überhaupt niemanden draußen spielen." So blickt ein Inselkind auf die deutsche Normalität im Jahr 2015.

In dieser begleiten die zum Schlagwort gewordenen Helikopter-Eltern ihren Nachwuchs morgens bis ins Klassenzimmer und kutschieren ihn nachmittags zu Freunden, in die Reithalle, zum Musikunterricht. Kaum etwas fällt ihnen schwerer, als die Kinder allein rauszulassen, zu zweckfreiem Spielen, zum Stromern. Untersuchungen zeigen, dass Kinder in Deutschland sich in den sechziger Jahren in einem Radius von mehreren Kilometern frei bewegen konnten, heute kommen sie allein kaum noch 500 Meter vom eigenen Zimmer weg.

"Verinselte Kindheit" nennen Soziologen diese Entwicklung. Eine niedliche Vokabel für ein hässliches Defizit, das zum Generationenproblem heranwachsen könnte. Denn die Forschung zeigt, wie dringend Kinder das Gegenteil benötigen, das freie Spiel an der frischen Luft. Es ist nicht nur gesund für das einzelne Kind, weil es körperliche und geistige Fähigkeiten fördert und beim Erlernen sozialer Kompetenzen hilft. Die gesamte Gesellschaft profitiert – wenn man das Draußenspielen als politisches Instrument gegen soziale Ungleichheit versteht. Trägt man den Forschungsstand aus Pädagogik, Soziologie, Entwicklungspsychologie und Kindermedizin zusammen, so erscheint das Herumstromern als wahres Wundermittel. In der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen ist ein "Recht auf freies Spiel" zwar verbrieft, das Deutsche Kinderhilfswerk aber schlägt Alarm: Die Möglichkeiten zum Draußenspielen seien heute schlechter als jemals zuvor. Dafür gebe es deutliche Indizien.

Allein, es fehlt an repräsentativen Daten. In unserer Republik der statistischen Landesämter und der Politbarometer ist die Statistik des Herumstromerns nur – Kinderkram. Deshalb hat die ZEIT beim Meinungsforschungsinstitut YouGov eine repräsentative Umfrage in Auftrag gegeben, um zu erfahren, wie viel Freiraum Deutschlands Eltern ihren Kindern gewähren. Im Juli wurden 1002 Mütter und Väter von Kindern im Alter zwischen fünf und fünfzehn Jahren befragt. Ihre Antworten zeigen: Rund jeder Zehnte lässt sein Kind generell nicht "unbeaufsichtigt nach draußen", und in zwei von drei Fällen bleiben die Kinder an der kurzen Leine. Jeden Zweiten beschleicht schon ein mulmiges Gefühl, wenn der Nachwuchs allein vor die Tür tritt. Und jene zwölf Prozent der Eltern, die ihr Kind überhaupt nicht allein rauslassen, rechtfertigten das vor allem mit Angst vor "Fremden" und vor "Gefahren im Straßenverkehr".

So verständlich der Schutzimpuls sein mag, der Realität entspricht er kaum: Im Straßenverkehr haben Kinder ein geringeres Unfallrisiko als andere Altersgruppen. Und die meisten Kinder, die 2013 bei Unfällen starben, saßen im Auto. Bei Kindesmisshandlungen verzeichnet das Bundeskriminalamt zwar einen Anstieg, die allermeisten Täter aber kommen aus der Familie oder deren Umfeld. Der böse Fremde ist die Ausnahme – auch wenn Einzelfälle sich im kollektiven Bewusstsein festsetzen, nicht zuletzt dank medialer Verstärkung etwa durch die Bild- Zeitung.

Die Eltern überschätzen die reale Bedrohung und verbannen jedes Risiko lieber zwischen Buchdeckel. Im geschützten heimischen Kinderzimmer lesen sie ihren Sprösslingen Geschichten von legendären Verletzungen der Aufsichtspflicht vor. Von Ronja Räubertochter, die im Wald Gefahren sucht – und findet. Von Huckleberry Finn, der auf einem Floß den Mississippi hinunterschippert. Von Kasperl und Seppel, die den Räuber Hotzenplotz fangen. Doch wehe, ein Kind käme auf die Idee, sich wirklich in solche Gefahren zu begeben!

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Sie kommen ja kaum aus dem eigenen Garten heraus. Auch das belegt die ZEIT-Umfrage: 56 Prozent der Eltern gestatten ihrem Nachwuchs unbeaufsichtigtes Spielen nur "auf dem eigenen Grundstück" oder "in der direkten Nachbarschaft". Keine Chance also, über Höllenschlund-Schluchten zu springen oder in See zu stechen.

Doch nicht nur Eltern stehen dem freien Spiel im Weg, auch unser Städtebau und unsere Erwachsenenregeln. Kinder werden immer mehr aus dem öffentlichen Raum verdrängt. Zu erleben kürzlich in Berlin-Prenzlauer Berg: Immer dienstags von 10 bis 18 Uhr wurde die Gudvanger Straße in einem ruhigen Wohnviertel mit Bäumen und Parks für Autos gesperrt, damit dort Kinder spielen konnten. Bis Oktober war das Pilotprojekt befristet. Doch einer Anwohnerin war selbst die kurze Spiel-Zeit zu lang. Sie zog gegen die "Kinderstraße" vor Gericht – und bekam recht.

Fragt man die Kinder selbst, äußern sie deutlich, wie unzufrieden sie sind. Von den mehr als zehntausend 9- bis 14-Jährigen, die für das LBS-Kinderbarometer 2014 befragt wurden, gab jeder Fünfte an, in seiner Umgebung "wenig" oder "gar nicht" so spielen zu können, wie er gern möchte. Dabei will die Mehrheit vor die Tür: In der aktuellen "Kinder und Medien"-Befragung ist das Spiel im Freien gleich nach "Freunde treffen" die zweitliebste Freizeitbeschäftigung (vor Fernsehen, Computerspielen, Internet und Smartphone).

"Das Ideal ist die bespielbare Stadt"

Was aber macht ein gutes Spielumfeld für Kinder aus? "Das Ideal ist die bespielbare Stadt", sagt Claudia Neumann vom Kinderhilfswerk. "Dass es normal ist, wenn Kinder im Park toben, hinter dem Haus auf dem Gehweg, auf dem Marktplatz, in der Fußgängerzone." Es braucht mehr als den eingezäunten Platz mit Schaukel, Rutsche und Wipptier. Kinder erobern sich am liebsten Orte, die Erwachsene gar nicht als Spielflächen ansehen. Das Selbstgewählte, das Geheime, der von Erwachsenen freie Ort ist der Favorit. Der, wo nicht Geräte vorgeben, was man tun soll, sondern die eigene Fantasie. In der KinderZEIT, die Jungen und Mädchen nach ihren liebsten Spielorten gefragt hat, erzählt der zwölfjährige Malte aus Berlin-Kreuzberg begeistert von einer Brachfläche an der Spree. Da gebe es Büsche, Sandflächen, sogar die Ruine eines Hauses. Und Brennnesseln, die im Spiel zu Erzfeinden würden, auf die er ungestraft mit dem Stock losgehen dürfe. Und das mitten in der Hauptstadt!

Wenn Malte erzählt, ruft das zwar Vorstellungen einer Bullerbü-Kindheit auf dem Land wach, heute stellen Soziologen aber fest: Das Dorf bietet gar nicht mehr und bessere Spielorte. Die Freiburger Soziologin Christine Kimpel macht dafür "Verstädterungsprozesse" verantwortlich, also eine dichtere Bebauung und mehr Straßen. Doch auch die Eltern auf dem Dorf und in der Stadt ticken ähnlich. So sagt Claudia Hoffmann, Maltes Mutter: "Auf dem Land haben Kinder sicher noch mehr Freiräume, da ist es nicht so gefährlich wie in der Stadt." Anke Senftleben, Mutter zweier Töchter aus einer ländlichen 20.000-Einwohner-Gemeinde in Brandenburg, meint hingegen: "Ich glaube, dass Kinder in der Stadt freier herumlaufen, weil sich da alles in einem überschaubaren Viertel abspielt. Auf dem Land ist es viel offener, das empfinde ich als unsicher." Egal, ob Stadt oder Land, für Eltern scheint heute zu gelten: Woanders würde ich die Kinder rauslassen, aber doch nicht hier!

Die Konsequenzen sieht Urs Kühne in seiner Zahnarzt-Praxis in Hamburg-Bahrenfeld. Fragt man ihn nach seinen jungen Patienten, berichtet er von einer Zunahme der "Frontzahnfrakturen" infolge "unabgefangener Stürze". Mit anderen Worten: Die Kinder können nicht mehr richtig fallen. "Ich bezeichne es als ein Schwinden der Sinne. Viele Kinder und Jugendliche haben sensomotorische Defizite", sagt Kühne. "Es fehlt einfach der Umgang mit Balance, Kraft und Koordination."

Genau das kann lernen und trainieren, wer draußen spielt und seine Grenzen austesten darf. "Kinder müssen systematisch in bewältigbare Gefahrensituationen gebracht werden. Dann nimmt das Unfallrisiko auch ab." So spitzt es Klaus Fischer zu, der als Professor an der Universität Köln Bewegungserziehung lehrt. Doch statt fallen zu dürfen, werden die Kinder ruhiggestellt – obwohl der natürliche Bewegungsdrang im Alter von sechs bis zwölf Jahren am größten ist. Längst wissen Forscher: Vom körperlichen Reiz profitieren auch die kognitiven Fähigkeiten. Toben und Umherstromern sind gut fürs Konzentrationsvermögen. Wer sich bewegt, lernt besser. Mehrere große Untersuchungen der vergangenen Jahre belegen dagegen, dass Kinder immer weniger turnen, rennen, klettern. In Münster hat die Polizei gerade das Radfahr-Sicherheitstraining für die dritten Klassen abgeschafft – die Schüler waren so wackelig unterwegs, es war den Polizisten einfach zu riskant.

Jedes Risiko zu vermeiden ist genau die falsche Strategie. Wie soll sich jemand in der Welt zurechtfinden, wenn jede Gefahr von ihm ferngehalten wird? Wer heute zwischen fünf und fünfzehn Jahren alt ist, wird einen Beruf ergreifen, wenn Deutschlands Bevölkerung schrumpft. Die Kinder von heute werden dann die Geschicke dieses Landes leiten: Sie sollen als Ärzte und Pfleger auf Krankenstationen zusammenarbeiten, sie werden mit Problemen von Flüchtlingen bis Klimawandel konfrontiert sein, sie müssen als Lehrer und Erzieher die übernächste Generation prägen. Da sollten wir uns eine Generation starker Persönlichkeiten wünschen, sozial kompetent und empathisch. Und dafür müssen Kinder ihre eigenen Erfahrungen machen, Risiken eingehen, ihre Grenzen testen dürfen. Und sie müssen lernen, mit anderen Menschen klarzukommen, ohne dass Mama oder Papa danebenstehen.

Eine solche Lektion in Konfliktbewältigung hat gerade Malte aus Berlin hinter sich. Ziemlich behütet wachse er auf, findet sogar seine Mutter. Aber als der Zwölfjährige kürzlich allein ins berüchtigte Prinzenbad ging, traf er dort auf eine Gang pöbelnder Jugendlicher. "Abends hat Malte erzählt, dass ihn ein Junge im Becken richtig bedrängt hat", sagt die Mutter. Aber sie weiß: "Solche Erfahrungen sind wichtig, da muss er allein durch." Und da kommen Kinder allein durch. Maltes Strategie: cool bleiben und den Pöbler keine Angst spüren lassen. Solche Konfliktkompetenz können Kinder unter Aufsicht kaum erwerben. Nur Gleichaltrigen begegnen sie auf Augenhöhe, lernen sich zu einigen, sich mal zu behaupten. Und wenn sie das nicht nur im eigenen Freundeskreis oder in der Klassengemeinschaft lernen, umso besser. Kontakt zu anderen sozialen Milieus, so wie bei Maltes Begegnung im Prinzenbad, ist der gesellschaftlich vielleicht relevanteste Grund, warum wir Kinder vor die Tür jagen sollten – und zwar in einem möglichst weiten Umkreis.

Für die Gleichaltrigen, für Erfahrungen in der Peergroup aber ist heute kaum noch Raum. Menschen, die in den fünfziger und sechziger Jahren aufgewachsen sind, sprechen von ihren Kindheitserlebnissen stets in der "Wir"-Form, heutige Heranwachsende hingegen sagen stets "ich". Das hat der Erfurter Kindheitsforscher Burkhard Fuhs festgestellt – für ihn ein deutliches Zeichen für den Mangel an Gruppenerlebnissen. Verstärkt wird das noch, weil ein Viertel aller Jungen und Mädchen aktuell geschwisterlos aufwächst.

Diese Einzelkinder werden von den Eltern behütet wie ein Schatz. So gaben in der ZEIT-Umfrage mehr als acht von zehn Eltern an, sie wollten "jederzeit wissen, wo sich das Kind gerade befindet". Und fast drei Viertel gaben an, sie wüssten dies auch tatsächlich. Ein knappes Drittel von ihnen nutzt Technik, etwa Smartphones, um jederzeit den Aufenthaltsort des Kindes feststellen zu können. Ebenfalls ein Drittel derer, die bisher keine Technik nutzen, zeigte zumindest Interesse daran, sein Kind technisch "jederzeit orten zu können".

Was aber sind die Folgen einer solch übermäßig behüteten "Ich"-Kindheit? Der Bielefelder Pädagoge Holger Ziegler hat gerade erhoben, wie viele Nachmittage Kindern zum freien Spiel bleiben, wie viele Termine damit konkurrieren und wie es Kindern mit einem vollen Kalender geht. Fast die Hälfte der Sechs- bis Elfjährigen hat ein bis zwei feste Verpflichtungen in der Woche, jedes dritte Kind sogar drei oder mehr. Ab drei Terminen pro Woche könne ungesunder Stress entstehen, so ein Ergebnis aus Zieglers Studie. Jedes sechste Kind im Land leide bereits darunter. Sein Kollege Burkhard Fuhs vergleicht diese Kinder mit kleinen Adeligen des 19. Jahrhunderts. Auch die hätten tausend Verpflichtungen gehabt und seien von anderen abgeschirmt worden. "Die Idee der Gleichheit, die wir im 20. Jahrhundert über die Schule verwirklichen wollten, geben wir aktuell auf, weil wir alle Förderung in die Freizeit verlagern", sagt Fuhs. "Wir züchten uns einen neuen Bildungsadel heran."

Ein Rückschritt um gut 200 Jahre – soziale Ungleichheiten inklusive. Kinder aus einfachen Verhältnissen sehen einsam fern, die besser gestellten werden zu gestressten Egomanen. Denn "Straßenkindheit" ist heute ein Mittelschichtphänomen, so ein zentrales Ergebnis der Studie Raum für Kinderspiel!, für die exemplarisch fünf Orte in Baden-Württemberg untersucht wurden. Besser verdienende Eltern können sich einfach eher ein Zuhause in Vierteln leisten, in denen ihre Kinder mehr und bessere Spielmöglichkeiten haben. So ziehen heute keine Straßengören mehr um die Häuser, wenn überhaupt, sieht man Kinder im Wendehammer der Siedlung und immer in Sichtweite der Eltern spielen.

Darin steckt aber auch eine positive Botschaft, ja eine Handlungsanleitung. Die Umgebung wirkt sich auf die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern aus. Und somit kann das Schaffen von Spielräumen ein Mittel für mehr Chancengleichheit sein. "In eine einzelne Familie kann ich nur mit großem Aufwand eingreifen", sagt die Soziologin Christine Kimpel, "das Wohnumfeld lässt sich leichter und für viele gleichzeitig verbessern." Eine spielenswerte Umgebung ist der beste Sozialarbeiter. Eigentlich müsste also jede Gemeinde, jede Stadt, jedes Bundesland nach umhertollenden Kindern streben.

Natürlich kann nicht jeder aufwachsen wie Sly auf Helgoland. Aber mehr Insel im übertragenen Sinne ist nötig gegen das Phänomen der verinselten Kindheit. Mehr Orte für freies Spiel, zwischen denen keine Autofahrt liegt, sondern nur Streifzüge auf Kinderfüßen. Wo Kinder Risiken eingehen und daraus lernen können – und die Erwachsenen lehren, sich nicht ständig Sorgen zu machen.

Mitarbeit: JAN SCHWEITZER

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