Wuchernde Wiesen, hohe Bäume, kleine Flussläufe – wer sich den idealen Spielort für sein Kind vorstellt, der denkt wohl eher an Naturlandschaften als an Klettergerüste, Schaukeln und Sandkästen. Die Natur ist in den Augen vieler Eltern der perfekte Spielort und zugleich Trainingsplatz für ihr Kind – trotzdem bewegen sich Mädchen und Jungen kaum noch frei in ihr. Stattdessen halten sie sich vor allem in geschlossenen Räumen auf.

Denn viele Väter und Mütter lassen ihre Kinder ungern im dunklen Wald spielen, schließlich lauern dort ja hinter jedem Baumstamm Gefahren: Kriminelle, die die Kinder verschleppen, oder auch Zecken, die gefürchtete Krankheiten übertragen. Da ist vielen Eltern die kleine Straße, die ans Haus angrenzt, oder der Spielplatz, der um die Ecke liegt, doch lieber.

Der Kinderarzt Herbert Renz-Polster sieht das kritisch: "Natur ist für Kinder so essenziell wie gute Ernährung." Sie sei mehr als nur ein Ort der Erholung. Für Kinder sei sie ein regelrechter Entwicklungsraum.

Was der wilde Wald bietet und warum Rutschen und Klettergerüste nicht Hügel und Felsen ersetzen können, lässt sich schon erahnen, wenn man unsere Evolution betrachtet. Lange Zeit hat der Mensch sich in der freien Natur entwickelt. Gemessen daran, wie lange es uns gibt, leben wir erst seit Kurzem in Häusern zwischen festen Mauern, die wir praktisch gar nicht mehr verlassen müssen. Auf Wiesen umherlaufen, den Wald erkunden, nach Beeren suchen – das war dagegen lange fester und notwendiger Bestandteil unserer Lebenswirklichkeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Das Gespür für die Natur ist auch heute noch in uns verwurzelt. Das kann man immer dann sehen, wenn Kinder in Wald und Feld spielen. Wenn sie die alten Muster ausleben, sich jagen, auf Bäume klettern, Hütten bauen. Dabei geht es nicht allein um Spaß, sagt Renz-Polster, der das Buch Wie Kinder heute wachsen: Natur als Entwicklungsraum geschrieben hat. Wenn Kinder spielten, arbeiteten sie, sagt er. Sie eigneten sich Kompetenzen an, die sich auf weitere Lebensbereiche auswirkten.

Ein Kind etwa, das am Wasser spielt, schaut nicht einfach bloß zu, wie der Bach fließt – es lernt ganz nebenbei etwas. Es stellt vielleicht fest, dass das Wasser im flacheren Bereich wärmer ist, tiefer im Flussbett aber kälter wird. Und wenn es einen Ball darauf schwimmen lässt, begreift es, dass der wohl leichter sein muss als das Wasser, schließlich geht er nicht unter. Es kennt die Prozesse noch nicht beim Namen, doch es schärft, ganz unbewusst, seinen Sinn für die Physik der Welt.

Oder die Wagemutigen, die es am liebsten bis in die Kronen der Bäume schaffen wollen: Während sie Stamm und Äste erklimmen, müssen sie sich genau überlegen, wohin sie treten, welchen Ast sie greifen. Logisches Denken und Vorausschau sind dafür nötig. So fördert das Spiel in der Natur naturwissenschaftliche und mathematische Kenntnisse.

Zugleich spielen Kinder in der Natur kreativer. Weil sie vor stets neue Herausforderungen gestellt werden, müssen sie auch immer wieder neue Lösungen finden. Sie müssen sich an die Begebenheiten anpassen: Kälte, Hitze, Schatten, Licht und zahlreiche Farben sorgen für immer neue Reize.

Doch das ist noch längst nicht alles. Kinder tauchen in der Natur auch in eigene Fantasiewelten ein. "Während sie etwas bauen, erfinden sie dazu Geschichten", sagt der Bildungspsychologe David Whitebread. So entwickeln sie ihr Denken und ihre Fähigkeit zu logischen Schlussfolgerungen weiter. Dazu trägt auch bei, dass die Natur keine fertigen Spielzeuge bietet. Alles muss aus dem zusammengebaut werden, was da ist. Zur Not wird eben mit etwas Fantasie und einem Taschenmesser aus dem morschen Stock ein Schwert.

Doch nicht nur der Verstand profitiert vom Spiel in der freien Natur. Auch körperlich entwickeln Kinder wichtige Fertigkeiten, wenn sie etwa durch unwegsames Gelände herausgefordert werden. In Norwegen haben Forscher dies an Kindergartenkindern untersucht. Sie verglichen die motorischen Fähigkeiten zweier verschiedener Gruppen. Die eine Gruppe spielte über neun Monate hinweg regelmäßig in einem Waldgebiet. Die andere verbrachte diese Zeit vor allem auf einem angelegten Spielplatz. Dann testeten die Forscher die Fitness der Kinder. Sie untersuchten etwa ihre Fähigkeit zu balancieren, ihre Reaktionsfähigkeit oder ihre Geschicklichkeit. Das Ergebnis: Die Kinder, die regelmäßig in der freien Natur gespielt hatten, waren den gleichaltrigen Spielplatzkindern in ihren motorischen Fähigkeiten überlegen.

Und die wissenschaftliche Literatur gibt noch mehr her. Eine Überblicksstudie aus den USA zeigt, dass das Spiel im Grünen chronischen Krankheiten wie Diabetes oder Asthma sowie Depressionen vorbeugen kann. Und ein Waldspaziergang kann offenbar die Symptome ADHS-kranker Kinder lindern. Theorien über Allergien existieren ebenfalls: Wer als Kind häufig mit bestimmten Stoffen in Berührung kommt, die sich im Fell von Tieren befinden, leidet später seltener an Allergien. Ähnliches gilt für spezielle Zuckermoleküle aus Pflanzen, die die Überreaktion des Immunsystems dämpfen sollen.

Der Journalist und Autor Richard Louv beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der kindlichen Entwicklung und dem Verhältnis des Menschen zur Natur. Er erkennt noch eine weitere, gesellschaftliche Dimension des Themas. In seinem Buch Last Child in the Woods schreibt er: "Wie die jungen Menschen auf die Natur reagieren und wie sie ihre Kinder erziehen, wird die Beschaffenheit unserer Städte, unserer Heimat, unseres täglichen Lebens formen." Denn spielen Kinder im Grünen, bauen sie auch zu den Bäumen und Sträuchern um sie herum eine Bindung auf. Intuitiv reagieren sie auf Tiere, interessieren sich für sie und bauen Ängste ab. Generationen, die die Natur nie in ihrer vollen Faszination und Schönheit erlebt haben, könnte diese Bindung fehlen – genauso wie ihren Kindern, befürchten Experten.

Nun könnte man einwenden, dass es in urbanen Regionen schwierig oder gar unmöglich ist, echte, wilde Natur zu erreichen. Doch schon Ausflüge mit der Kindergartengruppe auf Brachgelände oder in Parks bieten eine gute Abwechslung. In Skandinavien fahren Erzieher mit den Kindern ans Meer oder in die Wälder. Und wenn dafür hierzulande die Kapazitäten fehlen, könnten ja auch Eltern Gemeinschaften bilden und regelmäßig die eigenen Kinder und ihre Freunde mit in die Natur nehmen: Picknickkorb einpacken, zur nächstgelegenen Waldlichtung fahren und sie einfach spielen lassen.