Abermals hat der große Patrick Modiano einen großen Roman geschrieben, und wieder entführt er uns in das geheimnisvolle Reich der Erinnerung. Es ist, als tauchten wir hinab in ein Meer, wo das Licht gedämpft ist, wo die Farben anders leuchten und die Körper ohne Schatten sind. Das Werk des französischen Schriftstellers umfasst mehr als zwei Dutzend Romane, doch eigentlich handelt es sich um ein einziges gewaltiges Buch, zusammengesetzt aus aparten Glasgemälden. Aneinandergefügt ergeben sie das vielfach gebrochene Bild eines Lebens und einer Epoche.

In ihrem Mittelpunkt steht Paris. Fast durchweg bildet es den Schauplatz der Ereignisse. Ereignisse? Doch, es gibt sie durchaus: ein Unfall in der Nacht, ein lange zurückliegender Mord, kriminelle Machenschaften. Das erzeugt eine Aura des Unheimlichen, bleibt aber fast immer unaufgeklärt. Die erinnernde Vernunft bringt nur punktweise ein bisschen Licht ins Dunkel der Vergangenheit.

Im neuen Roman begegnen wir einem älteren Schriftsteller, der allein in seinem Arbeitszimmer sitzt. Er nennt es "Büro". Sein Name ist Jean Daragane. Natürlich sind wir versucht, in diesem Mann Patrick Modiano zu erblicken, was auch deshalb naheläge, weil Modiano in seiner Autobiografie Ein Stammbaum (2007) eine Jugendliebe namens Kiki Daragane erwähnt. Doch rasch begreifen wir, dass solche Parallelen in die Irre führen.

Jedenfalls klingelt plötzlich das Telefon. Daragane erschrickt. Seit Monaten hat er mit niemandem mehr telefoniert, niemanden mehr gesehen. "In dieser Einsamkeit", so heißt es, "hatte er sich so leicht gefühlt wie nie zuvor." Ebendeshalb empfindet er den Anruf als Überfall, vermutet gar einen Erpresser am Werk. Doch der Anrufer teilt ihm bloß mit, er habe sein Adressbuch gefunden und sei bereit, es ihm vorbeizubringen. Daragane kommt das zudringlich vor, und man verabredet sich in einem Café.

Der Finder – ein jüngerer Mann namens Gilles – erscheint mit seiner Freundin Chantal und stellt dem Schriftsteller eine seltsame Frage. Er habe in dem Adressbüchlein geblättert und sei auf den Namen Guy Torstel gestoßen. Dieser Mann sei möglicherweise in einen Mordfall verwickelt, den er, Gilles, recherchiere, um darüber zu schreiben.

Daraganes Erklärung, er könne mit dem Namen nicht das Geringste anfangen, erregt den Widerspruch von Gilles. Er habe die Romane des Schriftstellers gelesen, und in einem von ihnen werde Guy Torstel ausdrücklich erwähnt. Daragane behauptet, sich an den Roman nicht erinnern zu können, auch besitze er kein Exemplar mehr davon. Er verabschiedet sich brüsk.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Am nächsten Tag erreicht ihn ein Anruf von Chantal. Sie bittet ihn dringend, zu ihr zu kommen, sie müsse ihm etwas zeigen. Und Daragane, eben noch einsamkeitsverliebt, geht hin, steigt die vier Etagen zu ihrem Dachzimmer empor (wirklich alt scheint er nicht zu sein) und blättert in einem von Gilles angelegten Dossier: Es enthält Polizeiakten sowie das Passfoto eines Kindes.

Daragane spürt, wie eine Veränderung von ihm Besitz ergreift. "Es war merkwürdig, so schnell in das Leben anderer Leute zu treten ... Er dachte, in seinem Alter würde ihm das nicht mehr passieren, wegen seines Überdrusses und auch wegen des Gefühls, dass sich die anderen langsam von einem entfernen." Und nun ist es doch passiert. Zu seiner eigenen Überraschung bemerkt er: "Er wäre gern mit ihr zusammengeblieben, so sehr ängstigte ihn die Aussicht, allein zurückzukehren in seine Wohnung."

Die Begegnungen mit Chantal haben eine untergründige erotische Spannung. Einmal übernachtet sie bei ihm, aber auch hier bleibt die Neugier des Lesers ungestillt. "Als er in sein Büro zurückkam, lag sie auf dem Kanapee, in diesem seltsamen schwarzen Satinkleid mit den zwei gelben Schwalben. Einen Augenblick war er verwirrt. Trug sie dieses Kleid schon, als er ihr die Tür geöffnet hatte? Nein. Ihre schwarze Bluse und ihre schwarze Hose lagen zu einem Knäuel gerollt auf dem Parkett, neben ihren Ballerinas. Sie hatte die Augen geschlossen, und ihr Atem ging regelmäßig. Stellte sie sich schlafend?" Ende der Szene. Mehr wird nicht gesagt.

Der Zufall des verlorenen Adressbuchs, sein Wiederauftauchen und die Gespräche mit Chantal bewirken etwas Unheimliches. Es ist, als würde plötzlich eine Tür aufgestoßen, durch die der Wind der Vergangenheit bläst. Er vertreibt den Nebel des Vergessens und enthüllt die frühen Landschaften seiner Jugend.

Daragane aber sähe die Tür lieber verschlossen. Es widerstrebt ihm, das Dossier zu lesen. Er empfindet es als eine "zähe und klebrige Masse", er kommt nicht voran: "Die Sätze verhedderten sich, und neue Sätze tauchten plötzlich auf, überlagerten die anderen und verschwanden." Jedes Mal, wenn er sich von Neuem daranmacht, überfallen ihn "Nervosität und Angst". Nach und nach begreift er, weshalb. Es ist seine eigene Geschichte, die er hier in Bruchstücken dokumentiert sieht. Er erinnert sich nun an diesen Guy Torstel, auch an andere Namen in den Protokollen. Es sind Gestalten aus jener Halbwelt, in der er aufgewachsen ist, verlassen von den Eltern, aufgezogen von einer jungen Frau, einer Freundin der Mutter. "Er hatte das Gefühl, nie Eltern besessen zu haben."

Und jetzt endlich erkennt er dieses Kind auf dem Passfoto wieder: Es ist er selbst. Er hat dieses Trauma, das ihm nun unerwünscht ins Gehege kommt, erfolgreich beiseitegeschoben, so wie den Koffer mit alten Dokumenten und Manuskripten, den er nicht zu öffnen wagt: "Seit zehn Jahren hatte er den Koffer nicht aufgemacht. Er konnte sich nicht von ihm trennen, war aber dennoch erleichtert, dass er den Schlüssel verloren hatte."

"Ich habe keine Begabung für Metaphern"

Wer Modianos Bericht Ein Stammbaum liest, findet dort die existenzielle Heimatlosigkeit des ungeliebten Kindes geschildert, die alle seine Romane grundiert. Und doch ist die Geschichte, die hier aus dem Dunkel der Vergangenheit plötzlich hervorbricht, nicht die von Modiano. Es ist eine der vielen Variationen, die er in seinen Büchern intoniert. Und letztlich geht es nicht so sehr um Unordnung und frühes Leid, sondern vor allem um das ebenso tröstliche wie schreckliche Phänomen des Vergessens.

"Das Vergessen", so war es in dem Roman Unfall in der Nacht (2006) zu lesen, "frisst mit der Zeit ganze Abschnitte unseres Lebens auf." Jeder, der im Blick auf das eigene Leben dem rätselvollen, schwankenden Prozess des Erinnerns und Verdrängens begegnet, wird bei Modiano den unablässig sich mühenden Versuch erkennen, festen Boden zu gewinnen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass den Modiano-Leser eine Art Sucht ergreift, gerade so, als ob er mittels einer Droge in einen unendlichen Tagtraum geriete.

Die präzisen Orts- und Zeitangaben der Romane, die Tages- und Jahreszeiten, die Straßen, Bars, Hotels, Metrostationen und Plätze von Paris, zwischen denen Modianos Helden umhervagabundieren, sind letztlich nur ein untaugliches Mittel, das Ineinanderschwimmen von Zeit und Ort zu verhindern. In jenem Dossier findet Daragane die Liste der von der Polizei Verdächtigten, "alles mit genauen Adressen gespickt – wahrscheinlich um Orientierungspunkte zu haben, an die man sich klammern konnte in diesem Treibsand".

Doch jeder Stollen, den Daragane ins Gebirge seiner Vergangenheit treibt, endet irgendwann im Nichts. Nicht einmal dieser Zufallsbegegnung ist zu trauen. Chantal scheint eine Art Prostituierte zu sein, und Gilles ist offenbar ein Spieler und Betrüger. Der anfängliche Verdacht eines erpresserischen Unternehmens ist nicht vom Tisch, die Grenze zwischen Traum und Realität bleibt unklar. Und der Mordfall, den es zweifellos gegeben hat, verschwindet im Treibsand der Vermutungen.

Auch der Adresszettel, den die geliebte Ersatzmutter dem Knaben mitgibt, "damit du dich im Viertel nicht verirrst" (so der Titel des Romans), gibt keinen verlässlichen Halt. Am Ende wird sie verhaftet und das allein gelassene Kind von der Polizei aufgelesen. Ein Traum, wie er einem in schwarzen Nächten widerfahren kann.

Man läse das nicht so gebannt, wäre Modianos Prosa nicht auf leuchtende Weise asketisch. Hier gibt es keine schmückenden Adjektive, keine blumigen Vergleiche. "Ich habe keine Begabung für Metaphern", hat Modiano einmal von sich gesagt. Es gibt auch keine Naturbeschreibungen. Wir bewegen uns im steinernen Meer von Paris wie Schlafwandler. Fast nie erfahren wir, wie die Personen aussehen, ob sie schwarzhaarig oder blond sind, dick oder dünn. Es ist, als läsen wir den Bericht eines Forschungsreisenden, der allein seinem Blick für das Wesentliche vertraut – und seiner Gabe, es beschreiben zu können.

Dass die Schwedische Akademie Patrick Modiano, der kürzlich 70 geworden ist, im vergangenen Jahr den Nobelpreis verliehen hat, ist und bleibt eine weise Entscheidung. Es war übrigens Peter Handke, der schon 1985 Eine Jugend übersetzt und Modiano bekannt gemacht hat. Dieses neue Buch nun hat Elisabeth Edl hervorragend ins Deutsche gebracht.