Warum äußern sich so wenige Intellektuelle in öffentlichen Debatten? Der Germanistikprofessor FRITZ BREITHAUPT antwortet

Neuer Kalter Krieg, Europa in der Krise, Flüchtlingsdrama – warum äußern sich dazu so wenige Professoren in der Öffentlichkeit? Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen, 46, führte dies unter der Frage "Wo seid ihr, Professoren?" (ZEIT Nr. 31) auf Fehlanreize in der Wissenschaft zurück. Die Debatte setzt sich in den CHANCEN und online fort. Texte unter: www.zeit.de/professoren. Schicken Sie Ihre Beiträge gerne an professoren@zeit.de, die besten werden wir veröffentlichen. 

Das Drama um die öffentlichen Intellektuellen lässt sich an meinem Buch Kultur der Ausrede veranschaulichen. Ich hatte behauptet, dass die Ausrede die Grundform des Erzählens sei. In Amerika wurde die These intensiv diskutiert, ich sprach auf Podien, hielt Vorträge. In Deutschland gab es unsachliche Kritik, die sich über das Buch lustig machte.

Was sich daran zeigt? Wie extrem unterschiedlich die Wissenschaftskulturen sind. In Amerika wird auch Wolkiges gefeiert, sofern es große Thesen enthält. In Deutschland herrscht eine Kultur der öffentlichen Bestrafung, die sich aus etwas typisch Deutschem speist: dem Perfektionismus. Wer groß auftritt, so die Logik, soll umso höher fallen. Wer wundert sich da noch, dass sich Deutschlands Professoren nicht nach vorne wagen?

Dem Perfektionismus verdankt Deutschland vieles: die Hochkulturen der experimentellen Naturwissenschaften, der Ingenieurwissenschaften und der Philologie. Doch wehe dem, der eine große These wagt! Das Denken in großen Zusammenhängen, das Spekulative, das Verallgemeinernde vertragen sich nicht mit dem Perfektionismus. Am liebsten werfen wir Akademiker einem Kollegen fehlende Tiefe vor, wenn er oder sie sich zu einem Gegenstand öffentlich äußert. Jeder Habilitand und Doktorand kennt die Gefahr – und wagt sich schon deshalb nicht vor. Um der harschen Kritik des fehlenden Perfektionismus von vornherein zu entgehen, beackert jeder lieber sein verschwindend kleines Wissensfeldchen.

Ein öffentlicher Intellektueller hingegen muss Stellung beziehen. Wer in den Medien auftritt, muss A oder B sagen, muss große Thesen schwingen und verallgemeinernd sprechen. Etwa von "der" 68er-Generation oder "der" politischen Haltung Europas.

Doch die Verallgemeinerung ist dem Geist des akademischen Perfektionismus zuwider. Selbst die rein akademischen Fachbücher der wenigen public intellectuals werden mit Argwohn betrachtet. Als wehe bereits in ihnen der Geist der Schlamperei, der Schaumschlägerei, des Populismus, der Vergröberung, kurz: des Verrats an der Wissenschaft. Die Fallhöhe ist groß. Jemand, der etwa wie Peter Sloterdijk oder Norbert Bolz auch in den Medien erfolgreich auftritt, kommt schnell in den Verdacht des Populärphilosophen – und das ist in Deutschland kein Kompliment, sondern ein Schimpfwort.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Die wenigen öffentlichen Intellektuellen, die es in hierzulande gibt, leiden unter den Folgen von Perfektionismus und Strafkultur. Als Selbstschutz haben sie einen sonderbaren sprachlichen Stil entwickelt, der zum Charakteristikum wurde. Benjamin und Adorno, aber auch die heutigen Intellektuellen, die ich verehre, wie etwa Wolfram Eilenberger, Hans Ulrich Gumbrecht, Hartmut Rosa und Joseph Vogl, pflegen eine abgehobene Sprache. Die mag Ausdruck von Eleganz sein, kann aber auch als Zeichen der Hilflosigkeit gedeutet werden. Wer ohne diesen Stil daherkommt, steht mit seinen Thesen nackt da, so die Befürchtung. Ganz anders ist das in Amerika, wo Paul Krugman, Judith Butler oder auch Noam Chomsky sehr weit außerhalb des Elfenbeinturms wahrgenommen und verstanden werden. Sie trauen sich etwas – und die Öffentlichkeit gesteht ihnen diese Rolle zu.

Deutschland braucht eine akademische Kultur samt entsprechender Ausbildung, die das hochspezifische Fachwerk mit mutigeren synthetischen Überblicksarbeiten abwechselt. Wer öffentlich mitreden will – und das sollten wir Professoren –, der muss sich trauen, jenseits der Komfortzone seines böhmischen Dörfleins zu sprechen. Und er muss anderen erlauben, es ebenfalls zu versuchen.