Montags trauen sich viele ausländische Wissenschaftler nicht aus dem Haus. © Matthias Hiekel/dpa

Der Name Akkineni fehlt am Klingelschild. Verzogen. Es ist noch gut zu sehen, warum: dunkelblaue Filzstiftschmiere, die die Namen auf den Briefkästen und Klingeln fast unleserlich macht. Nicht alle Namen, nur die ausländischen. Kumar, Alhossin, Huan, Do Le, Abduleila. 11 der 50 Namensschilder sind durchgestrichen. Die Botschaft ist unmissverständlich: Ihr gehört hier nicht her. Eine Drohgebärde aus Tinte.

Die Straße in Dresdens Südvorstadt liegt zwischen Grünanlagen und Spielplätzen, aus den zehnstöckigen Wohnblöcken aus Waschbeton sind am Vormittag kaum Geräusche zu hören. Ab und zu schleppen Senioren Einkäufe vom Discounter nach Hause oder führen Kläffer ums Karree. Gegen Mittag kommen Studenten aus Richtung der Technischen Universität, die man in fünf Minuten zu Fuß erreicht. An der Ecke des alten Wohngebäudes von Rahul Akkineni kann man sich die Dresdner Morgenpost aus einem Automaten ziehen. "In Sachsen zu Hause!" prangt der Werbeslogan in weißen Buchstaben auf dem Kasten. Eigentlich ziemlich nett hier. Wenn der Hass nicht wäre.

Dresden ist in diesen Wochen wieder Thema in den Medien: Kranke Flüchtlinge werden schlecht versorgt, es fliegen Steine auf Unterkünfte, auch Pegida ist nicht totzukriegen. Der Schaden ist enorm. Nicht nur für die Stadt und ihre Bürger, die im Blick von außen in Sippenhaft genommen werden. Sondern auch und vor allem für den Wissenschaftsstandort, der einer der besten in Deutschland ist. Für die Technische Universität, die einzige ostdeutsche Exzellenzuniversität, für die zwei Max-Planck-Institute, für die insgesamt über 40 Forschungsstätten in der Stadt. Sie hängen stark davon ab, dass hoch angesehene Wissenschaftler aus der ganzen Welt zu ihnen kommen. Die sich für Dresden entscheiden und gegen Berkeley, Boston oder Oxford.

Doch aus der Ferne sieht Dresden aus wie ein brauner Fleck.

Akkineni, dessen Klingelschild beschmiert wurde, ist 28, er kommt aus Hyderabad im Herzen Indiens. Ein höflicher Mann mit zurückhaltendem Auftreten, der seine Worte mit Bedacht wählt. Er arbeitet in Dresden am Medizinisch Theoretischen Zentrum, schreibt seine Dissertation in Biotechnologie. Er ist nicht fortgegangen, nur umgezogen. Ins Zentrum der Stadt, da fühlt er sich sicherer, meistens zumindest. Nur montags nicht, wenn die Überbleibsel der Pegidademonstranten durch die Stadt laufen. Dann schließt er sich ein. "Normalerweise arbeite ich bis spätabends im Labor. Aber montags sorge ich dafür, immer um 17.30 Uhr zu Hause zu sein", erzählt er. Abends stellt er sich dann ans Fenster seines Einzimmerapartments im elften Stock und guckt nach unten auf den Platz vor dem Kino, wo noch lange nach der Demo Männer herumsitzen, Bier trinken und Parolen rufen. Akkineni verlässt am Montagabend nicht mehr das Haus.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Nicht nur die immer wieder erneuerten Markierungen seines Namens auf dem Klingelschild drängten Akkineni aus seiner Wohnung. Auch die Tiraden eines Nachbarn. Am Abend des 12. Januar steigen Akkineni und drei Freunde aus dem Kricketteam im zehnten Stock in den engen Fahrstuhl. Im fünften Stock hält er an, die Tür geht auf. Ein älterer Nachbar will einsteigen, aber als er die vier Inder in der Kabine sieht, fängt er an zu pöbeln. "Ich muss für euch bezahlen, Deutschland braucht keine Ausländer wie euch." Erst auf Deutsch, dann, als Akkineni und seine Freunde ihm sagen, dass sie ihn nicht richtig verstehen, auf Englisch. "We don’t want you here." Er schlägt die Fahrstuhltür wieder zu, das Schimpfen verfolgt die vier Inder dumpf in den Schacht. "Das hat mir Angst gemacht", sagt Akkineni.

Man muss nicht lange suchen in Dresden, um Geschichten wie diese zu hören. Geschichten von Menschen mit brauner Haut, denen die Braunen das Leben vermiesen. Von internationalen Wissenschaftlern, die in den letzten Jahren an den Spitzenstandort Dresden gezogen sind und nun daran zweifeln, hier noch richtig zu sein. Die sich montags einschließen und abends in der Tram kein Englisch mehr sprechen. Die umziehen müssen und große Teile der Stadt gar nicht mehr betreten – aus Angst.

Und das, obwohl Pegida sich selbst zerlegt hat und statt 25.000 nur noch rund 3.000 Leute am Montag durch die Stadt ziehen. Die selbst ernannten patriotischen Europäer hatten im vergangenen Winter durch islamfeindliche Hetze und krude Thesen das Biest der Fremdenfeindlichkeit aus dem Käfig auf die Straße gelassen. Was vorher nur am Stammtisch rausgehauen wurde, bekam durch die Bewegung den Stempel "alltagstauglich". Die Ablehnung, die viele Ausländer in Dresden vorher nur spüren konnten, zeigen Menschen nun regelmäßig offen auf der Straße. Gezischte Sprüche, hingerotzte Spucke vor die Füße, ignorierte Bestellungen an der Theke. Niemand erlebt es täglich, aber täglich erleben es ein paar.