Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble © Bernd Von Jutrczenka/dpa

Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen, hat der Philosoph Ludwig Wittgenstein einst empfohlen. Die Bundesregierung tut in diesen Tagen genau das Gegenteil: Um davon abzulenken, dass im Fall Griechenland die eigenen roten Linien wieder einmal überschritten werden, vollbringt sie sprachliche Höchstleistungen. Wie etwa Wolfgang Schäuble in einem Brief an die Abgeordneten des Bundestags. Es könne, schreibt Schäuble am Dienstag dieser Woche, "zu Gesprächen über weitere Erleichterungen bei den Rückzahlungsmodalitäten der Hilfskredite kommen". Dabei dürften diese Erleichterungen aber "kein Schuldenschnitt sein".

Alles klar?

Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Ein Schuldenschnitt reduziert die Höhe der Schulden. Die Staaten der Währungsunion haben Griechenland bislang 184 Milliarden Euro geliehen. Wenn den Griechen nun zum Beispiel die Hälfte der Schulden erlassen würde, dann würden die Gläubiger auf 92 Milliarden Euro verzichten. Kompliziert wird es, weil es einen Schuldenschnitt nach Ansicht von Schäuble nicht geben darf. Und so ist die Debatte über die griechischen Schulden auch ein Lehrstück über den Umgang der Politik mit den eigenen Versprechungen.

Schäuble ist der Auffassung, dass es gegen die Europäischen Verträge verstieße, wenn einem Mitglied der Währungsunion durch die anderen Mitglieder ein echter Schuldenerlass gewährt würde. In diesen Verträgen steht schließlich, dass jedes Land für seine Schulden selbst verantwortlich ist.

Das sieht man zwar in der Europäischen Kommission – der eigentlichen Hüterin der Verträge – weniger streng, doch Schäuble hat sich nun einmal öffentlich festgelegt. Solche Festlegungen sind für jeden Politiker ein zwiespältiges Unterfangen. Einerseits lässt sich durch sie der Gang der Ereignisse beeinflussen. Wenn das aber anderseits nicht funktioniert und die Ereignisse machen, was sie wollen, dann ist schnell die eigene Glaubwürdigkeit in Gefahr.

Deshalb räumt kein Politiker gern seine Position – und schon gar nicht Wolfgang Schäuble. Doch in diesem Fall hat er sich und die gesamte Bundesregierung in eine ausweglose Situation manövriert. Denn der Internationale Währungsfonds (IWF) hat eine Schuldenerleichterung zur Bedingung seines weiteren Engagements in Griechenland gemacht. Und Angela Merkel hat den Abgeordneten im Bundestag versprochen, dass der IWF an Bord bleibt.

Gibt die Regierung nach und streicht die griechischen Schulden, wird man ihr vorwerfen, nicht Wort gehalten zu haben. Gibt sie nicht nach und klinkt sich der Währungsfonds aus, wird man ihr genau dasselbe vorwerfen. Man könnte auch sagen: Die Kanzlerin und ihr Finanzminister haben sich dermaßen in den Grundsätzen ihrer eigenen Rettungspolitik verheddert, dass nur noch Verbalakrobatik weiterhilft.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 34 vom 20.08.2015.

Und so wird nun über Schuldenmaßnahmen verhandelt, die finanztechnisch denselben Effekt haben wie ein Schuldenschnitt, aber nicht so heißen dürfen: Deshalb ist nun von Schuldenerleichterungen die Rede. Die beliebteste Schuldenerleichterung wiederum ist eine Verlängerung der Kreditlaufzeiten.

Eine solche Verlängerung nämlich hat einen für alle Seiten angenehmen Nebeneffekt: Die Griechen werden entlastet, weil sie mehr Zeit bekommen, um den Schuldenberg abzutragen, und weil die Inflation dann einen Teil der Verbindlichkeiten entwertet. Die Bundesregierung wiederum kann den Anschein aufrechterhalten, dass alle Rettungskredite auf Euro und Cent zurückgezahlt werden.

Das ist natürlich eine Illusion, denn in dem Maße, in dem die Griechen entlastet werden, üben die Gläubiger Verzicht. Das liegt daran, dass sich der Wert ihrer Forderung verringert, wenn sie über ihr Geld erst später verfügen können. Der sogenannte Barwert der Schuld – der gegenwärtige Wert der Summe aller künftigen Zahlungen – wird kleiner. Mit 100 Euro in einem Jahr lässt sich mehr anstellen als mit 100 Euro in 100 Jahren.