Vielleicht haben Sie sich ja bislang nur in Antiquitätenläden umgesehen oder stromerten über Flohmärkte, um Ihre ganz persönliche Kunst- und Wunderkammer zu füllen. Nein, nein, Sie horten nicht, Sie sind ein anspruchsvoller Sammler auf der beständigen Suche nach dem Raren und auch Kostbaren. Gerade deshalb aber sollten Sie Ihr Jagdrevier erweitern und künftig auch auf Auktionen kaufen. Wie aber geht das eigentlich?

Zunächst einmal brauchen Sie nur einen Computer mit Internetanschluss. Verfolgen Sie die Termine der Auktionshäuser auf deren Webseiten, dort sind alle Lose der anstehenden Versteigerungen abgebildet, und natürlich erfahren Sie dort auch, wie hoch die Schätzpreise sind.

Dann klappen Sie Ihren Laptop zu und machen sich auf den Weg. Jeder Auktionator ist gesetzlich verpflichtet, vor der Veranstaltung Gelegenheit zur Vorbesichtigung zu geben. Die sollten Sie – als Neuling unbedingt – wahrnehmen. Denn er wird sich darauf beziehen, wenn Sie nach Erhalt des von Ihnen ersteigerten Stücks eine Beschädigung entdecken und wandeln wollen. Die Qualität der Zustandsbeschreibungen differiert in Umfang und Genauigkeit von Haus zu Haus, was dem einen "Gebrauchsspuren" sind, stellt für Sie im Extremfall einen nicht tolerierbaren Mangel dar. Ein sehr guter Eindruck bei der Betrachtung eines digitalen Fotos kann sich in der persönlichen Begegnung genauso verstärken wie ein leise gehegter Verdacht. Die Zuschreibung an einen Künstler stellt sich oft erst vor Ort bei genauerer Untersuchung der Machart, der verwendeten Materialien als unglaubwürdig heraus. Aber auch umgekehrt – eine Gallé-Vase, laut Katalogbeschreibung aus den uninspirierteren 1910er Jahren der Manufaktur, vermag sich bei näherem Hinsehen des Kenners als bislang nicht publizierte Arbeit aus den frühen Blütejahren des großen Meisters der Ecole de Nancy entpuppen. Da könnte man durchaus ein ganzes Stück über die moderate Taxe mitsteigern.

Derart gut präpariert, stellt man häufig genug während der Versteigerung, an der man – als Neuling unbedingt – persönlich teilnimmt, entsetzt fest, dass man es plötzlich mit einer Reihe von ebenfalls prima informierten Mitbietern zu tun hat: Der Auktionator beginnt beim Limit, dem Mindestpreis, zu dem der Einlieferer bereit ist zu verkaufen, lässt schnell die etwas darüberliegende Schätzung hinter sich und bewegt sich in raschen Hunderterschritten auf die Summe zu, die Sie für angemessen hielten. Einige der Konkurrenten haben inzwischen aufgegeben, doch bleibt da noch der hartnäckige Rivale drei Reihen vor Ihnen. Sie lassen sich nicht beeindrucken – und die Vase wird Ihnen zur nunmehr vierfachen Taxe zugeschlagen. Der Puls geht nochmals um ein paar Takte höher, dann der Augenblick der Erschöpfung, eine diffuse Mischung aus Triumph und Zweifel. Das Ding gehört jetzt Ihnen. Sie feiern es als Trophäe, oder Sie begreifen es als Mahnmal kopfloser Gier. Wir empfehlen dringend, sich mit der ersten Variante anzufreunden, andernfalls sollten Sie zusehen, dass Sie das Objekt aus Gründen der Seelenhygiene schnellstens, wenn es sein muss mit Verlust, wieder loswerden.

Der Zuschlag ist jedoch ausnahmslos bindend. Fällt der Hammer bei Ihrem Höchstgebot, hat der Auktionator als Kommissionär das Geschäft im Sinne des Einlieferers, seinem Auftraggeber, abgeschlossen. Die Rechnung summiert sich auf den Hammerpreis zuzüglich der aus den Allgemeinen Geschäftsbedingungen zu entnehmenden Gebühren, die sich zusammensetzen aus dem prozentual errechneten Aufgeld und der Mehrwertsteuer, in der Regel sind das um die dreißig Prozent.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Eine Rückabwicklung des Geschäfts ist nur unter ganz wenigen, sehr streng ausgelegten, speziell im Auktionsgeschäft anzuwendenden Bedingungen möglich. Kaufreue gehört jedenfalls nicht dazu. Wer einen Kauf rückgängig machen will, muss sehr triftige Gründe haben. Den Vorwurf der falschen Ein- oder Zuordnung wird das Haus zurückweisen und auf die in den AGBs verankerte, freilich reichlich schwammige "Erfüllung der Sorgfaltspflicht" aufmerksam machen. Die wiederum wird quasi im gleichen Atemzug mit dem Hinweis relativiert, dass die Katalogbeschreibungen hinsichtlich Urheberschaft, Technik und Signatur nach bestem Wissen und Gewissen erfolgten und auf den bis dato veröffentlichten respektive allgemein zugänglichen Erkenntnissen (hierzu zählen in manchen Häusern auch die "Angaben des Einlieferers") beruhten.

Mit seiner Eintragung in die Bieterliste hat der Interessent die AGBs anerkannt, in denen auch steht, dass Sachmängel (dazu gehört auch die Fälschung) innerhalb eines Jahres reklamiert werden müssen, nach Ablauf von zwei Jahren kann nur noch mit der Erstattung von Aufgeld und Gebühren gerechnet werden. Wer sich auf Erhaltungs- beziehungsweise Zustandsmängel berufen will, sollte sich warm anziehen, wenn er die dem Auktionshaus gesetzlich vorgeschriebene Gelegenheit der Vorbesichtigung nicht wahrgenommen hat oder den schriftlich angeforderten, heutzutage meist akribisch zusammengestellten Condition Report nicht genauestens (auch zwischen den Zeilen) gelesen hat.