An diesem Nachmittag Mitte Juni, als sie wieder einmal mit Justin darüber reden müssen, wie es weitergeht, sehen sie müde aus. Der Schulleiter und die Klassenlehrerin, die Sozialarbeiterin und die Gründerin der Schule, die so lange für ihre Eröffnung gekämpft hat und die jetzt sagt: "Ich bin froh, wenn die Ferien anfangen, wir brauchen Zeit, um einiges neu zu planen."

Es sind noch fünf Wochen bis zum Ende des Schuljahrs. Es war ein Jahr, das alle an ihre Grenzen gebracht hat.

In einem Klassenzimmer in Berlin-Wedding stellen sie jetzt auf fleckigem Linoleum Tische zusammen, in der Luft liegt ein Restgeruch von Schweiß, den die Jungs mitbringen, wenn sie vom Bolzen in der Pause zurückkommen. Die Schüler sind auf dem Weg nach Hause. Alle, bis auf Justin, der in Wirklichkeit wie alle Schüler in dieser Geschichte anders heißt, aber einen jener Vornamen hat, an dem das Klischee eines bildungsfernen Elternhauses und von Leistungsschwäche so zäh klebt wie Kaugummi unter Schultischen.

Im Treppenhaus schleppt Justins Mutter, die hier Samira heißen soll, ihren fünf Wochen alten Säugling samt Kinderwagen die Treppe hoch in den ersten Stock. Auch sie sieht müde aus.

Justin rennt los, als seine Mutter mit dem Baby im Arm den Kinderwagen ins Klassenzimmer bugsiert. Er nimmt seinen Bruder auf den Arm, strahlt ihn an. Der 14-Jährige, dessentwegen sie alle hier sind, wirkt wie der friedlichste Junge, den man sich vorstellen kann. Dabei hat er seine Lehrer in den letzten Wochen und Monaten oft zum Verzweifeln gebracht.

Wenn er einfach abgehauen ist.

Wenn er Stühle und Tische in der Mensa umgeschmissen hat.

Wenn er den Unterricht so sehr gestört hat, dass sie ihn nach Hause schicken mussten.

Wenn er, die Hand schon am Fenstergriff, gesagt hat: Ich springe jetzt.

Justin weiß nicht, dass seinetwegen Lehrer geweint haben, dass der Schulleiter, dieser Zupacker-Typ, kaum aus der Ruhe zu bringen, immer eine Lösung parat, dass selbst der schon mal gesagt hat: "Ich bin mit meinem Latein am Ende."

Andererseits: Gibt es diese Schule nicht gerade wegen Jugendlichen wie Justin?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Zwei Quereinsteiger im Lehrerberuf, Fiona Brunk, 34 Jahre alt, und Stefan Döring, 33, haben im Berliner Stadtteil Wedding eine private Sekundarschule für sozial benachteiligte Jugendliche gegründet, die in Deutschland bisher einzigartig ist. Die meisten Schüler kommen aus Einwandererfamilien, die meisten kommen aus Hartz-IV-Familien. Nichts Ungewöhnliches im Wedding. Ungewöhnlich ist nur, dass eine Schule genau diese Schüler haben will, über die in anderen Schulen gestöhnt wird. Von denen im Wedding fast jeder Dritte keinen Abschluss macht.

Brunk promovierte in Mathematik, Döring ist Politikwissenschaftler. Nach ihrem Studium gingen sie für die Bildungsinitiative Teach First zwei Jahre an Schulen im Wedding, gaben Nachmittagskurse und bereiteten Schüler auf ihre Abschlussprüfungen vor. Sie entdeckten, wie viel sich auch bei jenen Schülern erreichen ließ, die als schwierig galten – wenn man ihnen etwas zutraute und sich um sie kümmerte.

Sie beschlossen, eine Schule zu gründen. Drei Jahre und unzählige Genehmigungen später stand fest: Im Sommer 2014 würde die Schule mit einer siebten Klasse und 26 Schülern eröffnen. Die Bild- Zeitung nannte sie "Deutschlands erste Hartz-IV-Schule". Ich schrieb in der ZEIT über das Vorhaben, das ich gut fand. Trotzdem fragte ich mich, ob das wirklich funktionieren konnte: Ob, wenn immer und überall zu lesen ist, dass der Bildungserfolg von der Herkunft abhängt, eine Schule das so einfach würde ändern können? Kann sie ausgleichen, was zu Hause schiefläuft, schon schiefgelaufen ist?

Quinoa tauften die Gründer ihre Schule, benannt nach einer südamerikanischen Getreidesorte. Die ist wenig bekannt, Experten sprechen ihr aber das Potenzial zur Bekämpfung des Welthungers zu. Ungeahntes Potenzial erkennen, darum geht es auch Brunk und Döring. Ihre Schüler sollen nicht nur den Sekundarabschluss schaffen: Sie sollen danach entweder eine Ausbildung abschließen oder Abitur machen. So ist das ehrgeizige Ziel im Schulprogramm formuliert. Gelingen soll das durch eine enge Betreuung, durch Mentoren, die sie vier Jahre lang über die Schule hinaus begleiten. Durch das Fach "Zukunft", in dem die Schüler schon von der siebten Klasse an auf die Arbeitswelt vorbereitet werden, und nicht zuletzt durch den festen Glauben daran, dass auch Schüler aus bildungsfernen Familien Erfolg haben können.

Am 25. August 2014 macht sich Justin mit seiner Mutter auf den Weg zur Schuleröffnungsfeier. Justin ist ein schmaler Junge mit dunklen Haaren, er trägt eine Jacke aus Kunstleder, die ihm noch zu groß ist, seine schwarzen Schuhe glänzen. Seine Mutter Samira kommt aus Mazedonien, sie ist eine mädchenhaft zierliche Frau, die aussieht, als ob sie zu einem Date unterwegs ist: die dunklen Locken toupiert, die Augen sorgfältig geschminkt. Sie trägt eine Tupperdose. Es wäre schön, wenn die Eltern etwas mitbrächten, haben sie von der Schule gesagt. Also hat Samira gestern in ihrer schmalen Küche Teig geknetet, Kugeln geformt, sie mit Kräutern belegt und in einer Pfanne frittiert.

Im Glaskasten in der Prinzenallee, wo sonst Kulturabende stattfinden, halten Menschen an Stehtischen Smalltalk, es sieht mehr nach Vernissage aus als nach Schuleröffnung. Samira guckt unsicher. Am Büfett gibt sie ihre Tupperdose mit den Teigtaschen ab, aus der Tasche zieht sie eine 1,5-Liter-Flasche Punica Tropical Fruits. Die Quinoa-Mitarbeiterin guckt skeptisch, "viel Zucker". "Oh", sagt Samira. Schon wieder was falsch gemacht.

Jeder Schüler bekommt zum Schulstart eine Tüte, darin ein Zirkel, eine Reiswaffel und ein Glückskeks mit dem Spruch "Wer an Erfolg denkt, spricht nicht vom Misserfolg". Und an diesem Tag, an dem alle strahlen, die neuen Schüler und ihre Lehrer, die Eltern, die Schule oft nur als einen Ort kennen, an dem man ihnen Vorwürfe macht, an diesem Tag spricht niemand vom Misserfolg. "Ich habe ein gutes Gefühl", sagt Samira.

In den ersten drei Wochen dürfen keine Journalisten die Schule besuchen, die im ersten Stock eines schmucklosen Kastens untergebracht ist. Damit Lehrer und Schüler sich in Ruhe kennenlernen können. Schulleiter Christian Schwenke, 37 Jahre alt, spricht von einer "Gruppenfindungsphase", von "Hochs und Tiefs".