An diesem Mittwochmorgen ist Dimitri Hegemann viel zu früh. Vielleicht weil er gleich vor Politikern sprechen soll, Tagesordnungspunkt 3, Raum 311 des Abgeordnetenhauses in Berlin-Mitte. Während Kaffee und Obstsalatschälchen auf einem silbernen Servierwagen hereingefahren werden und der Haustechniker die Mikrofone überprüft, sitzt Hegemann an seinem Macbook und geht die Präsentation durch. Den Politikern soll er erklären, wie Berlin seine Kreativwirtschaft ins Ausland exportieren kann. Aber eigentlich will er ihnen sagen, dass sie das vor allem in Detroit tun sollen. Er ist überzeugt, dass die heruntergekommene Industriemetropole in Amerika von den Erfahrungen aus Berlin lernen und profitieren kann, auch wirtschaftlich. Hegemann spricht aber nicht so, wie Politiker sprechen, in seinen Worten ausgedrückt heißt das: "Wir bringen die magic ingredients."

Es ist nicht übertrieben, dass Hegemann von "wir" spricht, wenn er die Berliner Kreativwirtschaft meint. Im Tresorsaal eines alten Kaufhauses, einem Raum mit 1,48 Meter dicken Betonwänden und schwarz angemalter Decke, eröffnete Hegemann 1991 den Techno-Club Tresor. In dem Keller konnte man zum ersten Mal die Nächte durchfeiern, im Dunkel, mit zuckenden Stroboskopblitzen und mehr als 100 Dezibel. "Akustisches Narkotikum" nennt Hegemann das. Der Club sollte zu einem der bekanntesten weltweit werden – und ein Markenzeichen für Berlin.

Kreativität ist entscheidend für das ökonomische Wachstum einer Region

Hegemann ließ damals viele DJs aus Detroit einfliegen, weil ihm deren Musikstil gefiel. Detroit kämpfte mit den Folgen sterbender Autofabriken, mit Massenarbeitslosigkeit, Crack, Gewalt. Jetzt, in Raum 311 des Abgeordnetenhauses, bezeichnet Hegemann den Detroit Techno als Soundtrack der Wiedervereinigung für die Jugend von Ost und West. Er hat sich nach vorne gebeugt, um besser ins Mikro sprechen zu können. Eine Subkultur, zu der auch der Tresor zählte, Techno und die Love-Parade, sagt er, habe es geschafft, das Bild Berlins international zu prägen. "Aus kleinen Zellen wurden große Geschichten." Nun sollen auch andere Städte große Geschichten bekommen. Allen voran Detroit.

Dimitri Hegemann, 61, schlohweißes Haar, meist so dunkel wie möglich gekleidet, ist ein Mann des Konjunktivs. Und der Ausrufezeichen. Wer ihn begleitet, erlebt einen Menschen, der ständig Ideen ausspuckt: Das wäre doch was! Könnte man nicht?! Das müsste man mal machen! In Raum 311 prallt dieses Denken auf im Rechteck angeordnete Funktionstische, fest sitzende Krawattenknoten, weiße Servietten, die über kauende Münder wischen.

Hegemann hat damit gerechnet. Die Menschen hier kennen die Nacht nicht, zumindest nicht so, wie er sie kennt, also hat er sich tags zuvor in einem Antiquariat ein Buch gekauft, Die 100 Gesetze überzeugender Rhetorik, für zwei Euro. Es gibt da einen Fünf-Punkte-Plan, der zweite Punkt lautet: Sagen, um was es geht. "Innovation braucht Raum, und Raum braucht Innovation", sagt Hegemann also jetzt, die eigentlich vorgesehene Redezeit von fünf Minuten hat er schon lange überschritten.

Er selbst kommt aus der Enge: Büderich in Nordrhein-Westfalen, 3.000 Einwohner, das auffälligste Gebäude ist eine Kirche. Am Sonntag ging man zweimal dorthin, zu Messe und Andacht, dienstags war immer Schulgottesdienst. Hegemann wurde Ministrant. Die Welt seiner Eltern wurde ihm irgendwann zu klein, irgendwann wollte er nicht mehr akzeptieren, dass sturmfreie Bude das Synonym für größtmögliche Freiheit sein sollte. "Ich wollte Woodstock in Büderich erfahren", sagt er. Und weil Woodstock natürlich nicht nach Büderich kam, zog Hegemann los, um das Woodstock-Gefühl zu suchen.

In Münster begann er, Musikwissenschaft zu studieren. "Bonjour, tristesse", sagt Hegemann heute dazu, denn er wollte Musik studieren, aber kein Instrument spielen. Ihn interessierte, wie Franz Liszt wohl seine Tourneen organisiert hatte und was genau die innere Melodie der Gamelans ist. Er zog weiter, nach Berlin, weil dort der Herausgeber des Sachlexikons Rockmusik lehrte, Hegemann wollte ihn unbedingt kennenlernen. Bei ihm verglich er Niccolò Paganini mit Jimi Hendrix, nachts zog er durch die Bars: "Ich bin im Viervierteltakt nach Berlin gekommen, aber hier machten die einfach nur Krach." Er begann sich dem Krach anzupassen und organisierte Berlin Atonal, ein Festival für nonkonforme Musik; eine Band, die dort auftrat und deren Namen man heute noch kennt, hieß Einstürzende Neubauten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Die vielen Ideen, die Hegemann über den Tag verteilt kommen, brauchen Platz. Raum. Manchmal ist auch zuerst ein Raum da, dann kommt die Idee. Ein paar Wochen nach dem ersten Gespräch schaut sich Hegemann eine 500.000-Euro-Wohnung mit eingeschränktem Spreeblick an, begleitet von seiner Frau und einem Makler, der "Dimitri Hegemann" googeln musste, weil er eher der Black-Music-Typ ist. Kurz schaut Hegemann auf die Spree und sagt dann: "Ist denn der Schornstein zu verkaufen?" Es ist einer dieser typischen Backstein-Industriecharme-Schornsteine, die stehen gelassen wurden, damit sich die Besitzer ein bisschen geerdeter fühlen. Hegemann würde dort gerne eine Lichtinstallation montieren.

Wenn er von Räumen spricht, dauert es nicht lange, bis der Name Richard Florida fällt. Florida ist ein amerikanischer Ökonom, er schreibt viel darüber, dass Kreativität entscheidend für das ökonomische Wachstum einer Region sei.