Noch im März frohlockte man in Spanien: Die Gebeine Miguel de Cervantes’, des allergrößten Dichters Spaniens, seien gefunden worden. Ein Stoßtrupp aus Historikern, Freiwilligen und Nonnen, deren jüngste zarte 82 Jahre zählte, war in die Krypta des Convento de las Monjas Trinitarias Descalzas in Madrid hinabgestiegen, wo sie, ausgerüstet mit Infrarotkameras, 3-D-Scannern und bodenpenetrierenden Radargeräten, die Überreste des Autors von Don Quichotte zu entdecken hofften. Särge wurden aufgebrochen, deren Inhalte inspiziert, ob sie nicht die verkümmerte linke Hand des Schriftstellers verrieten oder die Schusswunde, die er sich 1571 in der Schlacht von Lepanto zugezogen hatte. Als mögliche Hinweise galten auch seine durch Arthritis zusammengesackten Schulterblätter oder ein Kieferknochen, aus dem die lediglich sechs Zähne ragten, die der verarmte Cervantes bei seinem Tod 1616 noch im Munde trug.

Leider verriet keiner der Knochenhaufen diese Eigenarten, man musste banalerweise das Alter der Gebeine feststellen, um zu eruieren, welcher Leichnam Cervantes gehörte. Doch nun, wo man ihm die große Ehre erweist, ihn zu exhumieren und ihn pünktlich zu seinem 400. Todestag publikumswirksam auszustellen, wird sein literarisches Vermächtnis geschändet. Sein Meisterwerk, der Roman Don Quichotte de la Mancha, fast so groß und schwer wie der Grabstein, der zur Seite geschafft werden musste, um an seinen Sarg zu kommen, stürmt in einer modernisierten Version die spanische Bestsellerliste. Spanische Literaturwissenschaftler sehen die Grundlagen der iberischen Kultur bedroht. David Felipe Arranz, Dozent für Spanische Literatur in Madrid, nennt die neue Fassung gegenüber der AFP "ein Verbrechen gegen die Literatur". Man könne doch nicht "den Geschmack der Worte unseres größten Autors verdrehen".

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Doch der Schriftsteller Andrés Trapiello, der die neue Version verfasst hat, versteht das Update als Beitrag zur Volksbildung. "Es gibt viele Leute, die das Buch gar nicht gelesen oder es aufgegeben haben, weil es so schwierig ist", sagte er der AFP. "Sie müssen es in einer Sprache lesen, die heute nicht mehr verstanden wird." Das Buch sei ohne die ausufernden Fußnoten nicht zu verstehen. Trapiello verbrachte fast 14 Jahre damit, Cervantes’ Roman für eine moderne Leserschaft aufzubereiten, indem er veraltetes Vokabular ersetzte und Sätze straffte.

Die Kritik an seiner Arbeit stört ihn nicht. "Es ist doch paradox", findet er, "dass ein französisch-, deutsch- oder englischsprachiger Leser ohne Probleme Cervantes in der Übersetzung lesen kann, aber spanischsprachige Leser die Hälfte nicht verstehen, wenn sie die Notizen nicht lesen." Dies sieht auch Nobelpreisträger Mario Vargas Llosa so, der das Vorwort der neuen Version verfasst hat. Viele Leser würden von dem "antiken Vokabular" und den wissenschaftlichen Fußnoten abgeschreckt, doch er hoffe, dass die gelungene "Verjüngung" die Lust auf das Original wecke. Die Lust auf epische Romane in einfacher Sprache scheint die Spanier überkommen zu haben: Vor Trapiellos Neufassung rangiert auf der Bestsellerliste Fifty Shades of Grey .