Ein Mitglied der Al-Nusra-Front nimmt in der Stadt Ariha ein Assad-Bild ab. © Ammar Abdullah/Reuters

Theo Padnos ist Amerikaner, promovierter Literaturwissenschaftler, Journalist. Ein dünner, 46-jähriger Mann mit schulterlangen, angegrauten Locken. An einem heißen Sommertag sitzt er in einem Hinterhof im 11. Arrondissement von Paris. Hier draußen ist es angenehmer als in seiner Einzimmerwohnung. Padnos trägt kurze Hosen und Flipflops, sein Rennrad steht bereit fürs Training. Das Radfahren, seine Leidenschaft, hat ihn wieder fit gemacht, nach 22 Monaten Geiselhaft in Syrien. Padnos spricht leise, in gewählten Worten, meist auf Englisch, manchmal wechselt er ins Französische, Deutsche, oft ins Arabische, immer mühelos.

Theo Padnos: Ich lag auf der Ladefläche eines Pick-ups. Die Terroristen hatten mir die Hände auf dem Rücken gefesselt und die Augen verbunden, aber ich spürte den Fahrtwind im Gesicht und den Sand in der Luft, offenbar fuhren wir schnell. Plötzlich fingen sie an zu singen. "Qul as-salibija amrika qaberak bi Surija", "Sagt den Kreuzfahrern: Amerika, dein Grab ist in Syrien". Sie sangen es wieder und wieder. Ich dachte, sie werden mich töten.

Ich war im Oktober 2012 nach Syrien gekommen, um Berichte für verschiedene Zeitungen zu recherchieren. In der Türkei hatte ich ein paar junge Syrer getroffen, die sagten: Wir bringen dich über die Grenze. Wir waren kaum in Syrien, da haben sie mich geschlagen und gefesselt. Sie übergaben mich an die Terroristen der Al-Nusra-Front, des syrischen Al-Kaida-Ablegers.

Die Al-Nusra-Kämpfer steckten mich in einen Kellerraum, sieben mal vier Meter, eine Holztür, ein kleines Fenster unter der Decke, davor Sandsäcke, die kaum Licht durchließen. In den ersten Wochen schlugen sie mich mit dicken Kabeln. Sie riefen: "Wer hat dich nach Syrien geschickt?" Ich sagte: "Die CIA, die CIA", obwohl das nicht stimmte. Aber das war es, was sie hören wollten. Trotzdem prügelten sie weiter. Sie sagten: "Taqul, friss!" Monate später, als sie längst keine Fragen mehr stellten, musste ich immer noch das Kabel fressen.

Auch Matthew Schrier, 37, ist Amerikaner, aufgewachsen in einer schlechten Gegend außerhalb von New York. Als er im Dezember 2012 nach Syrien aufbricht, träumt er davon, mit dem Fotografieren Geld zu verdienen. Er hat der Hölle ein Andenken entrissen: seine beige-blaue Wollmütze. Sie wärmte ihn im syrischen Winter, später zogen die Terroristen sie ihm als Augenbinde übers Gesicht. Jetzt liegt die Mütze auf dem Kamin seiner New Yorker Wohnung. Schrier, Glatze, der Körper ähnlich drahtig wie der von Padnos, sitzt im offenen Fenster und raucht. Er erzählt seine Geschichte wie einen Film, laut, anekdotisch, viele Schimpfwörter. Seine Sätze untermalt er mit Rappergesten.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Matthew Schrier: Drei Tage und Nächte war ich mit der Freien Syrischen Armee an der Front in Aleppo. Häuserkampf. Näher ran ging nicht. Adrenalin pur. Wir waren in einem riesigen Haus. Das Dach war eingestürzt. Dort habe ich mein bestes Bild gemacht: ein Typ mit seinem Rambo-Gewehr. Er hat in die umliegenden Häuser geschossen, es war krass. Er hatte strahlend grüne Augen. Ich nannte ihn "mein kleines grünäugiges Afghanenmädchen", so schön waren seine Augen. In all der Zerstörung haben sie geglüht. Ich hab ihn geknipst, immer wieder. Dann sagten meine Bodyguards: "Okay, Matt, wir sollten gehen."

Am Abend saßen wir zusammen. Ich konnte kein Arabisch, sie konnten kein Englisch. Ich brachte ihnen bei, "Fuck Bashar" und "Obama good" zu sagen. Sie lieben Obama, sie denken, er ist Muslim. Wir hatten eine super Zeit. Am nächsten Tag wollte ich nach Hause.

Ich lebte damals in Hollywood. Meine Freunde sagten: Matt, fotografier doch Promis, die sind hier überall. Aber ich wollte kein verdammter Stalker sein, ich wollte Geschichte erleben!

Ich bin nicht der beste Fotograf. Aber ich habe Eier. Um auf die Titelseite der New York Times zu kommen, musste ich dorthin, wo sich sonst keiner hintraut. Also fuhr ich in dieses verdammte Aleppo.

Nach drei Wochen Krieg saß ich im Taxi zurück in die Türkei. Allein. Es war Silvester 2012. An einem Checkpoint im Norden Aleppos drehte das Taxi um. Ich verstand nichts, mein Fahrer sprach kein Englisch. Fünf Minuten später schnitt uns ein Jeep den Weg ab. Drei Vermummte, alle bewaffnet, einer packte mich am Arm. Ich wehrte mich nicht. Sie setzten mich auf die Rückbank des Jeeps. Ich sah, wie sie den Taxifahrer in den Kofferraum sperrten, dann zogen sie mir meine Mütze ins Gesicht. Es war kalt, etwa fünf Grad.

Sie brachten mich in einen Keller. Um etwas zu sehen, linste ich unten aus meiner Mütze raus. Sie setzten mich vor einen Schreibtisch wie ein Kind, das zum Direktor muss.

Einer der Typen nahm mir die Mütze ab und lächelte. Er hatte eine Weste an mit Plastiksprengstoff und Drähten daran, wie sie Selbstmordattentäter tragen. Er war etwa Anfang 30 und stellte sich als Mohammed vor. Ich fragte ihn: "Tötet ihr mich?" Er sagte: "Jein." Ich dachte: Okay, ein Terrorist mit Humor. Also rief ich: "Happy new year!" Ich wollte zeigen, dass ich keine Angst habe. Mohammed lachte. Ich bin ein Kind von der Straße. Einige meiner Freunde sitzen im Gefängnis. Einer wegen Mord. Ich wusste, wie ich mit Mohammed reden musste.

Sie steckten mich in meine Zelle. Ich dachte: Keine Panik. Ein paar beschissene Tage, dann wissen sie, dass du kein Spion bist, sondern Fotograf. Von draußen hörte ich Schreie. Ich hatte keine Ahnung, dass Theo ein paar Räume weiter war.

Theo Padnos: Als ich zum ersten Mal in den Reifen musste, war ich sicher, sie töten mich. Die Augen verbunden, musste ich mich hinhocken. Sie stülpten mir einen Reifen über die Knie und schoben einen Stab unter meinen Kniekehlen durch. Dann drehten sie mich um, ich lag mit dem Gesicht auf dem kalten Zement, meine nackten Fußsohlen zeigten nach oben. Sie prügelten auf meine Füße ein. Sie schütteten Wasser über mich, ich dachte, es sei Blut. Dann sagten sie: "Morgen wird’s noch schlimmer." Sie sind gut darin, dir Angst zu machen, richtig gut.

Meistens folterten sie mich im alten Heizungsraum, den sie ghurfa al-mut nannten, Raum des Todes. Unter der Decke verliefen Rohre, an denen Menschen hingen. Wenn sie geschlagen wurden, schrien sie so laut, dass ich die Fragen meiner Folterer kaum hörte.

Matthew Schrier: Mohammed mochte mich, er hatte Witz. Einmal nahm er das Magazin aus seiner Pistole und gab sie mir. Ich habe auf ihn gezielt und gesagt: "Hasta la vista", wie Arnold Schwarzenegger in Terminator. Mohammed besorgte mir gutes Essen, heiße Kartoffeln und Zwiebeln, auch eine Pissflasche und eine Kerze. Aber die Langeweile machte mich krank. Irgendwann kamen die Terroristen mit einem Laptop, und ich musste ihnen mein E-Mail-Passwort und die Kreditkarten-PINs geben. Später habe ich erfahren, dass sie dann Mails an meine Mutter schrieben und für 17.000 Dollar Laptops, Tablets, Mercedes-Ersatzteile und Ray-Ban-Sonnenbrillen kauften.

Nach drei Wochen kam Mohammed zu mir. Er sagte: "Dschumaa!" Den Namen hatte er mir am ersten Tag gegeben. Er bedeutet "Freitag". Der islamische Sonntag. Hätte mich schlimmer treffen können. "Dschumaa! Komm mal mit!"

Er führte mich auf den Flur, öffnete eine andere Zelle. Drinnen, im Dunkeln, schreckte jemand auf. Mohammed sagte: "Amriki, Amriki." Ein Amerikaner. Ich konnte es nicht fassen. Da war ein Typ mit verfilztem Bart. Er stank und war verängstigt. Er musste schon eine Weile hier sein. Da wusste ich: Sie werden mich nicht gehen lassen.

Theo Padnos: Mein erster Gedanke war: Jetzt habe ich einen Freund. Seit drei Monaten hatte ich mit niemandem gesprochen außer meinen Folterknechten. Ich war glücklich. In der ersten Nacht haben wir nur geredet. Geredet, geredet, geredet.

Matthew Schrier: Jedes Mal, wenn jemand draußen an der Tür vorbei ging, zuckte Theo zusammen wie ein traumatisierter Hund.

Theo Padnos: Sie schlugen mich, warfen mein Essen auf den Boden. Manchmal sagten sie: "Hier ist es dreckig! Putz den Boden mit deiner Zunge!" Ich war so froh, als Matt zu mir kam.