In einer illegalen Goldgräbersiedlung am Rio Pacu waschen zwei Männer Erdreich mit einer Art Maschine. Dabei kommen auch giftige Chemikalien zum Einsatz. Der Fotograf Giorgio Palmera und ZEIT-Korrespondent Thomas Fischermann haben die Goldschürfer am Rio Pacu besucht.

Die Partystadt der Goldgräber erreicht man durch einen Torbogen aus Plastik und Stahl. Daneben hat das Bürgermeisteramt einen grauen Christus aus Beton aufstellen lassen; er kehrt den schlammigen Straßen und flachen Holz- und Ziegelbauten den Rücken zu. Als wir die Hauptstraße erreichen, setzt Nieselregen ein. Wir sehen Dieseltankstellen und Geschäfte für Kettensägen. Kräftige Männer schauen uns durch schwarze Sonnenbrillen an. Sie sitzen auf Motorrädern am Straßenrand, unbewegt, unsere Grüße erwidern sie nicht.

Die Ortschaft heißt Jacareacanga, sie liegt mitten im brasilianischen Amazonasgebiet und hat 16.000 Einwohner. Aber jetzt, am Wochenende, sind fast doppelt so viele Menschen hier. Goldschürfer aus den Wäldern der Umgebung fallen in die Ortschaft ein. Zwei Tage lang füllen sie die Motels und billigen Schlafsäle, in denen man zwei Haken an der Wand zugewiesen bekommt und seine Hängematte daran befestigt. Sie kaufen Schnaps und Marihuana, sie feiern und prügeln sich in den Tanzbars und Bordellen der Stadt, sie schleppen dralle Amazonierinnen zum Flusshafen, wo ein geschäftstüchtiger Schiffsbesitzer Kajüten im Halbstundentakt vermietet.

Mit diesen Goldschürfern wollen wir reden, mit dem 28-jährigen Nair de Souza zum Beispiel, den wir am nächsten Vormittag in der Bar Tapajos antreffen. Der junge Mann hat eine angebrochene Bierdose vor sich stehen und eine Schnapsflasche der Marke 51, eine junge Frau massiert seine Schultern. "Meine Freundin", sagt Nair. Er habe ihre Zuwendungen als festes Paket für das ganze Wochenende gebucht.

Nair de Souza schürft nach Gold, seit er 22 ist. In den Goldgräberstätten der Umgebung habe er schon viel Geld verdient, erzählt er, er habe sogar etwas sparen können, 12.000 Real, rund 3.400 Euro. Eines Tages wolle er ein Haus kaufen. Aber erst müsse er noch mehr sparen. Er finde das schwierig. Das Leben sei teuer, und er sei jung. In seinem Alter habe ein Mann große sexuelle Bedürfnisse. Die Bedürfnisse fräßen sich in seine Goldvorräte. Nair sitzt breitbeinig da; er grinst viel und zeigt seine Zähne.

Nair de Souza erzählt, dass er seit ein paar Monaten in einem Goldgräbernest arbeitet, das besonders schwer zu erreichen ist: Zwölf Minuten Flug in einer Propellermaschine oder ein Tag per Boot und Jeep. "Aber es lohnt sich", sagt er, "einmal habe ich dort in einer einzigen Woche 780 Gramm Gold gefunden. Das entspricht einem Gegenwert von 25.000 Euro." Eines Tages werde er wieder so viel finden. Wenn nicht dort, dann in einem der vielen anderen Claims ringsherum. Man müsse nur stets die Ohren offen halten, wo gerade das meiste Gold zu holen sei.

An diesem Haken wird der goldhaltige Schlamm in Eimern ans Tageslicht befördert. Nach der Arbeit bringt er die Goldsucher selbst nach oben.

Bevor wir nach Jacareacanga reisten, hatten wir uns auf Satellitenbildern einen Überblick verschafft: Die Zahl improvisierter Minen im Amazonasgebiet ist im vergangenen Jahrhundert drastisch gestiegen, von etwa 20 000 in den 1990er Jahren auf über 200.000 heute. Die illegalen Goldschürfer, die in Brasilien Garimpeiros genannt werden, haben rings um den Amazonas gut 1680 Quadratkilometer Wald abgeholzt, so viel wie die Flächen von Hamburg und Berlin zusammen, aber dieser Kahlschlag ist noch das kleinste Problem.

Wo die Goldgräber auftauchen, werden sie zu Pionieren einer noch viel größeren Waldvernichtung. Getrieben von Hoffnungen und Gerüchten wagen sie sich als Erste tief in entlegene Gebiete vor. Um die Grenzen von Naturschutzgebieten oder Indianerreservaten kümmern sie sich nicht. Sie vergiften das Grundwasser mit Quecksilber und Cyanid, weil diese Chemikalien das Herauslösen des Golds aus dem Gestein erleichtern, ihre Buddelei lässt Flüsse versiegen, sie liefern sich blutige Kämpfe mit Indianerstämmen oder machen sie mit Schnaps gefügig.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Die Goldgräber bauen Landebahnen für Flugzeuge und schlagen Schneisen. Irgendwann gründen sie sogar kleine Ortschaften und locken damit Holzfällerbanden, Landspekulanten und Großfarmer an. Am Ende verschwinden rings um die Goldgräbersiedlungen riesige Stücke Urwald, sie werden durch Wüsten, Weiden oder Sojafelder ersetzt. Ein Fünftel des brasilianischen Amazonaswaldes ist so in den vergangenen 40 Jahren vernichtet worden. Wenn man verstehen will, warum der Amazonaswald stirbt, muss man mit Nair de Souza und seinen Kollegen reden.

Nair de Souza sagt, dass er normalerweise noch nicht so früh am Morgen trinke. Heute sei das aber etwas anderes. Am frühen Morgen schon hat ihn die Polizei geweckt, drei Beamte umstellten das Haus, in dem er übernachtet, und dann musste er sich schnell ein Handtuch um die Hüften wickeln und mit erhobenen Händen auf die Straße treten. Gegenüberstellung. In der Nacht ist ein Goldgräber abgestochen worden, und de Souza war in der Nähe, aber nein, der Täter sei er nicht gewesen. Die Polizisten haben ihn wieder laufen lassen. Aber was für ein Schreck!

Nicht alle in der Bar wollen so offen mit uns reden wie Nair de Souza. "Polizisten in Zivil, die so tun, als würden sie unsere Sprache nicht richtig verstehen", urteilt einer und fuchtelt warnend mit dem Finger. Die meisten Männer drehen sich schweigend um.