"Ich war blind, jetzt kann ich sehen." Eddie Morra ist völlig euphorisch. "Ich beendete mein Buch in vier Tagen." Gerade war er noch ein strauchelnder Autor mit anhaltenden Schreibblockaden, jetzt erlebt Morra seinen intellektuellen Durchbruch. Mit einem Mal ist er die perfekte Ausgabe seiner selbst. Das Geheimnis? "Medikamente", sagt Morra. "Eine Tablette täglich, und ich war ohne Limit."

Ohne Limit – das ist der Titel des Films, in dem Morra, gespielt von Bradley Cooper, durch Pillen zu mentalen Superkräften kommt. Sogenannte Neuro-Enhancer, die den Gedanken konzentriert auf die Sprünge helfen sollen, gibt es längst nicht mehr nur in der Fiktion des Kinos. Sie sind heute Alltag für viele Menschen. Etwa im Job: Laut einer Studie der Krankenkasse DAK aus dem Frühjahr 2015 nutzen etwa drei Millionen Deutsche Medikamente, um am Arbeitsplatz leistungsfähiger zu sein. Oder an der Uni: Bei Umfragen gaben zwischen 5 und 20 Prozent aller Studenten an, Stimulanzien zu schlucken. Und ihre wissenschaftlichen Lehrer stehen ihnen nicht nach. In einer Erhebung von Nature gestand einer von fünf Abonnenten des Fachblatts den Gebrauch von Neuro-Enhancern ein.

Hirndoping ist zum Massenphänomen geworden. Kritiker warnten in den vergangenen Jahren bereits vor unabsehbaren gesellschaftlichen und gesundheitlichen Folgen. Bei aller Aufregung: Ein Beweis dafür, dass die Substanzen wirklich halten, was viele sich von ihnen versprechen, fehlte bislang.

Jetzt aber ist eine systematische Übersichtsarbeit veröffentlicht worden, die den neuesten Kenntnisstand über ein altes Medikament zusammenfasst. Modafinil ist seit 1992 auf dem europäischen Markt. Es ähnelt in seiner Struktur Amphetamin, dem Prototyp aller Aufputschmittel. Ärzte setzen die Substanz gegen krankhafte Schlafattacken ein, sogenannte Narkolepsie. Schon lange ist Modafinil auch unter Gesunden beliebt. Sie fühlen sich unter dem Einfluss der Substanz wacher, fokussierter, leistungsfähiger – sagen sie. Aber ist dafür tatsächlich die Substanz verantwortlich? Wer viel Geld für einen Leistungsschub gezahlt hat und großartige Effekte erwartet, könnte sich die Wirkung schließlich auch einbilden.

Die Neurowissenschaftler Ruairidh Battleday und Anna-Katharine Brem von der Universität Oxford wollten es genauer wissen. Sie nahmen sich alle 267 vorliegenden Arbeiten zur Anwendung von Modafinil bei Gesunden vor und filterten 24 hochwertige Studien (erschienen zwischen 1990 und 2014) mit insgesamt 750 Teilnehmern heraus. In den ausgewählten Untersuchungen war der Wirkstoff durchweg gegen wirkstofflose Placebos getestet worden, und die Teilnehmer wurden zufällig der Wirkstoff- oder der Placebogruppe zugeordnet.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Fazit der Übersichtsarbeit im Fachblatt European Neuropsychopharmacology: Je komplexer die Aufgabe, die den Probanden nach der Einnahme der Pille gestellt worden war, desto deutlicher wirkte Modafinil; es verbesserte die Entscheidungsfähigkeit und das strategische Denken. Warum wird das erst jetzt offenbar? "Ältere Studien haben sehr simple Testverfahren verwendet, die eigentlich für Tierversuche oder für Versuche mit Patienten nach Hirnverletzungen entwickelt wurden", erklärt Brem. Unter diesen Bedingungen seien gesunde Probanden nie wirklich herausgefordert gewesen. In jüngster Zeit hätten ausgefeiltere kognitive Tests gesunde Probanden richtig gefordert, und Modafinil habe sein Potenzial entfalten können. Aus diesem Grund falle das Urteil über die Wirkung von Modafinil heute positiver aus als früher.

Nebenwirkungen sind dabei offenbar selten. In den Studien traten allenfalls Kopf- oder Bauchschmerzen und Übelkeit auf. Andere Psychostimulanzien mögen ebenfalls mehr Aufmerksamkeit erzeugen – aber um den Preis von heftigeren Nebenwirkungen. "Es ist der erste Neuro-Enhancer, der im Rahmen der untersuchten Studien ein harmloses Nebenwirkungsprofil hat", sagt Anna-Katharine Brem.

Ist die Wunderpille also schon Realität? Können wir jetzt alle so werden wie Eddie Morra?

Nicht ganz. Wer sich einen Leistungsschub auf allen geistigen Ebenen erwartet, dürfte enttäuscht werden. Erstens hilft Modafinil denjenigen sehr viel weniger, die ohnehin schon besonders konzentriert oder intelligent sind. Zweitens fördert das Mittel nicht alle kognitiven Leistungen gleichermaßen. Es verbessert vor allem das konvergente Denken, wenn es also darum geht, für die Lösung eines Problems verschiedene Informationen zusammenzuführen – also logische Schlussfolgerungen. Divergentes Denken hingegen, bei dem die Gedanken um flexible Lösungen für ein Problem kreisen, wird nicht verbessert. Manchmal lässt das, was gemeinhin als Kreativität gilt, unter Modafinil sogar nach. Eine Juraprüfung ließe sich mit dieser pharmakologischen Hilfe also eher bewältigen als ein Kunstprojekt.