Die meisten jungen Flüchtlinge kommen ohne Papiere in Hamburg an – und behaupten, noch keine 18 Jahre alt zu sein. Minderjährige Flüchtlinge genießen besonderen Schutz, dürfen meist bleiben und in Deutschland zur Schule gehen. Doch wie alt sind die Flüchtlinge? Hamburg ist das einzige Bundesland, in dem zur Alterseinschätzung Genitaluntersuchungen eingesetzt werden.

Darüber begann vor einigen Wochen ein Streit. Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Ärztekammer, hält die Untersuchung für unwürdig und schädlich. Klaus Püschel, Leiter der Rechtsmedizin des UKE, ist verantwortlich für die Tests und verteidigt sie. Die ZEIT hat beide zum Gespräch gebeten.

DIE ZEIT: Herr Püschel, in Hamburg gab es vor einigen Wochen große Aufregung, als herauskam, dass sich junge Flüchtlinge sogenannten Genitaluntersuchungen stellen müssen, damit ihr Alter geschätzt wird. Konnten Sie den Ärger nachvollziehen?

Klaus Püschel: Ja, aber nur weil ich weiß, wie Politik und Presse funktionieren. Die Debatte wirkte auf mich völlig überdreht.

ZEIT: Warum?

Püschel: Es ist für einen Rechtsmediziner geradezu erniedrigend, vorgehalten zu bekommen, dass hinter seinen Untersuchungen eine Art Voyeurismus stecke. Da wurde so getan, als ob wir die Genitalien von Flüchtlingen vermessen, nach dem Motto: vier Zentimeter, 16 Jahre, sechs Zentimeter, 18 Jahre und so weiter. Das ist natürlich nicht der Fall.

ZEIT: Sondern?

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Püschel: Wir wollen nur sehen, ob diese Menschen normal entwickelt sind. Dabei registrieren wir eben auch den Behaarungstyp und die Entwicklung der Genitalorgane. Ich habe das Gefühl, dass Politiker das Thema aufgegriffen haben, um mit billiger Kritik Punkte zu verbuchen. Und die Journalisten hängen sich einfach dran.

ZEIT: Herr Montgomery, Ihr Kollege spielt auf die Bürgerschaftsanfrage von Jennyfer Dutschke an. Die FDP-Abgeordnete fragte darin, wie das Alter von jungen Flüchtlingen in Hamburg bestimmt wird. Sie bekam die Antwort, dass die Asylbewerber eben die Hose herunterlassen müssten. Daraufhin kritisierten auch Sie die Altersdiagnostik und damit Herrn Püschel.

Frank Ulrich Montgomery: Ja, in der Antwort des Senats auf die Anfrage stand der recht schnoddrige Hinweis, dass Flüchtlinge, die sich der Genitaluntersuchung verweigern, automatisch als erwachsen betrachtet würden. Ich finde, dass diese Genitalinspektion freiwillig und ohne Druck sein muss.

ZEIT: Was ist so schlimm an den Untersuchungen?

Montgomery: Viele der Flüchtlinge haben traumatisierende Erlebnisse hinter sich, die Mädchen wurden beispielsweise Opfer von Vergewaltigungen oder sind genital beschnitten. Da muss man sehr, sehr vorsichtig sein und aufpassen, dass man nicht in die Privatsphäre dieser schutzsuchenden Menschen eingreift. Das ist nicht die Willkommenskultur, die ich mir in Deutschland vorstelle.

ZEIT: Herr Püschel, Sie schütteln den Kopf.

Püschel: Wir sollten bei der Sache bleiben: Wir untersuchen Menschen, nicht Genitalorgane.