Kinder, Jacken an! Zieh den Reißverschluss bis nach oben zu, Karla!", ruft die Expeditionsleiterin besorgt. Ein eisiger Wind bläst den Teilnehmern ins Gesicht. Die jüngeren quietschen und schreien und hüllen sich in alles, was sie wärmen kann. "Mann, ist das kalt!", murrt auch der alte Gepäckträger, der zur Truppe gehört. Die Expedition hastet an einem Schild mit der Aufschrift vorbei: "Danke, dass Sie die Eisfläche nicht betreten!" Nach dreißig Sekunden ist es geschafft. Durch einen Eisgang und dicke Plastikvorhänge betritt die Familie aus Oldenburg die wonnig warme Polarstation. Gerettet!

In Bremerhavens Altem Hafen liegt ein rundliches Gebäude, das an ein gigantisches Schlauchboot erinnert. Das Klimahaus ist der jüngste Touristenmagnet der Stadt und nennt sich selbst "wissenschaftliches Ausstellungshaus". Es will uns das Klima nahebringen – wie es auf den Menschen wirkt und wie uns demzufolge auch der Klimawandel und die Erderwärmung betreffen. Der Besucher soll schlauer werden; gleichzeitig will man ihn gut unterhalten wie auch unaufdringlich ermahnen. Der Hit ist eine "klimatische Weltreise" durch verschiedene Räume, bei der man die Klimazonen der Erde und ihre Wirkung auf die Menschen am eigenen Leibe erleben kann. Weil der achte östliche Längengrad (beinahe) durch Bremerhaven verläuft, bewegt man sich einfach an ihm entlang, bis man einmal um die Erde herum ist. Durch die Schweizer Berge mit ihren (melkbaren!) Kühen und den schmelzenden Gletschern geht es über Sardinien in den heißen, staubtrockenen Niger nach Kamerun. Spätestens hier rinnt dem Besucher im schwülen Regenwaldklima der Schweiß nur so übers Gesicht.

Bis dann der Saunagang abrupt endet – im Kühlschrank des Klimahauses: Das antarktische Königin-Maud-Land mit seinen gefühlt minus 20 Grad haken die Besucher meist am schnellsten ab. Nur wenige ziehen die in der Polarstation angebotenen gebrauchten Kälteschutzklamotten an, die das benachbarte Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung gestiftet hat. Damit könnte man es sich eine Weile in der eisigen Landschaft des Klimahauses gemütlich machen. Doch Kälte erfordert nicht nur klobige Ausrüstung und alles andere, was man zum Überleben in die großen Survivalboxen aus Alu stopft, die sich in der "Polarstation" stapeln – Kälte macht auch Angst. Für die schlimmsten Angsthasen gibt es extra einen warmen Nebengang, durch den sie das Königin-Maud-Land überspringen können.

Dabei herrschen in der Bremerhavener Antarktis in Wirklichkeit bloß drei bis sechs Grad unter Null. So schützt man die Besucher vor echten Gesundheitsproblemen, spart sich einen Aufseher – und reduziert den eigenen CO₂-Fußsabdruck. Das Haus möchte mit gutem Beispiel vorangehen. Selbst im heißesten Sommer kommt es durch eine ausgeklügelte Belüftungstechnik ohne Klimaanlage aus.

Von der Antarktis führt der achte Längengrad durch die Südsee ins paradiesisch wirkende, aber vom Klimawandel bedrohte Samoa über Alaska zur Hallig Langeneß "vor der eigenen Haustür". Dort steigt der Wasserspiegel der Nordsee ebenfalls seit Jahren und betrifft schließlich auch Bremerhaven. Anderswo im Klimahaus können die Gäste dann lernen, wie man beim Einkaufen, Autofahren, Heizen und Duschen "klimabewusst" agiert. Doch was sie nicht einmal ahnen: Selbst bei ihrer Reise um die Welt hinterlassen sie Spuren. Durch bloßes Ausatmen von nicht ganz reinem Wasserdampf und weil sie Textil- und Staubpartikel verlieren, verdrecken Tausende von Besuchern das Eis des Königin-Maud-Landes. So, wie Kreuzfahrtschiffe voller Touristen zum Beispiel die Antarktis verschmutzen. Das Bremerhavener Eis muss regelmäßig ausgetauscht werden.

Und was zumindest symbolisch zu deuten ist: Viele Gäste des Klimahauses nutzen die kurze Zeit in der "Antarktis" nur, um ihre Hände aufs Eis zu legen und einen Abdruck hineinzuschmelzen. Sie bringen ihre Wärme mit und tauen es. Wie das eben auch in der Antarktis geschieht, wo der anthropogen aufgeheizte Ozean schon beängstigend wirkungsvoll von unten am Schelfeis nagt. In den letzten zehn Jahren hat sich der Eisverlust dort so mehr als verzehnfacht; 2002 brach eine Eisplatte von der Größe des Saarlandes ab.

Und Satellitendaten zeigen: Das war keine Episode. Jährlich verliert die Antarktis ein gewaltiges Stück. Die Folgen für den Meeresspiegel lehren: Es wird Zeit, dass wir die Eiseskälte schätzen lernen.

www.klimahaus-bremerhaven.de