Eine komplett krebsfreie Familie wird in Zukunft die Ausnahme sein

DIE ZEIT: Kennen Sie den Film Alien?

Karl Lauterbach: Klar.

ZEIT: Wir haben den Eindruck, der Film hat Sie beim Schreiben Ihres Buches über die Krankheit Krebs inspiriert.

Lauterbach: So war es nicht. Aber an dem Vergleich ist viel dran. Der Krebs ist ein Geschöpf, das sich eines Körpers bemächtigt, dort Stück für Stück wächst und ihn schließlich zerstört, wenn man ihn nicht stoppt. Im Prinzip könnte dieses Lebewesen weiterleben, wenn es einen neuen Wirt finden würde. Es gibt Krebszellen in Labormedien, die wachsen weiter, obwohl die Menschen, die den Krebs gehabt haben, seit Jahrzehnten tot sind.

ZEIT: Ist der Krebs uns Menschen überlegen?

Lauterbach: In seiner Zerstörungskraft in jedem Fall. Es ist faszinierend, wie der Krebs die Schwachpunkte eines Körpers zu nutzen versteht, um die Abwehrmechanismen zu überwinden. Er nutzt dabei Anpassungsstrategien, die wir aus der Evolution kennen. Wenn man so will, entwickelt er sich als Spezies weiter.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

ZEIT: Für Sie als Wissenschaftler ist Krebs ein vertrautes Thema. Hat es Sie bei erneuter Betrachtung dennoch überrascht, wie perfekt er ist?

Lauterbach: Das ist sogar der Grund, warum ich dieses Buch geschrieben habe: Als ich in den neunziger Jahren in Harvard Epidemiologie studiert habe, hatten wir den Optimismus, für die großen Volkskrankheiten in den nächsten zwanzig Jahren die Ursachen zu klären sowie vorbeugende Maßnahmen und Therapien zu finden. Bei den Herz-Kreislauf-Leiden ist der Medizin dies größtenteils gelungen. Viele dieser Erkrankungen sind bei guter Prävention heute vermeidbar.

ZEIT: Warum haben sich die Hoffnungen nicht beim Krebs erfüllt?

Lauterbach: Dieser Gegner spielt in einer anderen Liga. Wenn wir gegen ihn eine Chance haben wollen, brauchen wir eine bessere Präventionspolitik, eine andere Pharmaindustrie sowie eine bessere Grundlagenforschung, gerade in Deutschland. Ich habe mehr als 400 Studien als Quellen für mein Buch verwendet, nur wenige stammten leider aus Deutschland.

ZEIT: Dabei forschen mehr Spitzenwissenschaftler an Krebs als an jeder anderen Krankheit ...

Lauterbach: ... und wichtige Medizinnobelpreise der letzten dreißig Jahre gingen an Krebsforscher.

ZEIT: Also hat die Krebsforschung doch Fortschritte gemacht.

Lauterbach: Es vergeht kaum eine Woche, in der wir nicht von einem neuen Durchbruch in der Krebsmedizin lesen. Da wird die Signalkette Soundso erkannt, das Gen XY gefunden, oder die Immuntherapie über diesen und jenen Mechanismus erweist sich als wirksam.

ZEIT: Sind diese Erfolgsmeldungen bloße Propaganda der Krebsindustrie, wie Sie sie in Ihrem Buch nennen?

Lauterbach: Die wissenschaftlichen Erfolge sind real. Sie bringen freilich bislang nur bescheidene klinische Früchte. All die neuen Therapieansätze der vergangenen zehn Jahre haben die Lebenserwartung der Erkrankten bei fortgeschrittenem Krebs im Schnitt nur um zwei bis drei Monate verlängert. Die bisherigen Waffen im Kampf gegen den Krebs erweisen sich auf dem Schlachtfeld als weit weniger beeindruckend als im Labor.