Vor mehr als 3.000 Jahren verfasste der Dorfschreiber einer Ansiedlung in der Nähe der ägyptischen Handelsmetropole Theben eine dringliche Note an seinen Dienstherrn. "Ich teile meinem Herrn mit, dass wir Handwerker äußerst elend geworden sind", heißt es in dem Bericht. Und weiter: "Nicht leicht ist das Schleppen von Steinen. Möge mein Herr handeln, dass unser Lebensunterhalt uns gewährt wird! Denn wir sind schon am Sterben, wir sind kaum noch am Leben." Der Name des Dorfes: Deir el-Medina. In den folgenden Tagen und Wochen entspann sich dort am Rand der Wüste der erste dokumentierte Arbeitskampf der Menschheitsgeschichte.

Es sollte nicht der letzte bleiben. Die Geschichte der Menschheit ist auch eine Geschichte des Ringens um den angemessenen Lohn. Die westlichen Industrienationen verdanken ihren wirtschaftlichen Aufstieg unter anderem der Tatsache, dass sie einen Ausgleich der Interessen von Arbeit und Kapital ermöglichten. Anders als von Karl Marx im 19. Jahrhundert vorhergesagt, verarmten die Arbeiter nicht etwa, sondern konnten an den Segnungen des ökonomischen Fortschritts teilhaben, was ihnen ein Leben in bis dahin unvorstellbarem Wohlstand erlaubte.

Die vergangenen dreißig Jahre allerdings waren für viele Beschäftigte in der westlichen Welt verlorene Dekaden. Während die Gewinne der Unternehmen immer schneller steigen, gehen Arbeiter und Angestellte sogar in wirtschaftlich guten Zeiten oftmals leer aus. In den sieben führenden Industrienationen ist der Anteil der Arbeitnehmerverdienste an der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung von mehr als 70 Prozent im Jahr 1971 auf zuletzt nur noch 64 Prozent gefallen. Die Gewerkschaften sind – trotz Kita-Streik und Bahnchaos – nur noch ein Schatten ihrer selbst, Billigwaren aus Asien überschwemmen die Märkte, und immer leistungsfähigere Maschinen und Roboter machen dem Menschen seine Rolle als Krone der Schöpfung streitig.

Der große Lohnklau ist die vielleicht wichtigste Ursache für die ökonomischen Weltprobleme im 21. Jahrhundert: Er hat dafür gesorgt, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter auseinandergegangen ist, er ist ein Grund dafür, dass immer mehr Menschen an der Marktwirtschaft zweifeln, und er ist mit dafür verantwortlich, dass in der Weltwirtschaft eine Krise auf die andere folgt, weil nachhaltiges Wachstum nicht möglich ist, wenn die Einkommen stagnieren.

Wie konnte es so weit kommen? Die Begründer der modernen Wirtschaftswissenschaften machten sich über Lohnfragen kaum Gedanken. Für den britischen Ökonomen David Ricardo waren die Löhne "richtig", wenn sie ausreichen, das nackte Überleben der Arbeiter zu sichern. Die Theorie: Sobald mehr Lohn bezahlt würde, könnten die Arbeiter mehr Kinder ernähren, wodurch mehr Arbeiter um die vorhandenen Jobs konkurrieren, was die Gehälter wieder sinken lasse. Noch heute ist der Lohn für viele Ökonomen vor allem ein Kostenfaktor. In dieser Sichtweise gilt: Je niedriger der Lohn, desto besser für alle, weil die Firmen günstiger produzieren können und ihre Wettbewerbsfähigkeit zunimmt.

Bildung ist die erste Verteidigungslinie gegen den Lohnklau

Das Problem dabei: Die Kosten der Unternehmer sind die Einkommen der Arbeitnehmer. Wenn Löhne gekürzt werden, dann verringert sich die Kaufkraft, und den Unternehmen gehen die Kunden aus. Sie müssen ins Ausland ausweichen oder die Produktion drosseln. Es kommt also auf die richtige Balance an. Diese versucht eine produktivitätsorientierte Lohnpolitik zu wahren, die sich bei der Entwicklung der Gehälter vom späten 19. Jahrhundert an durchsetzte. Demnach sollen die Löhne im Einklang mit dem Zuwachs der Produktivität – also der Zunahme der Effizienz im Produktionsprozess – steigen. Damit steigt die Kaufkraft im Gleichklang mit dem zusätzlichen Angebot an Gütern.

Erst die Anwendung dieser Regel führte dazu, dass sich in den Industrienationen jene breite Mittelschicht herausbilden konnte, ohne die eine freiheitliche Gesellschaft nicht denkbar wäre. Doch neuerdings häufen sich die Verstöße. In den USA ist die Produktivität außerhalb der Landwirtschaft nach einer Studie der Internationalen Arbeitsorganisation ILO zwischen 1980 und 2013 um 85 Prozent gestiegen, während die Löhne nur um 35 Prozent zunahmen. Dieses Missverhältnis macht nicht nur Gewerkschaftern Sorgen. "Eines Tages wird das ganze Land brennen", schrieb der amerikanische Internetunternehmer Nick Hanauer kürzlich in einem öffentlichen Brief an seine superreichen Freunde. "Dann werden wir nicht genug Zeit haben, um zum Flughafen zu gelangen und nach Neuseeland zu fliegen."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Deutschland ist von amerikanischen Verhältnissen noch weit entfernt. Doch auch hierzulande werden die Arbeitnehmer kurzgehalten – obwohl die Wirtschaft stark ist wie selten zuvor und die Unternehmen Rekordgewinne einstreichen. Nach Schätzungen des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung in Essen steigen die Tariflöhne im Jahr 2015 aber unter dem Strich um lediglich 2,7 Prozent. Selbst die konservative Bundesbank hält ein Plus von rund drei Prozent für sinnvoll.

Es gibt Wissenschaftler, die den Lohnklau für unausweichlich halten. Die amerikanischen Wirtschaftsprofessoren Erik Brynjolfsson und Andrew McAfee etwa argumentieren, dass die menschliche Arbeit zunehmend von Maschinen übernommen werde. Studien zufolge könnte etwa die Hälfte aller Jobs in Deutschland in den kommenden 20 Jahren der Automatisierung zum Opfer fallen. In einer solchen Welt hat der Lohn als Instrument zur Umverteilung des erwirtschafteten Wohlstands ausgedient. Wenn – im Extremfall – überhaupt keine Arbeitskräfte mehr benötigt würden, würden die Besitzer der Maschinen praktisch alle Gewinne einstreichen.