Der König stirbt.

Im späten August, bald nach dem Tag des heiligen Königs Ludwig IX., der so gottgefällig die Juden verfolgt und die Muslime bekämpft hatte, ging es zu Ende. Das war jedem in Versailles auf das Schmerzlichste bewusst. Das Ritual begann. Denn wie alles in diesem Leben war auch das Sterben ein Staatsakt: ein letztes dunkles Ballett. Wie alle Gewalt, so musste auch der Tod gebändigt werden, verpflichtet, die Form zu wahren und sich dem König gemessen zu nähern.

Der Tod säumte nicht. Er zwang den König aufs Lager, überzog den Körper, aufsteigend von den Beinen, mit schwarzem Brand. Letzte Ölung, letzter Segen, letzte Verfügung, letzte Worte. Wer durfte jetzt noch das Kabinett des Königs betreten? Wer musste es wann wieder verlassen, wer begleitete die Priester in welcher Rangfolge, welchem Arzt wurde es erlaubt, ein letztes Mittel zu reichen? In den 54 Jahren von Ludwigs Alleinherrschaft war das Protokoll für den Hof, für das Land existenziell geworden, vom Lever des Königs am Morgen bis abends zum Coucher.

Dann kommt der Abschied. Dem einen gewährt der König sieben Minuten, dem anderen dreizehn. Madame de Maintenon, die Mätresse, die der König, ganz im Geheimen, zur Frau genommen hat, verweilt auf einer Stufe zu Füßen des Betts.

Dann flüstert er nur noch. "Nunc et in hora mortis", immer wieder und wieder und lauter, "nunc et in hora mortis, nunc et in hora mortis" – jetzt und in der Stunde unseres Todes. Dann "Christus, hilf!", und dann ist es geschafft. Die Maschine, die einen Atemzug lang stockte, läuft wieder an. Der Sarg wird bereitet, strengste Trauer verordnet. Es ist Sonntag, der 1. September 1715. Auf den Straßen von Paris singt und lacht das Volk.

Der König überlebt.

Es starb sich rasch in jenen Zeiten. Nicht nur durch die unbezwingbaren Seuchen. Jede Niederkunft konnte tödlich sein für Mutter und Säugling, jede Kinderkrankheit, Grippe, jeder kleine Unfall war lebensgefährlich. Ludwigs geliebter Kapellmeister Jean-Baptiste Lully stößt sich den Taktstock – damals noch ein Instrument von der Länge eines Speers – beim Dirigieren in den Fuß. Wenige Wochen später ist der Meister tot.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Aber das waren der Gefahren nicht allein. Ein Kind der Macht hatte Gift und Dolch zu fürchten. So stand es um Land und Zeitläufte, in die hinein Ludwig am 5. September 1638 auf Schloss Saint- Germain-en-Laye, westlich von Paris, geboren wurde. Frankreich schien auf Ewigkeit zerrissen in einem Bürgerkrieg. In einem Glaubenskrieg, Adelskrieg. Katholiken gegen Protestanten, mächtige Clans und Warlords, die Bartholomäusnacht war nicht das einzige Massaker. Fremde Mächte mischten mit, auch deutsche Fürsten wie der Herzog von Zweibrücken oder der Pfalzgraf in Heidelberg fielen mit ihren Truppen ein, um den calvinistischen Hugenotten beizustehen. Wer auf die erodierenden Staaten von heute blickt, auf Afghanistan, Syrien, Libyen, den Irak, mag sich einen Begriff von Frankreich im 16. und frühen 17. Jahrhundert machen.