Natürlich konnte das an jenem Abend niemand wissen, wie denn auch. Aber damals, in der 57. Minute, entschied sich möglicherweise die Zukunft der Stadt. Es war der 7. Februar 2010, es war der Super Bowl XLIV, und im Stadion in Miami hatten die Saints aus New Orleans soeben die Führung übernommen. Die Mannschaft vom Mississippi war der krasse Außenseiter im Finale der Footballsaison: Die Saints gegen die Indianapolis Colts, das ist so wie der HSV gegen die Bayern.

Aber jetzt lag das Team plötzlich vorn, und 1.400 Kilometer weiter westlich hielt eine Stadt den Atem an. Drei Spielminuten später hatten die Saints den Super Bowl gewonnen. New Orleans explodierte. Am nächsten Tag empfingen Zehntausende Fans die Mannschaft am Louis-Armstrong-Airport. Noch einen Tag später jubelten 800.000 bei der Siegesparade – mehr als doppelt so viele, wie die Stadt Einwohner hatte.

Egal, mit wem man spricht in New Orleans – früher oder später erzählt einem jeder, wie sehr dieser eine Abend alles verändert habe. Etwa der Trompeter auf dem Jackson Square. Er sitzt auf einer Bank vor der St. Louis Cathedral zwischen Porträtzeichnern und Tarotkarten-Wahrsagern, winkt gerade zum Dank einem Touristen zu, der einen Dollar in seinen Karton geworfen hat. Der 7. Februar 2010 sei der Abend gewesen, an dem ganz Amerika erfahren habe, dass man sich nicht unterkriegen lasse, sagt er. Der Abend, an dem die Stadt die Kurve gekriegt habe.

"Und schau dir New Orleans doch an", meint ein paar Hundert Meter weiter die Straßenbahnschaffnerin, die die Canal Street hinauffährt, die Hauptverkehrsachse der Innenstadt. "Schau, wie wir uns berappelt haben! Als die Saints damals gewonnen haben – da wussten wir, dass wir es schaffen würden!"

Zehn Jahre ist es Ende August her, dass der Hurrikan Katrina gewaltige Wassermengen aus dem Golf den Mississippi hinaufdrückte. Die Flut durchbrach die viel zu schwachen Dämme. Vier Fünftel der Stadt versanken in einer stinkenden Brühe aus Salz- und Süßwasser, Chemikalien und Abfall. Über 1.600 Menschen starben. In einigen Vierteln stand das Wasser über sieben Meter hoch, in der Canal Street fuhren statt Straßenbahnen Rettungsboote. Die Fernsehbilder sahen aus wie aus einem Drittweltland. Viele glaubten, New Orleans werde sich nie wieder von dieser Katastrophe erholen.

Ein Morgen im French Quarter, zehn Jahre später. Es sind die ein, zwei Stunden am frühen Vormittag, in denen noch keine Touristen zwischen den mehr als hundert Jahre alten Steinhäusern umherlaufen. Die Bewohner kehren die Gehsteige, führen ihre Hunde aus, wässern die Blumen. Von den Balkonen mit ihren eisernen Gittern tropft und rinnt Wasser, als sei gerade ein Schauer über der Stadt niedergegangen. Es ist tropisch schwül, die Luft pappt, hin und wieder trägt der Wind den Duft von Bougainvilleablüten heran.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Rick Blount, ein stimmgewaltiger Mann mit Brille und Seitenscheitel, sitzt mit einem Stapel Papier an der Bar seines Restaurants – Bewerbungsunterlagen, er sucht Verstärkung für die Küche. Das Antoine’s existiert seit 1840, seit einer Zeit also, in der in weiten Teilen des Kontinents noch Bohnen am Lagerfeuer gekocht wurden. Blount führt es in der fünften Generation, was ihn zu einer Autorität macht. Er ist jemand, von dem man denkt, dass er schon immer da war, weil er mit seinem Vater und Großvater und den drei Generationen davor irgendwie zu einem einzigen Mann verschmolzen ist, der schon ewig im French Quarter lebt. Und der sofort zu erzählen beginnt, wenn ein Gast sich für das New Orleans zehn Jahre nach Katrina interessiert.

"Wir haben damals den Respekt für unsere Stadt vermisst", sagt er. "Das war beinahe noch schlimmer als die Zerstörung – dass man so getan hat, als ob man den Laden hier besser dichtmachen würde." Er denkt vielleicht an Dennis Hastert, damals Sprecher des Repräsentantenhauses, der sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, es sei wohl besser, die Stadt aufzugeben und zu planieren.

Dem Rest der USA sei New Orleans von jeher suspekt, weil man vieles hier anders sehe und anders mache. "Unsere Architektur zum Beispiel. Wir wollen keine Apartmentblocks. Wir möchten in solchen Häusern wohnen." Blount zeigt auf die bonbonbunten Fassaden draußen auf der Straße und die Balkone mit dem wuchernden Grün – im French Quarter sieht die Stadt aus wie ein Hybrid aus Provence und Bahamas. "Wenn es nach der Regierung und den Investoren gegangen wäre, würden direkt hinter diesen Häusern jetzt hässliche Blocks stehen. Das war der Plan nach Katrina: in den zerstörten Vierteln möglichst schnell viel Wohnraum zu schaffen. Die Menschen hier wollten das aber nicht. Die wollten ihr altes New Orleans behalten."

Und so ist das French Quarter bis heute die wahrscheinlich einzige Innenstadt des Landes, in der die Global Player der Konsumökonomie keine Filiale unterhalten: Weder die großen Imbissketten noch die üblichen Verdächtigen aus der Mode- oder Elektronikbranche gibt es hier. Wer im Quarter wohnt, kauft seine Lebensmittel seit je in winzigen, bis unter die Decke vollgestopften Tante-Emma-Läden; wer zu Besuch kommt, shoppt in Boutiquen, die venezianisches Büttenpapier im Sortiment haben. "Natürlich haben die Investoren darauf gelauert, dass die Inhaber der kleinen Läden aufgeben", meint Blount. "Haben die aber nicht. Im Gegenteil. Je länger man ihnen gesagt hat, dass alles vorbei sei, desto härter haben sie gearbeitet." Dann kam der Super Bowl. "Als die Saints gewonnen hatten, ist mein Koch raus auf die Straße gerannt und hat 'We are back' gerufen, und dann sind alle Gäste hinterher. Zwei Minuten später hat das die ganze Straße skandiert."