DIE ZEIT: Herr Steinegger, Herr von Matt, diesen Herbst wählt die Schweiz. Die Wirtschaft leidet am starken Franken, unser Verhältnis zu Europa hängt in der Schwebe. Aber wir diskutieren einen Sommer lang über ein paar Tausend Asylbewerber. Was ist da los?

Franz Steinegger: Die Ausländer- und die Migrationspolitik hängen natürlich eng zusammen. Also auch die angenommene Masseneinwanderungsinitiative und die nun aktuelle Asylfrage.

ZEIT: Diskutiert werden zurzeit aber vor allem logistische Dinge: Wo braucht es wie viele Unterkünfte. Den grundsätzlichen Fragen weicht man aus.

Peter von Matt: Es stimmt natürlich nicht ganz, Herr Daum, was Sie am Anfang gesagt haben. Die andere heftige Diskussion wurde über die Schweizer Geschichte geführt: über die Schlachten bei Marignano und Morgarten. Am Wiener Kongress ging man dann rasch vorbei, der ist etwas kompliziert. (lacht) Diese ganze Diskussion ist ein Ablenkungsmanöver. Marignano oder Morgarten interessieren die Schweizer doch überhaupt nicht! Aber es ist eine Tatsache, dass die Schweiz mit einem Bündel von wirklich ernsten Problemen konfrontiert ist.

ZEIT: Das Buch von Thomas Maissen, das die Debatte ins Rollen brachte, ist immerhin ein Bestseller.

Von Matt: Eben. Die Debatte war fabriziert.

Steinegger: Mich belustigen diese Diskussionen über Morgarten und Marignano, von Terzos und Quartos geführt, deren Vorfahren damals noch gar nicht in der Schweiz waren. Ich weiß wenigstens, dass ein Vorfahre von mir in Novara erschlagen wurde.

Von Matt: Bei mir waren es zwei: einer in Novara und einer in Marignano. (beide lachen)

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Verstehe ich Sie beide richtig: Wir sollten weniger über unsere Vergangenheit und mehr über unsere Gegenwart diskutieren?

Von Matt: Die Frage ist, über welche historischen Themen wir reden. Ich kann mich nicht erinnern, dass je über die Bauernkriege von 1653 diskutiert worden wäre. Darüber, dass die großen Städte Luzern, Bern und Zürich ihre Bauern regelrecht "verseckelt" haben. Die Bauern drohten, die Städte zu blockieren, weil sie zu viele Steuern zahlen mussten. Da haben ihnen die Städter Frieden versprochen, doch als sie sich zurückzogen ins Entlebuch oder ins Emmental, hat man sie verfolgt, gefangen genommen, gefoltert und geköpft! Aber was schreiben diese Geschichtsbegeisterten heute in den Zeitungen? Seit 1291 herrsche Frieden in der Schweiz, wir seien immer gut miteinander ausgekommen, wir hätten uns alle gern gehabt! Und die Bösen, die seien immer von außen gekommen, die hätten wir dann gemeinsam bekämpft – und dann sei alles wieder schön gewesen. Das ist lupenreiner Gugus!

Steinegger: Das waren eigentlich alles Bürgerkriege. Die Eidgenossen haben keine Habsburger aus Wien bekämpft, sondern Aargauer und Zürcher. (beide lachen) Ein halbes Jahr nach der Schlacht bei Näfels konnte man die Toten der österreichischen Seite exhumieren und ordnungsgemäß in ihrer Heimat bestatten – in Hinwil im Zürcher Oberland.

Von Matt: Wir hatten in jedem Jahrhundert furchtbare Bürgerkriege. Auch im 20. Jahrhundert. Die Schießereien während des Generalstreiks von 1918, das waren Vorspiele zu einem Bürgerkrieg.