Innovation kann mühselig sein. Will ein Verlag ein neues Magazin auf den Markt bringen, muss sich eine Heerschar an Redakteuren und Beratern durch eine Serie von Konferenzen quälen. Ob das Heft erscheint, steht auf einem andern Blatt – viele Konzepte landen spätestens nach Test-Orgien des Marketings im Papierkorb.

Innovation kann aber auch simpel sein. Der Lichtdesignstudent Tristan Rodgers, 30, trank einfach einige Biere mit Freunden auf dem Kiez. Fünf Jungs, alle rothaarig. "Lasst uns doch eine Fotoserie von uns redheads machen", war die erste Idee. Die zweite: warum nicht gleich ein ganzes Magazin? Heute ist Rodgers Gründer und Chefredakteur eines Hefts, das eine echte Weltneuheit darstellt: MC1R ist das erste Magazin für, von und über Rothaarige – und Rodgers die vielleicht effizienteste Ein-Mann-Entwicklungsredaktion auf dem Hamburger Magazinmarkt.

MC1R, benannt nach dem für rote Haare zuständigen Protein, gibt es inzwischen genau ein Jahr. Unter den unabhängigen Magazinen ist es ein vielversprechender Newcomer, aber bei Weitem nicht allein. Wie viele sogenannte Independent-Magazine es in der Hansestadt gibt, ist noch nicht genau ermittelt worden. Rund zwei Dutzend sind es wohl. An diesem Wochenende treffen sie sich am Oberhafen auf der jährlichen Indiecon, einer Konferenz für unabhängige Publikationen.

Waren alternative Printprodukte früher oft amateurhaft hergestellt, wirken die heutigen Magazine hochprofessionell. Urs Spindler, einer der Veranstalter, sagt: "Man kann inzwischen im Wohnzimmer ein Magazin produzieren, das technisch die Qualität hat von den Titeln großer Verlage." Produktionskosten und Aufwand seien in den letzten Jahrzehnten stark gesunken, vor allem für kleinere Auflagen. "Fast jeder Grafik-Designer kann im Alleingang ein hochwertiges Printprodukt herstellen", sagt er. Alles, was es für ein hochwertiges Magazin noch brauche, seien ein Laptop, ein Layoutprogramm und die Idee.

Rodgers reicht als Redaktion seine spärlich eingerichtete Wohnung auf dem Hamburger Berg. Der gebürtige Ire, schwarzes T-Shirt und roter Vollbart, hatte noch vor einem Jahr keinerlei Journalismuserfahrung, andere Magazinmacher mussten ihm über Facebook die Grundlagen des Publizierens beibringen. Heute wohnt er quasi in seiner Redaktion. In seinem Arbeitszimmer türmen sich Kartons mit Magazinen, im Wohnzimmer liegen stapelweise frankierte Pakete. An der Wand hängt eingerahmt ein Dankesbrief von Prinz Harry. "Ich hab ihm mal ein Heft geschickt", sagt Rodgers. "Leider antwortet der Typ ja nie selbst, aber seine Sekretärin bestellt immerhin beste Grüße, er habe sich sehr gefreut."

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Rodgers’ Leserschaft ist international. "Das erste Heft haben mehr Menschen aus den USA, England oder Holland gekauft als aus Deutschland – obwohl es auf Deutsch war", sagt der Verleger. Mit der zweiten Ausgabe stieg man deshalb auf Englisch um. Mittlerweile liegt MC1R in Singapur und Australien am Kiosk. Die meisten der neueren Hamburger Indie-Hefte erscheinen inzwischen auf Englisch. Nur das Musikmagazin Das Wetter publiziert ausschließlich deutsche Texte.

Für die meisten Indie-Magazine gilt: Thematisch wird zugespitzt bis an die Grenze der Kuriosität. Das zahlt sich aus, jedenfalls in puncto Aufmerksamkeit. Großbritannien und die USA haben relativ hohe Rothaarigen-Quoten, für Rodgers und MC1R sind das riesige Märkte. Gleichzeitig ist die Nische auch ein Netzwerk: "Die Verbundenheit unter Rothaarigen ist enorm!"

Für die 100 Seiten seiner zweiten Ausgabe belief sich der finanzielle Aufwand auf gerade einmal knapp 200 Euro. Die rothaarigen Fotografen, Models und Autoren forderten kein Geld für ihre Arbeit. Sie wollten nur Teil des Projektes sein.

Zudem gibt es in vielen Ländern jährlich sogenannte Redhead Days, auf denen sich Rothaarige für ein Wochenende versammeln. Rodgers kooperiert mit den Veranstaltern, verkauft dort seine Magazine. Bald möchte er ein solches Festival in Hamburg organisieren. Rodgers kam zur richtigen Zeit: Rothaarige Models sind gerade begehrt, der Fotograf Thomas Knights machte mit seinem Fotoprojekt Red Hot Furore.