Der Name des Hauses lautet übersetzt: "Das merkwürdige Hotel".

Hinter der Zimmertür wartet die erste Überraschung: Es ist schon jemand da. Das Geschöpf sitzt auf meinem Nachttisch, es trägt ein rosa T-Shirt und einen weißen Rock: "Ich bin Chuuri-chan, freut mich sehr. Ich möchte dir helfen, deinen Aufenthalt angenehm zu gestalten." Chuuri-chan hat einen gut spannenlangen Körper und darauf einen viel zu großen Kopf. Neben ihr liegt die Gebrauchsanweisung: "Sprechen Sie laut und deutlich!"

Ein eigener Roboter auf dem Zimmer, das war mal Science-Fiction. Jetzt ist es Wirklichkeit. Im Henn-na Hotel nahe Nagasaki, wo ich gerade eingecheckt habe, arbeiten sogar fast nur noch Roboter. Sie sind Rezeptionisten, Concierge, Taxianrufer, Kofferträger und Gepäckaufbewahrer.

"Das merkwürdige Hotel", so lässt sich der Name Henn-na übersetzen, wurde vor wenigen Wochen eröffnet, und ein erster Besuch fühlt sich an wie ein Blick in die Zukunft. An der Rezeption steht eine adrett gekleidete japanische Dame im weißen Kostüm, mit Tuch um den Hals, die Haare perfekt gebunden, aufrechte Haltung, Hände an den Körper gelegt: "Zum Check-in kommen Sie bitte zu mir!", haucht sie. Nein: er. Der Roboter. Am Schalter nebenan macht ein Dinosaurier den gleichen Job.

Gegenüber der Rezeption operiert hinter einer Glaswand ein Krakenarm, der auch in den Produktionshallen von Toyota zugange sein könnte. Durch eine Sicherheitsschleuse vertraut man ihm das Gepäck zur Aufbewahrung an und schaut zu, wie er es in eine Schublade hievt. In der Lobby fährt dann ein Roboter namens Muratec über den blauen Teppich herbei: "Wollen Sie wissen, was heute in der Gegend so anliegt? Wollen Sie ausgehen?" Auch Chuuri-chan auf dem Zimmer kann einiges. Auf Anfrage sagt sie das Wetter an, schaltet das Licht an und aus und weiß die genaue Uhrzeit.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Japaner träumen von Beziehungen zu nicht ganz menschlichen Freunden wie Chuuri-chan und Muratec. Kinder lernen, dass neben Menschen auch Tiere und vielleicht sogar Roboter eine Seele haben können. In Japan respektiert man Maschinen, und wenn sie dazu noch niedlich oder lustig aussehen, liebt man sie wie Haustiere. So stoßen japanische Forscher und Unternehmen auch auf wenig Skepsis, wenn es darum geht, das Leben durch sie angenehmer zu gestalten und Arbeitsprozesse zu automatisieren.

Ein Roboterhotel zu eröffnen war also nur logisch. Zumal Japan nicht nur in Sachen Robotertechnologie führend ist, sondern auch, wenn es um Effizienz in der Hotellerie geht. Vor knapp 40 Jahren schon überraschte Osaka mit dem ersten Kapselhotel: einem Haus, in dem Besucher kein eigenes Zimmer haben – sondern nur eine Röhre mit Matratze auf dem Boden und Fernseher mit Kopfhörern an der Decke. Bis heute sind Kapselhotels eine beliebte, preisgünstige Alternative zu herkömmlichen Unterkünften. Aber ein Hotel mit nur wenigen menschlichen Arbeitskräften?

Die Umgebung steht in starkem Kontrast zu so viel Technik: Das Henn-na Hotel liegt am Rande des riesigen Huis ten Bosch. Der Themenpark soll vor allem japanischen Inlandtouristen, die es nicht bis Europa schaffen, die Romantik des Alten Kontinents vermitteln. Huis ten Bosch ist der Name der holländischen Königsresidenz in Den Haag. Nagasaki war während einer gut 200-jährigen Isolationszeit Japans einziger Hafen, über den Kontakt zur Außenwelt bestand – und zwar zu holländischen Händlern. Deren Einfluss ist bis heute in der Stadt zu erkennen, und auch der vor gut 20 Jahren angelegte Themenpark ist eine Hommage: jedes Haus ein barockes Monument, das Wasser in den Kanälen blitzend vor Reinlichkeit. Europa muss so schön sein!

Aber wir sind gekommen, um Japan zu erleben. Also zurück zum Hotel. "Konnichiwa!", quietscht eine bunte, fast menschengroße, rundliche Gestalt am Eingang. Dieser Roboter war vor Kurzem noch nicht da. Der Name des Hotels ist nämlich Programm. Das japanische Schriftzeichen für henn, "merkwürdig", lässt sich auch als "Wandel" lesen. Das Haus wolle immer neue Entwicklungen der Robotik ausprobieren, lässt das Management wissen (das freilich aus Menschen besteht).

Und tatsächlich gäbe es hier noch etliche Aufgaben für weitere Maschinen. Das Restaurant zum Beispiel ist bisher outgesourct – und deshalb ein herkömmliches. Und der Roomservice? Momentan gibt es nur Chuuri-chan, die eine Handvoll Fragen beantworten kann und einen Weckruf beherrscht: "Jetzt steh endlich auf, du verpasst doch den Tag!" Für mehr Dienstleistungen fehlt derzeit das Roboterpersonal. Doch vom Frühjahr 2016 an werden auf Anruf Drohnen das Essen aufs Zimmer bringen. Gibt es als Nächstes Massagen von Maschinen? Und ist dann das Housekeeping dran? Noch putzen hier Menschen. Aber bald sollen Roboter auch das erledigen.