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In der größten deutschen Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, im hessischen Gießen, traf ich vergangene Woche eine fünfköpfige syrische Familie. Sie hatte eine viermonatige Flucht hinter sich. Zwei ihrer Kinder waren in Damaskus geblieben, weil das im Freundes- und Familienkreis zusammengestotterte Geld für die Schlepperorganisation – immerhin fast 10.000 Euro – nur für fünf Mitglieder der Familie reichte. Was immer ich die Familie über einen herbeigerufenen Dolmetscher fragte, die Antwort war: Es ist gut hier, wir sind glücklich, wir wollen neu anfangen – aber wann wird unser Asylantrag entschieden?

Ein anderes Mal begegnete ich einer Mutter aus Albanien. Sie wusste, dass sie aller Voraussicht nach kein Asyl in Deutschland bekommen würde, weil sie aus einem Land kommt, in dem zwar schlimme wirtschaftliche Verhältnisse und Korruption herrschen, aber eben weder Krieg noch politische Verfolgung. Verzweifelt erklärte sie mir, dass sie keine Sozialhilfe oder andere staatliche Unterstützung in Deutschland wolle. Sie sei sicher, dass sie es selbst schaffe, sich Arbeit zu besorgen. Warum sie dann nicht hier bleiben könne?

Eine dritte Begegnung am Frankfurter Hauptbahnhof. Hier kommt ein großer Teil der Flüchtlinge an. Ihr erster Kontakt sind die Bundespolizisten der dortigen Polizeiinspektion und die Bahnhofsmission. In einem kleinen Raum sammeln sich manchmal 30 oder mehr Menschen, die dort von der Bundespolizei namentlich erfasst und auch erkennungsdienstlich – sprich Fingerabdrücke – behandelt werden. Denn natürlich gibt es auch die Sorge, dass manche der Einreisenden zwar in Deutschland Flüchtlinge sind, in ihrer Heimat aber Täter waren.

An einem kleinen Tisch in dieser Bahnhofsmission saß eine kleine afghanische Familie, völlig erschöpft und mit einem offensichtlich fiebrigen Kleinkind auf dem Arm. Daneben war ein neunjähriger Junge am Tisch eingeschlafen. Er hatte während der monatelangen Flucht seine Eltern verloren. Die afghanische Familie hatte sich seiner angenommen.

Laut Vorschrift hätte die Bundespolizei diesen Jungen als "unbegleiteten Minderjährigen" an das Frankfurter Jugendamt abgeben müssen. Aber die jungen Polizisten, manche von ihnen selbst Eltern, setzten sich Gott sei Dank über die Vorschrift hinweg und ließen den Jungen bei der afghanischen Familie. Martialisch aussehende Polizisten, bewaffnet und eigentlich für ganz andere Einsätze ausgebildet, brachten Spielzeug von zu Hause für die Flüchtlingskinder mit. Sie plünderten ihre Kaffeekasse, damit sie in der kleinen Teeküche wenigstens ab und zu Essen für die Ankommenden zubereiten konnten. Und sie wiesen darauf hin, dass ihre Personalstärke bei Weitem nicht ausreicht, um das normale Alltagsgeschehen angemessen zu bekämpfen und gleichzeitig hier die Flüchtlingsaufnahme zu gewährleisten. Besorgt sagte mir einer: "Noch ist ja alles ruhig, aber wenn die Bürger den Eindruck haben, dass keine Polizei mehr für Sicherheit im Alltag sorgt, weil wir hier voll eingebunden sind, dann gibt es doch irgendwann Ärger."

Diese drei Begegnungen der vergangenen Tage zeigen mir, wie schlecht wir auf den Zustrom von Flüchtlingen vorbereitet sind; wie viel Hilfsbereitschaft und Mitgefühl im deutschen Alltag existiert; und worauf wir aufpassen müssen, damit diese Hilfsbereitschaft nicht in Gefahr gerät. Hierfür müssen wir unsere Flüchtlings- und Integrationspolitik grundlegend ändern.

800.000 Flüchtlinge werden voraussichtlich in diesem Jahr Deutschland erreichen. Eine gewaltige Zahl. Sie wird unser Land ebenso herausfordern wie die EU, in der fast zwei Millionen Menschen Schutz vor Gewalt, Verfolgung und Krieg suchen und sich eine bessere Zukunft aufbauen wollen. Die Lage in den Herkunftsländern wird sich nicht schnell ändern, sodass wir auch in den kommenden Jahren mit ähnlich vielen Zuwanderern rechnen müssen. Deutschland und Europa werden sich – ob wir es wollen oder nicht – verändern. Und je eher wir das verstehen und selbst in die Hand nehmen, desto besser werden wir diese Herausforderung bestehen. Mehr noch: desto besser werden wir gemeinsam mit denen, die zu uns kommen, die Chancen nutzen, die auch in dieser Zuwanderung stecken.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Erst wenn man direkt mit Flüchtlingen und Helfern spricht, wird einem klar, wie groß die Herausforderung ist. Ich habe dabei gelernt, dass wir zu lange nur über die technisch-administrative Bewältigung der Flüchtlingswelle gesprochen haben. Dabei geht es doch viel mehr darum, was unsere Gesellschaft, was Europa ausmacht: die Idee von Freiheit, Gerechtigkeit und Solidarität. Oder ganz einfach: Mitmenschlichkeit.

Die Menschen, die zu uns kommen, suchen nach Freiheit und Sicherheit. Sie hoffen auf eine bessere Gesellschaft, in der Gerechtigkeit und Solidarität real sind. Also auf all das, was wir in Deutschland gemeinsam mit unseren europäischen Nachbarn nach vielen Kriegen und Kämpfen als Grundlage des Zusammenlebens vereinbart haben. Angesichts unseres relativ großen Wohlstands neigen ja gerade wir Deutschen gelegentlich dazu, Frieden und Sicherheit für selbstverständlich zu halten. Die Flüchtlinge erinnern uns an den Schatz, den wir besitzen. Wir sollten lernen, ihn zu teilen.

Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin weder der Meinung, dass wir über Jahre hinweg eine unbegrenzte Zahl an Flüchtlingen aufnehmen können, noch unterschätze ich die Konflikte, die mit der hohen Zahl an Zuwanderern in kurzer Zeit bei uns auch entstehen werden. Ich glaube darum auch nicht, dass wir ganz auf restriktive Maßnahmen verzichten können.