Als Aprilscherz hätte diese Geschichte nicht getaugt. Viel zu unglaubwürdig. Das japanische Fußball-Idol Keisuke Honda steigt beim niederösterreichischen Regionalligisten SV Horn ein und will den Verein innerhalb von fünf Jahren in die Champions League führen. Der AC Mailand, bei dem Mittelfeldspieler Honda unter Vertrag steht, der FC Barcelona, Bayern München – die besten Vereine Europas sollen in der niederösterreichischen Provinz antreten.

Youji Honda sitzt auf der Tribüne des Horner Stadions und verzieht keine Miene. "Die Leute können ruhig lachen, aber wir wollen in die Champions League", sagt der neue Vereinsobmann. Fünf Jahre geben sie sich dafür Zeit. Honda, 31 Jahre, glatt rasiert, Nadelstreifenanzug, hat sich an ungläubige Reaktionen schon gewöhnt. "Es klingt vielleicht etwas optimistisch", schiebt er hinterher. Das muss japanisches Understatement sein: Der SV Horn ist gerade aus der Zweiten in die Dritte Spielklasse abgestiegen, hat ein Stadion, in das gerade einmal 4.000 Zuschauer passen und das pro Spiel im Schnitt von 1.207 Zuschauern besucht wird. Mit diesem Verein in die Champions League? Genauso gut hätte Honda behaupten können, die Tabledance-Bar am Ortseingang berühmter machen zu wollen als die Reeperbahn.

So absurd das Vorhaben klingt: Wenn es klappen kann, dann in Österreich. Das Niveau der Bundesliga ist so bescheiden wie die Vereinsbudgets, von zehn Teams dürfen sich fünf im Europapokal versuchen, in diesem Jahr sogar ein Dorfverein wie Altach, der mit seinen 5,5 Millionen Euro Jahresetat auf Rang drei landete.

Hinter dem Projekt steckt weniger der Wunsch nach Titeln und Aufmerksamkeit wie bei Red Bull Salzburg. Das Projekt ist ein Geschäftsmodell: Der Investor, die Honda Estilo Co., Ltd., betreibt 50 Fußballschulen in Japan. Das Gesicht des Unternehmens ist Keisuke Honda, Japans bekanntester Fußballer. Für ihn arbeiten vor allem Familienmitglieder, so wie Youji, sein Cousin. "Wir haben nicht so viel Geld wie Red Bull", sagt der. Dafür aber Spieler in den Fußballschulen – sie sollen den SV Horn in den Europapokal schießen. Dort kassiert der Verein Fernsehgelder und Prämien, und nebenbei steigern die Spieler ihren Marktwert. "Die japanischen Spieler sollen über Horn zu den großen Clubs gehen, das ist das System", sagt Horns Co-Obmann Rudolf Laudon. Die Produkte sind made in Japan, der SV Horn übernimmt den Vertrieb. Der Verein wird zum Schaufenster, umso prächtiger die Auslage, umso besser – und nirgendwo stehen die Spieler so im Rampenlicht wie in der Champions League.

Die Blaupause für dieses Geschäftsmodell schuf der belgische Club KSK Beveren Anfang des Jahrtausends. Ein französischer Ex-Profi übernahm den Verein und brachte Talente aus seiner Fußballschule aus der Elfenbeinküste mit. Zeitweise bestand die Startelf aus elf Ivorern. Viele der Importe wurden Nationalspieler, auch Afrikas Fußballer des Jahres Yaya Touré nutzte Beveren als Sprungbrett. Und der Verein machte mit den Transfers Kasse.

Dieser Artikel stammt aus der Österreich-Ausgabe der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Youji Honda wird schmallippig, wenn es um das Geschäftsmodell geht. Das Projekt müsse zwar langfristig Profit abwerfen, räumt er ein. "Aber den reinvestieren wir in den Fußball." In Horn wird Honda Estilo 49 Prozent der Anteile an der Profiabteilung übernehmen, die Mehrheit hält der Club. Anders als in Salzburg bleibt die Identität erhalten. Bei Red Bull lautete das Motto: "Es gibt keine Tradition, es gibt keine Geschichte, es gibt kein Archiv." Horns Farben bleiben Blau-Weiß, das Wappen wird nicht geändert. "Wir wollen hier in Horn etwas aufbauen, mit den Leuten aus Horn", sagt Youji Honda. Der Club installiert eine Art Doppelstruktur: Honda ist seit dem 10. Juni Co-Obmann, gemeinsam mit Vereinsvertreter Laudon. Den beiden Horner Geschäftsführern stehen zwei Kollegen aus Japan gegenüber.

Auch im Kader sollen in Zukunft 50 Prozent Japaner stehen, das hat Aushängeschild Keisuke Honda gesagt, als er kürzlich in Horn nach dem Rechten sah. "Alle Kinder in Japan sollen in Zukunft beim SV Horn spielen wollen." Momentan stehen erst zwei Japaner im Kader: Rintaro Yajima pendelt zwischen der Ersten und der Zweiten Mannschaft, Shota Sakaki soll sich in dieser Saison als Stürmer durchsetzen.

Wer sich den 1,63-Meter-Mann anschaut, glaubt nicht, dass er einen Leistungssportler vor sich hat. Mit den dünnen Armen und seinem jungenhaften Gesicht sieht Sakaki aus wie ein Schulbub. Der 22-Jährige trägt Schuhgröße 39,5, nur die muskulösen Oberschenkel verraten den Fußballer.

"Es ist eine große Chance hier für mich", sagt Sakaki mit leiser, schüchterner Stimme. "Ich will mit Horn aufsteigen und mein Potenzial ausschöpfen." Sofort wird klar, warum japanische Profis in Europa gern genommen werden. Sie gelten als fleißig, strebsam und unkompliziert. Sakakis erste deutsche Worte: "Danke schön." In Wien wollte er nicht wohnen, lieber in Horn. "Hier kann ich mich voll auf Fußball konzentrieren." Wenn er nicht trainiert, geht er gern in der Stadt spazieren, er mag es, dass sie so klein ist wie seine Heimatstadt auf Hokkaido.