Eine Warnung vorab: Dies ist ein Text über Zuversicht, über Hoffnung, über das Gelingen und über einen anderen Journalismus. Wer so was nicht mehr aushält, weil er sich ins Negative eingegroovt hat, um es auszuhalten, den verstehen wir sehr gut, aber er sollte diese Seite lieber überspringen.

Wenn man in diesen Tagen Nachrichten schaut – nur die wenigsten, die Tapfersten und Mutigsten tun das vermutlich noch –, so macht man merkwürdige Erfahrungen. Erst wird man bewegt von Mitleid (für die Flüchtlinge) und von Ekel (vor den Rassisten), dann beruhigt man sich langsam, wenn es nur noch um die heraufziehende Weltwirtschaftskrise geht, und freut sich schließlich geradezu, wenn endlich etwas Leichtes, Harmloses kommt, wie beispielsweise: Griechenland.

Auch die Politiker haben schon angefangen, die Griechenlandkrise umzudeuten. Die Kanzlerin und ihr Vize sagen nun beide, dass diese Sache da mit dem Euro und den Griechen, gemessen an der Flüchtlingsfrage, historisch betrachtet eine Kleinigkeit sei, eigentlich. Das wundert einen dann schon etwas, weil es doch geheißen hatte, dass Europa scheitert, wenn der Euro scheitert, und ein scheiterndes Europa ist doch eine recht große Sache, oder nicht?

Wer noch länger darüber sinniert, der kommt irgendwann darauf, dass es alsbald eine Krise geben könnte, die noch größer ist als die mit den Flüchtlingen. Beispielsweise wenn Wladimir Putin sich entschließen sollte, den Krieg in der Ostukraine doch bis zur Krim zu tragen, um sich sein Neurussland zu bauen. Dann wird es in den Nachrichten um die neue Kriegsgefahr in Europa gehen, um den erbitterten Streit zwischen der EU und den USA über Waffenlieferungen an die Ukraine sowie um nukleare Drohgebärden. Und wenn danach in den Nachrichten etwas über Flüchtlinge kommt, wird man aufatmen und denken, ach, die guten alten Flüchtlinge, das waren noch Zeiten.

Die Krisen steigern sich offenbar, und in Wirklichkeit lösen sie sich auch nicht ab, sie finden alle zugleich statt: Flüchtlinge, Griechenland, Ukraine, Wachstum, Klima, die Schlächter des IS. Das sind die zurzeit wichtigsten Krisen, sechs an der Zahl. Die Menge, die Gleichzeitigkeit und ihr notorisches Nichtverschwinden legen allerdings nahe, dass es sich gar nicht um Krisen handelt, sondern um eine neue Normalität. Krisen sind der Modus unseres Seins geworden, die Politik gewinnt ihre Programmatik aus der Not, sie entwirft nicht die Zukunft, die Zukunft kommt ihr entgegen.

Wir wissen, dass dies alles ein Teil der Globalisierung ist, dass die Menschen näher zusammenrücken, oft schmerzlich nah, und dass sie wild und wütend, verzweifelt, aber nachdrücklich ihren Anteil fordern. Wir wissen also, dass die tiefste Quelle dieser Veränderung etwas Richtiges ist. Doch tröstet uns das nicht und hilft vorerst wenig bei der Bewältigung der Krisenubiquität.

Tief im Innersten misstraut die Politik den Deutschen

Allen in der Politik und in den Medien und auch den Bürgern selbst fällt es schwer, sich auf den neuen Aggregatzustand der Wirklichkeit einzustellen. Am liebsten versuchen sie, sich immer nur mit einer Krise zur Zeit zu befassen und die anderen, sobald es irgend geht, ganz hinten ins Regal zu stellen. Oder aber sie lassen die diversen Krisen in einem einzigen Krisenbrei verschwinden, den man jeden Tag routiniert in sich reinlöffelt, als wäre es Haferbrei.

In dieser Woche schrieb beispielsweise Majid Sattar in der FAZ einen Bericht über die Flüchtlingspolitik der Regierung und handelte dabei quasi im Nebensatz zwei andere Problemfälle ab: "Zwar sind weder die griechische Schuldenkrise noch der Ukraine-Konflikt einer Lösung näher gekommen, doch ist die Prioritätenliste nun um einen Punkt erweitert worden." Ist das so? Weiß der Autor jetzt schon, dass auch das dritte Hilfspaket und die Wende von Alexis Tsipras nichts bringen? Sieht er nicht, dass die EU den russischen Autokraten bisher mit ihren Sanktionen davon abhält, den nächsten irrsinnigen Schritt in Richtung Mariupol zu gehen?

Besonders am Beispiel Ukraine kann man sehen, wohin es führt, wenn die Krisendiskussionen abrupt abgebrochen werden, sobald sie in den Tagesthemen ans Ende wandern oder auf den Nachrichtenseiten im Internet nach unten. An welcher Stelle hatte man denn das Thema Ukraine noch gleich liegen lassen, um sich ganz und gar Griechenland zuzuwenden? – Als behauptet wurde, dass die Sanktionen eh nichts bringen und Minsk 2 sowieso nicht hält! Man hat die Ukraine unter der Rubrik "Versagen der EU" abgelegt und dann nicht wieder angeschaut. Es gibt hier aber kein Versagen, sondern eher ein vorläufiges Gelingen, Putin steckt fest. Wer die Krisen verdrängt oder in scheinbarer Abgeklärtheit erträgt, der bringt sich um positive Lernerfolge, der kann die allgemeine Düsternis vielleicht eine Weile aushalten, aufhellen kann er sie nicht.

Ein anderer Artikel sei willkürlich aus einer Fülle ähnlich gestimmter herausgegriffen, im Feuilleton der SZ klagt Johan Schloemann in dieser Woche so: "Für andere Nationen haben wir allerlei Rezepte, die Wohlstand und Innovation bringen sollen. Aber warum ist unser Land gerade so wenig zur Veränderung bereit?" Ist es das? Deutschland durchlebt und durcharbeitet gerade die größte infrastrukturelle und technische Reform seiner Nachkriegsgeschichte, eine Reform, die das Antlitz dieses Landes verändert. Und was soll man sagen: sogar mit Erfolg. Welche das sein soll? Eben, auch das scheint weithin vergessen, weil die Energiewende an der Stelle abgelegt wurde, als es um zu hohe Strompreise und den Streit über Stromtrassen ging. Dass die Preise aus den Schlagzeilen weitgehend verschwunden sind, zeigt, dass dieses Problem leidlich gelöst wurde; dass durch die deutsche Energiewende auch international ein Schub in Richtung erneuerbarer Energien erzeugt wurde, dass Deutschland, anders als allgemein prognostiziert, nicht energiepolitisch isoliert wurde, sondern eher zur Avantgarde geworden ist, das scheint so eine Art Betriebsgeheimnis zu sein, das keinesfalls einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden darf.

Sodann baut sich das angeblich so träge, selbstgefällige Deutschland gerade von einem Einwanderungs- zu einem Flüchtlingsland um, Gesetze werden geändert, Unterkünfte werden gebaut, Arme werden geöffnet. Das alles geschieht auf eine Weise, die niemand vorhergesehen hat. Warum hat es niemand vorhergesehen? Weil die Frage, wie offen die Deutschen für Einwanderer und Flüchtlinge sind, am Ende der Sarrazin-Debatte unter dem Label "sehr bedenklich" abgelegt wurde. Und so geschah an der routiniert-resignierten Wahrnehmung der Politik und der Öffentlichkeit vorbei etwas Wundersames, man könnte auch sagen Wunderbares: Je mehr Flüchtlinge kamen, desto hilfsbereiter wurden die Deutschen (was nicht heißt, dass das endlos so weitergehen muss). Während die politische Klasse, die sich traditionell zur permanenten Volksbelauerung berufen fühlt, noch versuchte, das Thema herunterzuspielen oder die Leute mit absurden Ideen (Versenken von Flüchtlingsbooten) für dumm zu verkaufen, packten immer mehr Menschen einfach an. Die Wende zum Besseren kam von unten, ausgerechnet beim Thema Fremde.

Im Grunde liegt es ja auf der Hand: Wenn die permanente Krise der Modus des Politischen ist, dann müssen Politik und Medien lernen, mit dem Gelingen sorgsamer umzugehen, sonst werden die Menschen irgendwann irre. Doch warum funktioniert das bisher so furchtbar schlecht?

Das Beispiel Flüchtlinge zeigt, dass die Politik den Deutschen im Innersten nach wie vor misstraut, die Politiker halten ihre Bürger für nette Leute, die aber bei falscher Behandlung jederzeit explodieren können. Und weil sie ihnen nicht vertrauen, trauen sie ihnen auch nichts zu. Das wäre weiter kein Problem, wenn die Politik noch in der Lage wäre, ohne allzu viel Mithilfe und Mitsprache des Volkes die großen Probleme zu lösen. Das ist sie aber nicht.