Als wir schon eine ganze Weile gesprochen haben und es beinahe dunkel geworden ist im Raum, zucken plötzlich Blitze über das etwas blasse Gesicht des Regisseurs. Es ist aber kein Donner zu hören, sondern nur diese Stimme, die berühmt ist und auch nach all den Jahren noch immer an die bayerische Herkunft erinnert. Es ist die Stimme eines Hypnotiseurs. Sehr bedächtig formuliert der Regisseur gerade, was so leicht wohl nicht zu formulieren ist: "Wie kann es zum Beispiel sein, dass Termiten in der Lage sind, ein ganzes Heer von Blattläusen zu versklaven und ihnen systematisch Zucker abzumelken? Und warum sattelt der viel höher entwickelte Schimpanse dann nicht einfach eine Geiß und reitet auf ihr in den Sonnenuntergang? Es sollte ihm vergleichsweise leichtfallen."

Es sind aber gar keine Blitze, die über das Gesicht von Werner Herzog tanzen. Wir sind in Las Vegas, wo natürliche und künstliche Lichtspiele grundsätzlich denselben Wahrheitsanspruch erheben. Eine Suite ganz oben im Bally’s, das in den siebziger Jahren noch MGM Grand hieß und damals das größte Hotel der Welt war. Himmel und Hölle. Unten sitzen die Spieler an Slot-Machines und Pokertischen. Depression deluxe. Durch die Fenster flackern die Lichter der anderen Kasinos. Vorn der falsche Eiffelturm, das Bellagio gegenüber. "Ich gehöre vielleicht zu den wenigen denkenden Menschen, die das wirklich eindrucksvoll finden", sagt Werner Herzog. "Das Frenetische daran. Und das rein Fiktive. Reich werden ohne Arbeit – das ist die perfekte Gegenwelt zum amerikanischen Traum. Und wenn Sie einmal drin sind im Kasino, dann ist alles so gebaut, dass Sie den Ausgang kaum wiederfinden werden. Sie wissen nie, ob gerade Tag oder Nacht ist."

Nur der Brunnen des Bellagio, der im Takt italienischer Opernarien sonst jeden Abend ein pompöses Wasserballett aufführt, muss aus Realitätsgründen trocken bleiben. Nevada kämpft mit der Dürre, und Las Vegas liegt in der Wüste. Wenn es 42 Grad heiß wird, so wie heute und seit vielen Tagen schon, dann holt sich der Sand etwas von der künstlichen Wüste zurück, die ihm hier einmal abgetrotzt worden ist.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Eigentlich wohnt Herzog in Los Angeles, und es liegt an seinem Terminkalender, dass wir uns in Las Vegas treffen. Hier werden sich morgen 13.000 Hacker aus aller Welt versammeln, die will er filmen; diese Computermenschen, so erzählt er, wollten ihrerseits unbedingt auch ihn kennenlernen – Werner Herzog, den mittlerweile 72-jährigen Zelluloidartisten, aufgewachsen in einer Welt, in der es nicht einmal ein Kino gab, in einem Dorf irgendwo an der Grenze zwischen Deutschland und Österreich. Den Regisseur, der das Geld für seine ersten Filme als Schweißer verdient und natürlich niemals ein Studium absolviert hat.

Über die Dokumentation, in der die Hacker wohl eine Rolle spielen werden, möchte Herzog aber weiter nichts verraten, der Film ist schließlich noch in Arbeit; nur, dass er dafür mit seinem Team gerade kreuz und quer durch Amerika fliegt: Chicago, Pittsburgh, Seattle, Boston, West Virginia, Südkalifornien – und in Andeutungen, dass es darin um die digitale Welt als Kriegsschauplatz gehen soll, um den Cyberwar.

Falsche Bescheidenheit gehört nicht zu den Charakterschwächen Herzogs

Es gibt in Las Vegas auch eine Pyramide. Sie ist von außen schwarz verglast und von innen ein Hotel mit über 4000 Zimmern. Die ägyptische Cheopspyramide, die dafür Modell stand und (wenn sie auch größer ist) nur einem einzigen Pharao als Grabkammer dient, kommt auch in einer Einstellung des letzten Spielfilms vor, der von Werner Herzog zu sehen war: Königin der Wüste debütierte auf der Berlinale im Februar und startet nächste Woche in den Kinos.

"Ich bin sehr froh", sagt Herzog schlicht, "dass dieser Film in Deutschland laufen wird. Er gehört einfach auf die große Leinwand." Die große Leinwand? Tatsächlich ist Königin der Wüste von den ungefähr sechzig Filmen dieses Regisseurs vielleicht derjenige, der den erzählerischen und ästhetischen Gepflogenheiten des Hollywoodkinos am nächsten kommt, zumindest vordergründig. Er erzählt einen so ungewöhnlichen wie überraschenden historischen Stoff und eine tragisch, daher also rührend scheiternde Liebesgeschichte. Große Landschaften. Große Filmstars: James Franco, Robert Pattinson, Damian Lewis – und die alle überstrahlende Nicole Kidman in der Titelrolle. Kidman, so stellt der Regisseur ganz trocken klar, spiele vor seiner Kamera um Längen besser als damals, als sie ihren Oscar bekommen hat. Falsche Bescheidenheit gehört übrigens nicht zu den Charakterschwächen dieses Regisseurs. "Nicole Kidman hat einen großen emotionalen Tiefgang und eine große Intelligenz", sagt Herzog. "Und sie ist eine gute Schwimmerin. Gibt es eine glaubwürdigere Besetzung für jemanden, der die Gedichte von Hafis übersetzt hat? Marilyn Monroe wäre jedenfalls kaum infrage gekommen."