Es gibt reichlich Großereignisse, um das Sommerloch 15 zu füllen: Isis, Flüchtlinge, Euro, Aktien-Crash ... Ein Provinzdramolett ist dagegen die "Aktion Löschtaste", der die Plasberg-Sendung Deutschland im Genderwahn? zum Opfer fiel.

Leider lauert hinter dem Kleinen das Große. Es gab keinen Kläger im juristischen Sinne, und doch schwang sich der WDR plötzlich zum Richter auf – nach einem halben Jahr Bleiberecht für die inkriminierte Sendung in der Mediathek. Warum bloß? Der Tatbestand war nicht etwa "üble Nachrede" (§ 186 StGB), "Verleumdung" (§ 187) oder gar "Volksverhetzung" (§ 130) – lauter Sprechakte, die von der Meinungsfreiheit nicht geschützt werden.

Eine plausible Begründung für die Zensur hat der WDR nicht geliefert. Er verschanzte sich hinter Frauenverbänden und Gleichstellungsbeauftragten, welche die Sendung als "unseriös", "frauenfeindlich" und "einseitig" empfunden hätten. Noch leichter machte es sich der Fernsehdirektor, der "keinen Grund" dafür sah, den Talk in der Mediathek zu belassen. Außer der heiligen Meinungsfreiheit, oder?

"Anders empfunden als von der Redaktion gemeint", hieß es. Im Privaten wäre das Anlass genug, sich zu entschuldigen. Aber in der Verfassungsnation, die Meinungsfreiheit hochhält, herrschen andere Regeln. Anstößig – was meiner Klientel nicht gefällt, gibt keine Zensur her. Im Gegenteil: Die Meinungsfreiheit bewährt sich nur, wenn sie auch für unpopuläre, geschmacklose, abscheuliche und "falsche" Meinungen gilt. Das Genehme braucht keine Redefreiheit.

Michael Hanfeld hat es in der FAZ  auf den Punkt gebracht. Der WDR hat sich den Lobbygruppen gebeugt; er "zensiert sich selbst, um weiteren Ärger zu vermeiden". Vor knapp 200 Jahren schon hat Tocqueville, der hellsichtigste Demokratie-Theoretiker, das Problem erkannt. Er sprach vom "demokratischen Despotismus", einem sanften Totalitarismus, der weder Geheimpolizei noch Großen Bruder braucht, um die Gleichförmigkeit der Gedanken zu erzwingen. Der Einzelne zwingt sich selber, um der Ächtung durch die "tyrannische Mehrheit" zu entgehen.

Wobei "Mehrheit" heute falsch wäre. Die Unterdrückung kommt von Minderheiten, die sich besser organisieren und artikulieren können, als es die amorphe Mehrheit kann. Nur vordergründig geht es um den Wertestreit, das Lebenselixier einer freien Gesellschaft, sondern um die Machtprobe: Wer kann mit Sprechverboten die Deutungshoheit durchsetzen, um für die Klientel Status und Ressourcen an sich zu ziehen?

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015.

Es wird aber noch ärger. Jetzt muss der Ketzer auch noch öffentlich Abbitte & Buße leisten, just wie in der maoistischen Selbstkritik, wo der Delinquent mit dem Kniefall das Orwellsche "Gutdenk" des Kollektivs bekräftigt. Plasberg muss nun abermals über Gendergerechtigkeit talken. Bis die Entrüstet-euch-Brigade Ruhe gibt.

Das sollten die Wächter der Meinungsfreiheit nicht tun. Der SPD-Mann Burkhard Lischka mahnt: Werde künftig alles entfernt, "was irgendeinem nicht gefällt, dann haben wir bald leere Mediatheken". Und zensierte Zeitungen und Bibliotheken? Die Unterdrückung kommt in der Demokratie auf leisen Pfoten daher. Tocqueville warnte, dass sich dann der eingeschüchterte Einzelne ins Private zurückziehen müsse. Das rettet seine Würde, nicht die der liberalen Demokratie.