Hereinspaziert, hereinspaziert! Bernhard Paul empfängt in seinem Zirkuswagen. Aus dem Zelt nebenan dringt Popcorngeruch und ab und zu ein Tusch. Paul ist glänzender Laune, wenn er nicht lächelt, dann lacht er. Ansonsten: imitiert er Helmut Kohl, erzählt Anekdoten in breitem österreichischem Dialekt, zaubert ein bisschen und strahlt wie ein Kind über seine eigenen Tricks. Seit dem 22. August gastiert Roncalli in Hamburg.

DIE ZEIT: Herr Paul, Sie haben mal gesagt: Ich mache nicht Zirkus, um Geld zu verdienen, sondern ...

Bernhard Paul: ... ich verdiene Geld, um Zirkus zu machen.

ZEIT: Diesen Zirkus lassen Sie sich viel kosten: Sie engagieren ein Orchester, statt Musik vom Band zu spielen. Sie bringen Ihre Künstler nicht billig im Hotel unter, sondern in historischen Wagen. Ist das betriebswirtschaftlich nicht totaler Unsinn?

Paul: Na klar. Ich liebe Unsinn! Ich will Zirkus so machen, wie er sein sollte – nicht so, wie er billig ist. Wir sind auch zum Beispiel der letzte Zirkus in Deutschland, der noch mit der Bahn von einer Stadt in die nächste reist statt einfach über die Autobahn. Roncalli ist ein rollendes Museum.

ZEIT: Könnten Sie mit ein bisschen weniger Nostalgie nicht viel mehr verdienen?

Paul: Natürlich. Ich könnte auch die Artistinnen barbusig vom Trapez baumeln lassen. Dann wäre das Zelt noch voller. Aber es geht um Berufsethos.

ZEIT: Nach Ihrer ersten Roncalli-Saison 1976 standen Sie vor dem Nichts. Heute gehört Ihnen ein Imperium. Wie reich hat der Zirkus Sie in 40 Jahren gemacht?

Paul: Es gab gute Jahre, und es gab schwere Jahre ... (Pauls Handy klingelt, der Klingelton: "Start Me Up" von den Rolling Stones, Paul grinst) Es kann doch nicht sein, dass ich einen normalen Klingelton hab, oder? Ich bin Rock-’n’-Roll-Fan, hab früher selber in Bands gespielt. Später habe ich Hoch- und Tiefbau studiert. Das hat mir geholfen, unsere Zirkuskuppel zu entwickeln, einen speziellen Mechanismus, mit dem sich das Zelt lüften lässt. Die Erfindung wurde sofort in Serie nachgebaut, aber ich hatte nichts davon – ich hab sie mir nicht patentieren lassen. So wichtig ist mir Geld.

ZEIT: Sie weichen aus. Können Sie uns sagen, was für Sie ein gutes Jahr ist?

Paul: Ich weiß gar nicht, was auf meinem Konto ist. Ich weiß nur, dass die Tagesunkosten 30 000 Euro betragen.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 35 vom 27.08.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

ZEIT: Wofür geben Sie am meisten aus?

Paul: Ich habe zwischen 100 und 150 Mitarbeiter, das Personal ist sehr teuer. Ich zahle jeden Monat 400 000 Euro, nur Lohn.

ZEIT: Trotzdem investieren Sie Millionen in Ihre Sammlung nostalgischer Gegenstände: einen alten Jahrmarkt, historische Ladenzeilen, einen Zeitungskiosk aus Barcelona. Sitzt Ihnen das Geld so locker?

Paul: Ich habe wie geisteskrank mein Leben lang alles gerettet, was sonst verschwunden wäre. Als Zirkusmensch muss man das Geld aus dem Fenster schmeißen, dann kommt es durch die Tür wieder rein. Mit vielen Stücken aus meiner Sammlung verdiene ich inzwischen mehr, als ich dafür bezahlt habe.

ZEIT: Zum Beispiel jetzt in Hamburg, im Levantehaus?

Paul: Stimmt. Der größte Teil der Sammlung lagert in mehreren Hallen in Köln. Aber im Levantehaus lasse ich jetzt ein Roncalli-Café bauen, mit historischen Einrichtungsstücken. Und in St. Georg habe ich die Feinkost-Abteilung eines Supermarkts eingerichtet.

ZEIT: Wie viel Gewinn machen Sie in einem guten Jahr?

Paul: Solange ich alles zahlen kann, muss ich keinen großen Gewinn machen. Ich mache mir oft ein Budget, und dann überziehe ich es. Dann muss ich was Neues erfinden, damit das Geld wieder reinkommt. Ich bewege mich ständig zwischen Wirtschaftlichkeit und Perfektion. Wenn etwas überbleibt, wird es eh gleich wieder reingesteckt. Da drinnen, im Zirkuszelt, muss alles stimmen.

ZEIT: Wann stimmt bei einer Nummer alles?

Paul: Oft geht es gar nicht darum, was der Artist macht – sondern wie er es macht. Bei einem italienischen Artisten, der seine Nummer dreimal verstolpert und sie beim vierten Mal hinkriegt, trampeln die Leute vor Begeisterung. Da tobt das Zelt mehr als bei einem Perfektionisten, bei dem alles ganz leicht aussieht.