Wie hält man eine Ehe zusammen? Indem man sich nicht trennt! Wie einem das Lachen über diese Albernheit gefrieren kann, wenn alle Möglichkeiten, die dieser böse Satz in sich birgt, ihr Haupt erheben. Dass vielleicht nichts an einer Ehe ist, außer einem äußeren Band. Dass die Liebe unendlich groß sein müsste, größer als möglich, damit nichts sie zerstören könnte. Dass man vielleicht nichts von einer Ehe weiß außer dem, dass sie noch besteht. 45 Jahre heißt der Film lakonisch, der die Ehe von Kate und Geoff in der Woche vor der großen Feier ihres 45. Hochzeitstags betrachtet, einer Woche, in der unter ihnen ein Abgrund aufreißt und die Ungewissheit, ob die Ehe das überlebt – oder womöglich schon vorher vorbei war oder ob sie je das war, was die Beteiligten glaubten. Von diesen großen Fragen aus startet der britische Regisseur Andrew Haigh seinen Film, der ein Film ist über das, was wir wissen können über die, die lieben. Oder über uns.

Eine Woche im Ehe-Leben eines alten Paares. Kate und Geoff. In der ersten Einstellung geht der Blick langsam über einen Acker zu einer Horizontlinie, an der rechts einige Häuser liegen, links Wald. Sehr flach, diese Landschaft im englischen Norfolk, wenn auch mit Vogelgezwitscher. Alle Requisiten einer Idylle sind da, bis zum Bellen eines Hundes, den man in der Ferne sieht. Ihm folgt eine Gestalt. Jeden Morgen in dieser einen Woche, die der Film umfasst, wird man Max, dem Schäferhund, begegnen und der Frau, die ihn ruft und entschieden an die Leine nimmt, erst mit den Tagen wird man bemerken, wie allein Kate auf diesen morgendlichen Spaziergängen ist.

Kurz vor ihrem Cottage begegnet Kate in dieser ersten Szene dem Postboten, und wie sie, die ehemalige Lehrerin, mit ihm, ihrem ehemaligen Schüler, redet, mit einer Herzlichkeit, die auf diese angelsächsische Art wohldosiert ist – schon in diesen ersten Minuten zeigt Charlotte Rampling ihre ganze Kunst, in Gestik und Haltung, mit jedem Ton der Stimme eine Beherrschtheit zu spielen, die, so kühl sie wirken mag, zugleich eine Ahnung davon vermittelt, welche Abgründe sie überspielt.

Charlotte Rampling steht seit je für Wagnis

Das Quietschen einer Haustür. Der Blick der Kamera tastet sich über das Strandgut, das die Jahre in einem Zuhause anschwemmen, viel Zeugs in der Diele, Kaffeepötte im Bord, Krimskrams überall. Es sind intime Räume, koloriert von der Patina eines langen gemeinsamen Lebens. Gleich wird Kate an der Spüle ein Glas Wasser trinken, wie jeden Morgen nach dem Spaziergang, auch dies eine Geste, die seltsam fragil wirkt. Das Trinken wie der Spaziergang sind nur zwei Beispiele der schönen Rituale, die dieses Leben zu einem Ganzen verweben – das nun gleich zerrissen werden wird.

Geoff sitzt am Tisch, er liest einen Brief. Der Brief teilt mit, dass im Eis der Schweizer Berge die Leiche einer jungen Frau aufgetaucht ist, die vor einem halben Jahrhundert in einer Gletscherspalte verschwand. "Meine Katya" nennt Geoff sie. Und man sieht in Ramplings Gesicht, wie sich bei dieser beiläufigen Redewendung Verwunderung, dann Erkenntnis, dann Schmerz ungläubig mischen. Liebt Geoff noch immer Katya? Hat er sie, Kate, überhaupt je geliebt, war sie womöglich nur Ersatz für eine größere Liebe, die nicht gelebt werden konnte? Schon sind die beiden im freien Fall.