Als die Finanzmarktkrise vor einigen Jahren die Wirtschaft erschütterte, hatte ein sozialdemokratischer Arbeitsminister eine rettende Idee: Olaf Scholz, heute Erster Bürgermeister in Hamburg, ermöglichte Kurzarbeit in großem Stil, um Entlassungen zu vermeiden. Für Beschäftigte in Krisenunternehmen zahlte die Bundesagentur für Arbeit bis zu 24 Monate lang zwei Drittel der Gehälter. So blieb die Zahl der Arbeitslosen fast konstant, obwohl die Wirtschaft schrumpfte. Kein anderes Industrieland kam so gut durch diese Zeit.

Heute, sieben Jahre später, soll die Bundesagentur für Arbeit mit einem Kraftakt bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise helfen. Andrea Nahles, Nachfolgerin von Scholz im Bundesarbeitsministerium, will nicht abwarten, bis sich Asylbewerber Jobs suchen oder arbeitslos melden. Die SPD-Frau will Jobvermittler in die Lager für gerade eingetroffene Asylbewerber schicken – auch wenn Flüchtlinge eigentlich frühestens drei Monate nach ihrer Ankunft eine Stelle antreten dürfen. Außerdem heuert die Bundesagentur seit Anfang der Woche Dolmetscher an, die bei der Vermittlung von Flüchtlingen helfen sollen.

Als Nahles vergangene Woche mit einer Delegation von Arbeitsmarktexperten durch Kalifornien reiste, ließ sie sich vom Netzwerkausrüster Cisco erklären, wie Flüchtlinge durch Videokonferenzen informiert und sogar weitergebildet werden könnten. Cisco-Vorstandschef Chuck Robbins berichtete, wie heute schon Flüchtlingen in Jordanien am Bildschirm geholfen wird. Nahles war begeistert. Sie weiß: Ob die Integration von Flüchtlingen auf Dauer gelingt, entscheidet sich vor allem am Arbeitsmarkt. Sie muss jetzt die Weichen dafür stellen. Nahles ist Deutschlands neue Flüchtlingsministerin.

Deshalb warnt sie intern schon seit Wochen davor, den Aufwand für die Vermittlung von Flüchtlingen zu unterschätzen. Der gebildete, fließend Englisch sprechende syrische Arzt oder Ingenieur sei die Ausnahme unter den Ankommenden. Bisher fänden nur etwa 50 Prozent der anerkannten Asylbewerber im erwerbsfähigen Alter innerhalb des ersten Jahres einen Job. Das könne man mit besserer Vermittlung und Weiterbildung ändern. Bisher funktioniere die Jobvermittlung von Einwanderern nur für Spitzenkräfte. Doch Handwerksbetriebe und andere kleinere Unternehmen könnten auch Arbeitskräfte ohne akademische Qualifikationen gut brauchen. Gerade ergab eine Umfrage der Handelskammern, dass in diesem Jahr jeder zehnte Ausbildungsplatz nicht besetzt werden kann. Viele Unternehmer, so die Studie, ködern neue Mitarbeiter mit Handys und anderen Geschenken, Nahles trifft solche Arbeitgeber oft, vor ihrer Reise nach Kalifornien sprach sie ein Heizungsinstallateur aus ihrem Heimatdorf in der Eifel an, weil er "gern einige Syrer" einstellen wollte.

Wie sehr sich die Arbeitsmarktpolitik gerade ändert, zeigt sich in Zahlen: Nahles wird für die Flüchtlinge in diesem Jahr zwischen 1,8 und 3,3 Milliarden Euro ausgeben können. Bis 2019 sind sieben Milliarden Euro pro Jahr geplant, davon die Hälfte für den Lebensunterhalt.

Das ist mehr als das Dreifache von dem, was sämtliche Kommunen im Jahr 2014 für die Unterbringung von Flüchtlingen ausgegeben haben. Die Haushaltsberatungen für die kommenden Jahre beginnen erst, aber Finanzminister Schäuble scheint Nahles’ Pläne zu unterstützen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Inzwischen bremst die Union Nahles nicht einmal mehr bei ihrem Versuch, neue legale Arbeitsmöglichkeiten für Menschen aus den Balkanstaaten zu schaffen. Nahles plant Jobkontingente für Arbeitsmigranten, damit weniger Menschen aus diesen Ländern illegal einreisen und in – meist aussichtslose – Asylverfahren drängen.

Bisher wollten viele CDU-Politiker weniger, nicht mehr Arbeitsmigranten im Land sehen, deshalb sperrten sie sich gegen ein Einwanderungsgesetz. Nun kommt die Öffnung des Arbeitsmarktes für Einwanderer doch – unter einem anderen Namen. Denn in der Union setzt sich die Einsicht durch, dass es der Kanzlerin nützen wird, wenn dank Nahles’ Offensive die Zahl der Arbeitslosen niedrig bleibt. So war es seinerzeit auch bei Olaf Scholz, in der damaligen großen Koalition.

Kurz erklärt - Wie das Asylverfahren in Deutschland ist