Zur Wahrheit gehört eben auch, dass vieles in den Museen der Gegenwart nicht übermäßig bedeutend ist. Das ist keine neue Beobachtung und eine ketzerische schon gar nicht. Bereits im 19. Jahrhundert bemerkten die Zeitgenossen, dass die anwachsende Quantität – mehr Maler, größere Formate! – der Qualität nicht unbedingt aufhilft. Ähnlich ist es heute, da sich mit dem, was Künstler allwöchentlich allein in Deutschland produzieren, gewiss zwei, drei Ikea-große Museen füllen lassen. Umso interessanter wäre es, klarer zu unterscheiden: zwischen dem Kunstvollen und dem, was man das Kunstige nennen könnte.

Der unbestrittene Meister der Kunstigkeit (oder sollte es Kunstizismus heißen?) ist derzeit der dänische Künstler Danh Vo, dessen Familie aus Vietnam stammt, der in Kopenhagen und Frankfurt studierte und der in diesem Sommer mit gleich mehreren Großausstellungen von sich reden macht.

Überzeugt hat er damit weniger die Kritiker, die dem 40-Jährigen in der Regel halb verwundert, halb skeptisch begegnen. Überzeugt hat er aber einige sehr machtvolle Sammler, allen voran den französischen Multimilliardär François Pinault, der in Venedig gleich zwei kolossale Ausstellungshallen betreibt. In der Punta della Dogana darf Vo gerade etliche eigene Werke zeigen, aber nicht nur das. Er hat auch die große Sommerausstellung konzipiert, die Pinault zeitgleich mit der Biennale eröffnete. Alle Welt kann dort nun sehen, was diesen Künstler auszeichnet: eben nicht bloß ein Künstler zu sein.

Er beherrscht durchaus das Format der gepflegten, kleinen Einzelausstellung, wie sie gerade in Köln zu sehen ist, im Museum Ludwig ebenso wie in der Galerie Buchholz. Er kann, wenn es sein muss, auch große Räumlichkeiten mühelos füllen, etwa den dänischen Pavillon auf der Venedig-Biennale. Doch zeigt sich dort ebenfalls, dass Vo weniger ein Künstler ist als ein umtriebiger Sammler, ein umsichtiger Kurator und vor allem ein umwerfender Bedeutungsarrangeur.

Dafür lieben sie ihn, sie erkennen in ihm den Bruder im Geiste. Einen, der auf Auktionen auftritt und wurmstichige Christusfiguren des Mittelalters oder geborstene Marmorskulpturen der Antike ersteigert. Einen, der seine Sammlung abgelegter, oft hinfälliger Dinge geschickt aufbereitet, sie mit anderen patinierten Hinterlassenschaften kombiniert, mit uralten Sockeln oder auch Transportkästen aus dem 20. Jahrhundert. Und der es dann noch versteht, die kruden Assemblagen aus Wertvollem und Wertlosem mit gewitzten Bildtiteln zu versehen. Vo ist der Übersammler, der Überkurator. Ein Überkünstler leider nicht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Obwohl er ein Gespür hat für Aura, für die Sinnlichkeit alter, patinierter Dinge. Obwohl er sich traut, einen weiten Raum mit nur ganz wenigen, oft lapidar abgestellten Objekten zu bestreiten, um ihnen einen tiefen Nachhall zu entlocken. Obwohl er also nichts unversucht lässt, seiner Kunst etwas Zwingendes und Tiefgründiges zu verleihen, wirkt sie doch meist absichtsvoll verrätselt. Und das ist noch immer das wichtigste Merkmal einer kunstigen Kunst.

Kunstig ist sie, weil sie sich ihre Bedeutung nur zusammenleiht. Manchmal unterlegt Vo einem eigentlich hoch dekorativen Treibholz-Ensemble ein obszönes Zitat aus einem Horrorfilm, damit es zumindest auf der Metaebene ein wenig Schrecken verbreitet. Manchmal bedient er sich bei den eindringlichen Werken anderer Künstler, die er zusammen mit den eigenen ausstellt, um sich deren Glaubwürdigkeit zu borgen. Oft hantiert er auch mit Versatzstücken der eigenen Herkunftsgeschichte, die geprägt ist von der Flucht seiner Familie aus Vietnam. Denn so erscheint das eigene Schaffen, als sei es von existenzieller Dringlichkeit beseelt.