DIE ZEIT: Leben wir in einer Gesellschaft, in der alle Fragen gestellt werden können? Viele meinen, nur die Reichen, die Medien, die Eliten würden gehört.

Martin Saar: Das sollen und können die Leute, die das meinen, öffentlich vortragen. Die Demokratie steht unweigerlich immer vor der Frage, wie sie damit leben kann, dass wirklich nicht feststeht, wer das Sagen hat. Alle anderen Regierungsformen, die wir kennen, gründen sich auf unbefragte Rechte oder Vorrechte, zum Beispiel des von Gott eingesetzten Königs, der durch ihre Fähigkeiten qualifizierten Besten, der mächtigen Eliten. Demokratie heißt Privilegien- oder Machtkritik.

ZEIT: Sie schreiben, nur eine Frage habe sich aufgelöst: wozu die Demokratie gut ist. Sie sei heute alternativlos. Wie kommen Sie darauf?

Saar: Das ist einfach die Zusammenfassung des politischen Zeitgeists in westlichen Gesellschaften. Wir sind alle in dem Sinne Demokratinnen oder Demokraten, dass wir finden, kein anderes System könne wirkliche politische Legitimität beanspruchen. Auch wenn mit dieser Einstellung viele Probleme im Innern der Demokratie erst beginnen.

ZEIT: Die Frage nach den Alternativen ist in der Demokratie erlaubt, aber kaum zu hören.

Saar: Doch, natürlich ist sie zu hören, und sie ist willkommen. Aber die Demokratie kann selbstbewusst sagen: Wer für sich vorentscheidet, dass nur Reiche, nur Eliten, nur Cliquen, nur Begabte, nur er selbst und die eigenen Freunde herrschen sollen, der muss angeben können, warum das so sein soll, und muss Mehrheiten davon überzeugen. Die Demokratie antwortet: Alle sind gleich. Heute würden fast alle sagen, dass es dazu keine Alternative gibt. Aber die Frage, was Gleichheit genau ist und impliziert, stellt sich immer neu.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

ZEIT: So gebiert jede Frage die nächste. Aber viele wollen Antworten auf ihre Sorgen. Weil es ihnen daran fehlt, vermissen sie die Frage nach dem Sinn von Politik.

Saar: Die Demokratie bringt auch das Gespräch über eine Vielzahl von Antworten hervor. Wir reden heute mit neuer Ernsthaftigkeit über Freiheit, Gerechtigkeit, Inklusion, Weltoffenheit, auch über Ausgrenzung und Gewalt. Nur gibt es in pluralistischen Gesellschaften nicht die eine, eindeutige Antwort. Aber die Frage nach dem Sinn der Politik ist doch nicht verschwunden!

ZEIT: Eine andere Frage ist kaum zu hören: ob es Demokratie ohne den hitzigen gefräßigen Kapitalismus geben kann.

Saar: Sogar diese Frage ist im Spiel. Fast niemand verdrängt sie mehr an die Seite. Die Zeit des diskursiven Streamlining ist doch vorbei. Sogar das System selbst ist heute wieder fraglich.

ZEIT: Wenn alles fraglich ist, sind alle Fragen auch politisch?

Saar: Fragen, die das Gemeinwesen und die gesamte Gesellschaft betreffen, sind politisch. Aber in Demokratien ist selbst die Frage, was eine politische Frage ist, eine politische Frage. Auch ihre Antwort steht nicht ein für alle Mal fest.

ZEIT: Ein Beispiel?

Saar: Das Verhältnis der Geschlechter ist erst allmählich zu einer politischen Frage geworden; was Privatheit ist, stellt sich heute neu als politische Frage, auch die Frage nach der Natur. Die Vertreter der Rechtsordnung können das in Demokratien ebenso wenig allein definieren wie technische oder wissenschaftliche Eliten. Es ist das Betriebsgeheimnis der Demokratie, dass niemals vorentschieden ist, wer die Macht zur Vorentscheidung auch dieser Sensibilitäten hat.

ZEIT: Viele wollen daran festhalten, dass ihre Werte unbefragt gelten, etwa ihre religiösen Überzeugungen, die Abwehr von Fremden oder die Vorstellung von Mann und Frau. Sie wollen nicht, dass alles fraglich ist.

Saar: Es hilft nichts: Die Demokratie kann Unbefragtes nicht hinnehmen und dort stehen bleiben. Sie fordert tatsächlich von allen Bürgerinnen und Bürgern, dass sie mit einer Haltung, die irgendwo zwischen Akzeptanz, Toleranz und Zähneknirschen liegt, hinnehmen, dass andere ganz anderer Meinung sind. Ist das so schlimm, wie es klingt? Nein. Denn wer in demokratischen Gesellschaften lebt, lernt dort von allein, mit der Erfahrung von Differenz zurechtzukommen. Er weiß auch: Manche letzte Grenzen werden durch das Recht geschützt.

Angst spricht nicht, Angst herrscht

ZEIT: Niemand kommt als Subjekt nackt in die Demokratie, jeder kommt mit seinen moralischen und ideologischen Überzeugungen.

Saar: Das ist auch gut so. Aber Fundamentalismus und Dogmatismus haben keinen Platz in ihr. Die rechtspopulistischen Bewegungen treten zwar durch einen demokratischen Anspruch auf, wenn sie sagen, sie seien das Volk, aber fast immer meinen sie: ihr eigenes Land, Frankreich, Deutschland, England, Griechenland. Wer auf die Frage nach dem Volk, nach dem demos, mit einem bestimmten ethnos antwortet, verfehlt die Offenheit der Demokratie. Sowohl der Front National als auch Ukip geben durchaus Antworten, und zwar streitbare, problematische, falsche. Ähnlich Pegida. Sie wissen genau, dass viele dieser Antworten nicht mehr in den Rahmen der freiheitsgarantierenden und egalitären Demokratie passen. Es schadet nicht, sie ins grelle Licht der Überprüfung durch das öffentliche Gespräch zu ziehen. Denn sie sind im demokratischen Diskurs nicht lebensfähig.

ZEIT: Kann die Demokratie ohne einen Gott, der nicht fraglich ist, funktionieren?

Saar: Wenn Gott etwas ist, das die Handlungen politischer Subjekte gänzlich bestimmt, dann funktioniert die Demokratie mit Gott jedenfalls nicht. Aber wenn diese Subjekte Gott nicht fundamentalistisch verstehen und es also verschiedene Verständnisse von Gott gibt, dann funktioniert die Demokratie mit Gott ziemlich gut. Doch dann braucht sie ihn auch nicht notwendigerweise und kommt ohne ihn zurecht. Um Frieden und Menschlichkeit zu wahren, um Rechte zu garantieren, braucht eine Gesellschaft Gott nicht. Aber auch die weltlichen Demokraten müssen damit leben, dass viele Bürger in ihr sich an einen Gott gebunden wissen.

ZEIT: Kann die Angst der Bürger die Demokratie infrage stellen?

Saar: Angst spricht nicht, Angst herrscht. Wir sind nicht nur Vernunftwesen, sondern auch von Affekten bestimmt, sie spielen in einer demokratischen Gesellschaft eine große Rolle, aber sie darf sich nicht von der Angst beherrschen lassen. Gute Politik kann Affekte moderieren, aber sie kann auch angstüberwindend wirken, indem sie Handlungsfähigkeit erzeugt und stärkt. Sie kann Gefühle der Ohnmacht mindern.

ZEIT: Kann Gewalt auch Fragen an die Demokratie stellen?

Saar: Gewalt ist stumm. Ein Mord stellt keine Frage. Aber wir stehen in verletzlichen Demokratien vor der Frage, wie Terror oder Gewalttaten gegen Flüchtlinge möglich geworden sind und wie wir damit leben, dass sie möglich sind. Wenn Protestbewegungen nun suggerieren, alles liefe zurzeit schief, weil "ihr uns, dem Volk, nicht zuhört", dann muss die erste Gegenfrage heißen: Woher wisst ihr denn, wer das Volk ist? Wer gibt euch das Recht zu bestimmen, wer dazugehört und wer nicht?

ZEIT: Aber es gibt gewisse Rede-Tabus, und wenn man an sie rührt, gefährdet man leicht seine Seriosität oder Gesellschaftsfähigkeit. Wer hierzulande die Todesstrafe für Terroristen fordert oder Putins Politik für verständlich hält, riskiert die Ächtung.

Saar: Ich kann hier, ehrlich gesagt, weder starre Tabus noch effektive Ächtung wirklich erkennen. Es gibt doch in unserer relativ entgrenzten Medienlandschaft für fast jede Meinung ihren Platz. Dass gerade diese beiden Positionen nicht mehrheitsfähig sind, scheint mir übrigens wenig bedenklich zu sein. Es gibt gerade in den neuen Medien auch eine Lust, die eigene Position auszustellen als eine, die nicht sagbar sei. Das wird man doch sagen dürfen! In der Tat, man darf es.