Berechtigte Klagen oder Jammern auf hohem Niveau? In der Debatte um die Situation junger Wissenschaftler in Deutschland spielen häufig Befindlichkeiten, gefühlte Wahrheiten und Polemik eine Rolle. Ausbeutung und unklare Perspektiven bemängeln viele Betroffene, Leidenschaftslosigkeit und Naivität wirft ihnen der ein oder andere Professor vor. "Das Thema Nachwuchs ist ins Zentrum der Wissenschaftspolitik gerückt", sagt Manfred Prenzel, der Vorsitzende des Wissenschaftsrats.

Aber wie geht es euch wirklich?

Das fragen nun die ZEIT und ZEIT ONLINE – und starten eine Crowdsourcing-Aktion unter jungen Wissenschaftlern:

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Wie viel Opferbereitschaft muss sein?

Häufig heißt es, die dauerhafte Überlastung von Doktoranden und Postdocs beruhe auf ungerechten Angestelltenverhältnissen. 20 Stunden stehen meist im Vertrag, aber in der Regel fällt viel mehr Arbeit an, als auf einer halben Stelle abzuarbeiten ist. Für das, was man leisten müsse, habe man zu wenig Zeit und zu wenig Geld, sagt Anna Tschaut, Vorsitzende des Doktorandenvereins Thesis. Eigentlich sollte der Fokus auf der Promotion oder der eigenen Forschung liegen. Nur so gibt es die Möglichkeit, die Karriere voranzubringen und später auf eine Professur zu kommen. Doch häufig geht ein Großteil der Zeit für Arbeit am Lehrstuhl drauf: an Forschungsanträgen mitschreiben, Vorlesungen vorbereiten und halten, Verwaltungstätigkeiten und Zuarbeit für den Professor. "Ausbeutung ist das nicht", sagt Wolfgang Herrmann, Präsident der Technischen Universität München. Den Umgang mit Studenten zu lernen und wie man Anträge richtig schreibt, das seien wertvolle Erfahrungen für das wissenschaftliche Berufsleben. "Wenn man allerdings so viel malochen muss, dass man fünf oder sechs Jahre für die Dissertation braucht, ist das ein Unding", sagt Herrmann.

De facto liegt die durchschnittliche Promotionsdauer in vielen Fächern bei deutlich über vier Jahren. Schon das ist für junge Wissenschaftler sehr problematisch: Weil ihre Verträge oder Stipendien meist auf maximal drei Jahre befristet sind, stehen sie unter permanentem Druck, mit der Promotion voranzukommen, während die Arbeitszeit für andere Dinge draufgeht. Die Gefahr, mit einer halb fertigen Dissertation, aber ohne Geld dazustehen, setzt der Psyche zu. Das gilt auch für Postdocs, deren Vertragslaufzeiten zu kurz sind, um ihre Forschungsprojekte zu schaffen.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015.

Muss der Prof immer bereitstehen?

Wenn ein Professor an seinem Lehrstuhl zwei Doktoranden beschäftigt, kann er diese vernünftig betreuen. Aber was, wenn er fünf hat, zehn oder zwanzig, vielleicht sogar dreißig? Reicht seine Zeit dann auch für eine gute Betreuung? Schwer zu sagen. Und was heißt überhaupt gute Betreuung? Tägliche Mailwechsel? Wöchentlicher Austausch? Einmal im Monat, dafür intensiv? Auch hier: schwer zu sagen. "Das hängt vom jeweiligen Fach und auch vom jeweiligen Professor ab", sagt TU-München-Präsident Wolfgang Herrmann. Eine Obergrenze an maximal zu betreuenden Doktoranden lehnen im Wissenschaftssystem fast alle ab. Stattdessen fordert der wissenschaftliche Nachwuchs individuelle Betreuungsvereinbarungen. "Von vornherein festzulegen, wie die Betreuung durch den Professor aussieht, würde extrem helfen", sagt Anna Tschaut von der Doktorandenvereinigung Thesis. Auch der Deutsche Hochschulverband, quasi die Professorengewerkschaft, empfiehlt Betreuungsvereinbarungen – auf freiwilliger Basis. "Versuche, Hochschullehrern die Vereinbarungen per Gesetz vorzuschreiben, sind ein unzulässiger Eingriff in die Autonomie der Fakultäten", sagt ihr Präsident Bernhard Kempen. Zu viel sollte man von seinem Doktorvater oder seiner Doktormutter laut Kempen auf jeden Fall nicht erwarten: "Die Dissertation muss ihren Charakter als eigenständige wissenschaftliche Leistung behalten. Die Beratung ist daher auf grundlegende Fragen zu beschränken."