Wahrscheinlich ist es ein Gerücht, dass in Wedel bei Hamburg demnächst ein neues Kraftwerk gebaut wird. Sicherlich, es gibt Pläne, aufwendige Machbarkeitsstudien für Hunderttausende von Euro, es gibt Bürgerschaftsanfragen und Bürgerinitiativen und sogar eine Art Bürgerbeteiligung. Nach der Sommerpause, also sehr bald, will die Landesregierung das Große Gutachten vorlegen, das Antwort auf alle Fragen geben soll: Was da entstehen, was es kosten und was es leisten soll.

Nur eine Frage wird offenbleiben: Was dafür spricht, ein neues Kraftwerk zu bauen?

Natürlich, jeder darf mal träumen. Ein neues Elektrizitätskraftwerk, das ist ein Höhepunkt im Leben jedes Umweltpolitikers, eine Chance, wie sie nur alle paar Jahrzehnte einmal kommt. Hunderte von Millionen Euro wollen ausgegeben werden, eine einzige Entscheidung prägt für Jahrzehnte die Energieversorgung der Stadt. Das altertümliche Kohlekraftwerk in Wedel, um dessen Ersatz es wieder einmal geht, liefert bislang nicht nur Strom, sondern Fernwärme für ein Netz, das mehr als 450.000 Haushalte versorgt. Beides tut es in denkbar umweltschädlicher Weise. Ein modernes, effizientes, womöglich nachhaltig betriebenes Kraftwerk an dieser Stelle – das wäre so gut, als würden hunderttausend Wohnungen auf einmal saniert.

Die vermeintliche Notwendigkeit, das Kohlekraftwerk in Wedel stillzulegen, diente vor sieben Jahren schon der damaligen CDU-Regierung unter Ole von Beust als Begründung für den Bau des unwirtschaftlichen Megakraftwerks in Moorburg. In der letzten Legislatur griffen die Sozialdemokraten das Argument auf. "Das Kraftwerk Wedel ist abgängig und muss ersetzt werden", behauptete Olaf Scholz’ erste Regierung und kündigte den Bau eines "Innovationskraftwerks" an. Und nun sind offenbar die Grünen dran.

Ein altes, umweltschädliches Kraftwerk wird baufällig – was liegt näher, als es durch einen modernen, sparsamen und effizienten Nachfolger zu ersetzen? Dies ist auf den ersten Blick ein einleuchtender Gedanke. Auf den zweiten Blick ist alles daran falsch.

Das Kraftwerk "muss ersetzt werden"? Kraftwerke müssen überhaupt nicht ersetzt werden, man kann sie immer wieder reparieren. Nur war es früher so, dass sich das irgendwann nicht mehr lohnte. Nach 40 bis 45 Betriebsjahren kam für ein klassisches Turbinenkraftwerk gewöhnlich die Zeit, da die Investition in einen Neubau lukrativer wurde als immer neue Instandsetzungsarbeiten. Aus dieser Zeit stammt die Vermutung, für das Kraftwerk in Wedel, Baujahr 1963, brauche das Land demnächst einen Nachfolger.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der ZEIT Nr. 36 vom 03.09.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Nur: Diese Zeiten sind vorbei. Seit Wind- und Solaranlagen auf ihre unberechenbare Weise immer mehr kostengünstigen Strom ins Netz einspeisen, lohnt sich der Bau konventioneller Kraftwerke nicht mehr. Das Kraftwerk in Wedel mag alt sein, aber es lässt sich profitabler betreiben als jeder Neubau, der an seiner Stelle errichtet werden könnte.

Falsch ist auch die Vermutung, der Strom aus Wedel würde gebraucht. Der Strommarkt ist längst ein europäischer, Deutschland hat gewaltige Überkapazitäten, und seine Mischung aus Kohle- und Ökostrom drängt bei unseren Nachbarn vergleichsweise klimafreundliche Gaskraftwerke aus dem Markt. Ein neues Kraftwerk in Wedel, selbst wenn es ebenfalls ein Gaskraftwerk würde, wäre für die Umwelt kaum ein Gewinn. Es würde nicht Kohlestrom ersetzen, sondern lediglich bewirken, dass in Deutschland mehr und dafür im Ausland weniger Strom aus Gas erzeugt wird.

Und die Wärme? In Wedel wird ja nicht nur Strom erzeugt, sondern auch Fernwärme für das von Vattenfall betriebene größte Wärmenetz der Stadt. Dieser Fernwärmeanschluss ist der einzige Grund, das Kraftwerk in Wedel nicht ersatzlos stillzulegen. Und auf eine verquere Art dient der Wärmebedarf nun sogar zur Begründung einer neuen Anlage zur Stromproduktion.

Kraft-Wärme-Kopplung heißt das Zauberwort. Kraftwerke, die Strom und Wärme zugleich erzeugen, sind zwar teuer. Dafür sparen sie aber etwa ein Fünftel des Brennstoffs ein, der für eine getrennte Erzeugung von elektrischer und Heizenergie erforderlich wäre. Aus diesem Grund galten reine Heizwerke unter Umweltschützern früher einmal als rückständig. Und weil der Kraft-Wärme-Kopplung aus längst vergangener Zeit noch immer eine Art Ökoimage anhaftet, soll es nun offenbar auch in Wedel ein Wärmekraftwerk werden.

Die wichtigste Voraussetzung für den Einsatz dieser Technik ist aber längst nicht mehr erfüllt. Immer seltener werden Strom und Wärme gleichzeitig benötigt. Schon Anfang der zwanziger Jahre, wenn eine neues Kraftwerk in Betrieb gehen könnte, dürfte Strom in Deutschland an rund 1000 von 8760 Stunden im Jahr so reichlich zur Verfügung stehen, dass Produzenten noch dafür bezahlen müssen, ihn loszuwerden. Anfang der Dreißiger wird Deutschland womöglich schon an 5000 Stunden im Jahr mehr Ökostrom haben, als es verbrauchen kann.

Moorburg ist ein privates Desaster. Diesmal geht es um öffentliches Geld

Neue konventionelle Kraftwerke werden aber für viele Jahrzehnte geplant. Wer heute noch ein solches Kraftwerk baut, der muss seine Investition wahrscheinlich von Anfang an abschreiben.

Das wäre weniger heikel, wenn es um privates Geld ginge. Hamburg aber hat sich mit einem Volksentscheid vor zwei Jahren entschlossen, sein Wärmenetz bis 2019 von Vattenfall zurückzukaufen und selbst zu betreiben. Ein neues Kraftwerk in Wedel wäre wahrscheinlich vom ersten Tag an und mit Sicherheit für den größten Teil seiner Betriebszeit ein öffentliches. Auch wenn Vattenfall es baute, das Land müsste es zusammen mit dem Wärmenetz in vier Jahren kaufen und fortan betreiben. Anders als in Moorburg, wo der Energiekonzern Vattenfall seine eigenen Milliarden verschleuderte, steht daher in Wedel das Geld der Steuerzahler auf dem Spiel.