Ob wir in einer Gesellschaft der Denkverbote leben, ist selbst eine Frage, die die Gesellschaft spaltet. Jenseits aller inhaltlichen Positionen bilden die eine Gemeinschaft, die den Konformismus der veröffentlichten Meinung beklagen, und jene, die in der Anti-PC-Rhetorik ein strategisches Mittel der – wehleidigen – Selbstaufwertung erkennen wollen. Auffallend ist in jedem Fall, dass heute in fröhlicher Runde kaum jemand eine Meinung zum Besten gibt, ohne für sich zu reklamieren, damit gefährlich vom Mainstream abzuweichen – vor Kühnheit zitternd, um es mit Martin Walser auszudrücken. Denkreglement ist als Hintergrundannahme eine selbstverständliche Sinnressource, bei der sich jeder bedient. Und hier liegt ein Problem.

Denn die selbst behauptete Marginalisierung ist noch kein Adelsprädikat freien Denkens. Es ist nicht alles ein befreiender Tabubruch, was die "Lügenpresse" nicht veröffentlicht. Eva Herman, einst Deutschlands beliebteste tagesschau-Sprecherin, heute hingebungsvoll erfüllt von ihrer Rolle als Märtyrerin der Meinungsfreiheit, hat jetzt im Netz, auf den Seiten einer "Wissensmanufaktur", einen Aufsatz zum "Flüchtlings-Chaos" veröffentlicht. Sicherlich würde die Autorin behaupten, dass sie Tabus ausspricht und deshalb zum Schweigen gebracht werden soll. Es könnte aber auch sein, dass man ihre Positionen deshalb nicht diskutiert, weil man sich sonst in eine Welt wahnhafter Verschwörungstheorien begeben müsste.

Sie sieht hinter der "Flut" "fremdländischer Menschen" eine geheime Instanz, die sie behelfsweise "mächtige Globalbestimmer" nennt. Eine Koalition aus Medien, Nato, politischen Marionetten und IS arbeiteten gemeinsam daran, das Abendland auszurotten: Die "Todesschwadronen" der Nato haben Libyen zerbombt, um Europa mit Afrikanern zu "fluten", während 9/11 ein Fake des Westens war, um einen islamischen Feind aufzubauen, der jetzt in Gestalt des IS die lange geplante Abschaffung von good old Europe ausführt. Warum die westlichen Eliten ihre "zum Teil uralten Kulturen" beseitigen wollen, darauf gibt Eva Herman keine Antwort. Aber etwas anderes fällt ihr auf: Es sei doch seltsam, dass die Ausländer, angeblich die Ärmsten der Armen, über Smartphones verfügten. Nur wer sich, wie Eva Herman, von den Mainstream-Medien keinen Sand in die Augen streuen lässt, kann dieses Phänomen erklären: Die Smartphones haben die Flüchtlinge, damit der IS bei ihnen durchklingeln kann, wenn er den Marschbefehl zum Endkampf gegen das Abendland durchgibt.

Frage: Ist man wirklich schon ein Gutmensch, wenn man erleichtert ist, dass solche Positionen nicht zum Mainstream gehören?